Samstag, 22.08.2026 – Tag 009 – Als Angst und Zorn mich leiteten
────────────── 💛 ──────────────
Hallo ihr Lieben,
Angst kündigt sich nur selten mit zitternden Händen und einem offen ausgesprochenen „Ich fürchte mich“ an. Manchmal nennt sie sich Vorsicht, Erfahrung oder...Pflichtgefühl. Sie flüstert uns ins Ohr; erinnert uns an all jene Augenblicke, in denen wir zu langsam waren, zu lange gesprochen oder einem Menschen einmal zu oft vertraut haben. Dann beschwört sie uns, dass wir dieses Mal schneller sein müssen, entschlossener und bereit, das zu tun, was wir beim letzten Mal nicht getan haben.
Das macht sie so gefährlich, denn Angst kann uns tatsächlich schützen. Sie schärft unsere Sinne, lässt uns Motorengeräusche in der Ferne hören und Bewegungen wahrnehmen, die wir sonst übersehen hätten. Aber wenn wir ihr lange genug zuhören, beginnt sie irgendwann, unsere Entscheidungen für uns zu treffen. Dann halten wir Entschlossenheit für Klarheit und merken erst später, dass wir in Wahrheit längst nicht mehr wussten, was richtig war.
An diesem Tag habe ich verteidigt, was mir anvertraut worden war. Ich habe einen Lastwagen gerettet, für den The_GraveDigger lange gearbeitet hatte, und mich zwischen unser Lager und Menschen gestellt, die es ausräumen wollten. Gleichzeitig habe ich auf einen Mann geschossen, der die Hände erhoben hatte, und später mit einer Brechstange auf ein Bambi eingeschlagen, als er mir unbewaffnet an der Küste begegnete und ich ihn für den Täter hielt.
Ich kann erklären, wie es dazu kam.
Aber eine Erklärung macht noch keine Entschuldigung.
────────────── 💛 ──────────────
📻 "Herz hat uns geschickt!"
Ich erwachte, weil Cypress mich anfunkte. Es war viel zu spät, als hätte mein Körper beschlossen, wenigstens für einige Stunden so zu tun, als gäbe es außerhalb des Schlafes keine Probleme.
„Herz, hast du jemanden zu uns geschickt, der uns irgendetwas überbringen sollte?“ Beinahe gleichzeitig meldete sich WhiskeyMixer mit einer ähnlichen Frage. Er wollte wissen, wer die Männer vom Vorabend gewesen waren, denn offenbar standen sie erneut vor der Basis und behaupteten, ich hätte sie geschickt.
Ich hatte niemanden geschickt.
Die vermeintlichen Besucher waren mindestens zu zweit und hatten wenig später auf die Reifen des roten Ada von Felixwert100 und Cypress geschossen. Zum Glück hatten die beiden bereits gewusst, dass ich mich zur Ruhe gelegt hatte. Außerdem wussten sie, dass ich ihnen Bescheid gegeben hätte, wenn tatsächlich jemand in meinem Auftrag zu ihnen unterwegs gewesen wäre. Sie ließen sich deshalb nicht überrumpeln, schlugen die Angreifer in die Flucht und hatten vermutlich einen von ihnen getroffen.
Ich dachte an Olli und Franzi, die ich am Vortag kennengelernt hatte, konnte mir jedoch kaum vorstellen, dass ausgerechnet sie hinter dieser Geschichte steckten. Das hätte zu unserem Gespräch und zu dem Eindruck, den sie bei mir hinterlassen hatten, nicht gepasst. Sicher wissen konnte ich es natürlich nicht.
WhiskeyMixer hatte eine andere Theorie: Er vermutete alte Bekannte. Mit diesen Leuten hatte es bereits in der Vergangenheit Schwierigkeiten gegeben, und sie hatten darum gebeten, nicht mehr in meinen Berichten aufzutauchen. Daran hatte ich mich gehalten. Ebenso deutlich hatte ich ihnen jedoch gesagt, dass man zwangsläufig wieder Teil unserer Geschichte wird, wenn man unsere Camps, meine Leute oder meinen Namen hineinzieht. Sollten tatsächlich Menschen unterwegs sein, die behaupteten, in meinem Auftrag Autoreifen zu zerschießen, musste ich das richtigstellen.
