Herzfragement vom 24. Februar 2026 - Die Zahl im Zelt
Eine Season ist vergangen, und wenn ich die letzten Monate betrachte, dann scheint es fast, als habe sich der Sturm gelegt. Man hört nichts mehr von der Kirche. Schwester Yeva soll in Krona einen Gemüsegarten pflegen, weil sie die alten Mauern nie ganz aufgeben konnte, und Schwester Dasha betreibt angeblich eine Kantine in Novodimitrovsk, wo sie die Chicks in Action im Kampf gegen die „Barbaren aus dem Norden“ unterstützt, wie sie MISA nennt – vielleicht Rache für das, was dem Orden in Gorka angetan wurde, vielleicht einfach ein neuer Versuch, Sinn zu finden.
All das klingt nach Alltag.
Nach Rückzug.
Nach Reue vielleicht.
Nach Frieden.
Und doch weiß ich aus Erfahrung, dass Ideologien nicht verschwinden, nur weil sie leiser werden. Manchmal wechseln sie nur das Gewand, treten einen Schritt zurück, sammeln sich – und warten.
Heute stand ein stilles Bambi am Camp in Prigorodki.
Es sagte nichts, bettelte nicht, drohte nicht, und doch war seine Anwesenheit spürbar wie ein kalter Luftzug. Es stand einfach da und beobachtete. Während ich Holz sammelte, Vorräte sortierte und einen Unterstand reparierte, während Bretter knackten und Rauch sich in meine Kleidung fraß, hob ich immer wieder den Kopf – und jedes Mal stand er noch da.
Ein paar Schritte weiter.
Ein paar Meter näher.
Dann wieder zurück.
Nicht nah genug, um Vertrauen zu fassen.
Nicht weit genug, um ihn zu vergessen.
Er lief um das Lager, langsam, in weiten Kreisen, fast wie ein Jäger, der prüft, ob seine Beute aufmerksam ist. Doch sobald ich ihn ansah, zog er sich zurück wie ein scheues Tier, verschwand hinter einem Busch, tauchte wieder auf, blieb stehen, sah mich an, schlich weiter. Es war kein aggressives Umkreisen, kein offener Anspruch – es war prüfend, abwägend, tastend.
Ich sprach ihn an. Keine Antwort.
Ich fragte, ob er Hilfe brauche. Keine Reaktion.
Nur dieser Blick. Nicht leer, nicht feindselig – nur wach.
Als Kallele und Davus dazukamen, rochen sie sofort Unruhe in der Luft. Sie trieben ihn ein Stück weg, jagten ihn halb aus Instinkt, halb aus Übermut durch die Bäume, und ich ging dazwischen, stellte mich zwischen sie und das Bambi und sagte: „Lasst ihn in Frieden. Er hat euch nichts getan.“ Und das stimmte. Er hatte nichts getan – außer da zu sein.
Später saßen wir am Feuer, und ich erzählte wieder eine Geschichte. Von Anansi und dem Teerjungen. Von einem, der schweigt und gerade dadurch die anderen zwingt, ihre eigenen Gedanken auf ihn zu projizieren. Von einem, den man nicht schlagen darf, nur weil er nicht antwortet. Und während ich erzählte, hörte man draußen leise Essgeräusche, das Rascheln von Kleidung, und schließlich schlich der Fremde näher, als hätte die Geschichte ihn eingeladen.
Er setzte sich nicht direkt ans Feuer, sondern etwas versetzt, wie ein Reh, das noch immer Fluchtwege im Blick behält. Er grillte seinen Fisch, hielt Abstand, aber er blieb. Und als er fertig war, teilte er mit uns, legte uns etwas von seinem Mahl hin, als wolle er wortlos sagen, dass er kein Feind sei. Ich überreichte ihm einen kleinen Begrüßungsteddy – vielleicht als Zeichen, dass auch Schweigende willkommen sein können.
Die Nacht wurde dichter, das Feuer kleiner, unsere Stimmen ruhiger. Wir erzählten alte Geschichten, lachten vorsichtig, dieses Lachen, das entsteht, wenn man spürt, dass die Welt für einen Moment nicht nur aus Misstrauen besteht. Und er blieb die ganze Nacht, sprach kein Wort, aber ging auch nicht.
Als der Morgen kam und Kalle und Davus aufbrachen, hing der Rauch noch flach über dem Boden. Ich schenkte dem Fremden einen Rucksack mit ein paar Dingen für den Weg, vielleicht als Zeichen, dass nicht jeder hier eine Waffe erwartet. Vielleicht auch als Zeichen für mich selbst, dass ich ihn nicht als Bedrohung sehen wollte. Dann ging ich Holz sammeln, um einen neuen Unterstand zu errichten.
Als ich zurückkam, hatte sich etwas verändert. Seine Haltung war angespannter, in seinen Händen hielt er ein Messer, das er kurz in meine Richtung hob – nicht mit einem Schrei, nicht mit einem Angriff, sondern wie ein Test. Ich reagierte nicht. Ich räumte Werkzeuge in Silas’ alten Schuppen, ließ mir nichts anmerken, und doch war ich wach.
Er schlich hinter mir her, schloss die Tür des Schuppens, nicht fest, aber bestimmt. Ich öffnete sie wieder, trat hinaus – und da kniete er im Essenszelt, das Messer in der Hand.
Er setzte es an seinen Hals.
Ich sprach ruhig, sagte ihm, dass er das nicht tun müsse, dass Chernarus groß sei und Wege habe, von denen man im Dunkeln noch nichts ahnt. Er ließ nach. Dann setzte er es wieder an. Dreimal wiederholte sich dieses stille Ringen.
Schließlich beschloss ich, dass ich ihn so nicht erreichen würde. Ich kenne diesen Blick – und ich bin kein Spielball für die Abgründe anderer. Also ging ich noch einmal Holz holen, in der Hoffnung, dass Raum manchmal mehr bewirkt als Worte.
Als ich zurückkam, lag er tot im Essenszelt.
Still.
Kein Kampf.
Kein Geräusch.
Nur endgültige Ruhe.
Und als ich seine Sachen ordnen wollte, sah ich es.
Im Zelt, aus Kürbiskernen gelegt, stand eine Zahl: 371.
Daneben lag eine pinke Armbinde.
Ich stand lange davor.
Das ist kein Zufall. Keine zufällige Zahl, kein neutrales Band. Das ist Erinnerung. Oder Warnung. Oder ein Lebenszeichen. Vielleicht alles zugleich.
Ich weiß nicht, ob dieser Mann nur ein Mensch war, der etwas loswerden wollte, oder ob er Teil von etwas Größerem ist. Aber ich weiß, dass die Kirche von Morthana nicht tot ist.
Sie ist nur leise geworden.
Und manchmal spricht sie nicht durch Predigten, sondern durch Zahlen im Zelt.