Damals waren sie wieder verschwunden, aber einen der Männer glaubte WhiskeyMixer nun erkannt zu haben. Doch ich selbst hatte keinen von ihnen gesehen und konnte seine Vermutung deshalb weder bestätigen noch widerlegen. Vielleicht hatte all das nichts miteinander zu tun. Vielleicht war es Zufall, dass diese Männer kurz nach meinen Berichten über das falsche Herz auftauchten und nun ebenfalls meinen Namen benutzten. Doch jemand versuchte offenbar, Misstrauen zu säen, und hätte Cypress mich nicht sofort gefragt, wäre am Ende womöglich die Geschichte geblieben, Herz-Aus-Gold schicke bewaffnete Männer zu den Garagen anderer Überlebender, damit sie dort die Reifen zerschießen.
Allein dieser Gedanke machte mich unruhig.
────────────── 💛 ──────────────
🚤 Eine Flucht über das Wasser
Eine Weile später schien sich die Lage wieder beruhigt zu haben, bis Jannnik in der Basis unserer Freunde plötzlich erschossen wurde. Der Angreifer trug eine Presseweste und wirkte auf den ersten Blick wie ein besser ausgerüstetes Bambi, ein Bambi+. Bevor Jannnik fiel, soll der Fremde noch darüber geschimpft haben, wie feige es sei, zu zweit gegen einen vorzugehen.
I.K.E.A. rückte umgehend aus, und auch Cypress und Felixwert100 machten sich bereit. Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 fuhr gemeinsam mit WhiskeyMixer in einem Boot die Küste entlang, als ihr bei Kamyshovo eine Ansammlung von Infizierten auffiel. Zu dieser Uhrzeit war dort ungewöhnlich viel Bewegung. Sie beobachtete das sumpfige Gelände von einem Boot aus und entdeckte schließlich einen Überlebenden mit Plattenweste und guten Waffen, der mit großer Eile an der Küstenstraße entlanglief.
Sie gab seine Position durch und nahm die Verfolgung auf, verlor ihn jedoch zunächst zwischen Wasser, Schilf und den Gebäuden aus den Augen. Erst als sie ein Motorengeräusch hörte, verstand sie, wohin er verschwunden war. Von der kleinen Insel aus sah sie ein blaues Boot, mit dem der Flüchtende offenbar davonkommen wollte.
Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 eröffnete das Feuer. Ihre ersten Schüsse trafen mehr Wasser als Boot, was sie in ihrer eigenen Zusammenfassung vermutlich entweder als "Warnschüsse" oder als taktische Einschüchterung des Chernarussischen Meeres bezeichnen würde. Der Fremde wich aus, doch irgendwann traf eine Kugel den Motor des Boots. Der Fahrer sprang ins Wasser, während von mehreren Seiten geschossen wurde. Schließlich wurde er getroffen, sein beschädigtes Boot versank und er ertrank.
Es war kein besonders rühmliches Ende. Jannnik erhielt zumindest einen Teil seiner Ausrüstung zurück, doch wer der Angreifer gewesen war, wussten wir weiterhin nicht. Gegen WhiskeyMixers erste Theorie sprach, dass unsere alten Bekannten nach einem Gefecht vermutlich kaum offen und schwer bewaffnet an der Küste entlanggelaufen wären. Zumindest hätten wir ihnen mehr Vorsicht zugetraut.
Damit blieb auch dieser Vorfall ohne eindeutige Antwort.
────────────── 💛 ──────────────
🐺 Fahnen, Wölfe und neue Gerüchte
Zwischen all diesen Meldungen ging das gewöhnliche Leben in den Camps weiter, soweit man in Chernarus überhaupt noch von gewöhnlichem Leben sprechen kann. Vezir fand Überreste des Loots vom Helikopterabsturz und tauschte mit Kallele von CHAOS eine Fahne, die er dringend benötigte. Vezir sprach von seiner "Wolfsbande" und "seinem Rudel", und erste Ideen nahmen langsam Gestalt an. CHAOS wollte er sich jedoch nicht anschließen. Vorerst zog es ihn allein durch das Land, auf der Suche nach Rudelmitgliedern.
Interception (Tim) brachte uns dreistellige Zahlenschlösser, Nägel, Sägen und Äxte und spendete alles dem Camp. Gerade an einem Tag, an dem so vieles auseinanderzufallen drohte, war es gut, zwischendurch auch Menschen zu begegnen, die etwas brachten, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.
NiggoB und Ikarus_98 (Pascal) trafen in Berezino auf zwei Bambis mit blauen Armbinden. Diese berichteten von einem Gespräch in Solnichniy und erzählten weiter, Autos finde man nicht im Norden, sondern an der Küste. Außerdem werde man in Chernogorsk sofort erschossen. NiggoB hielt das für falsche Informationen, und ganz richtig war diese Darstellung sicherlich nicht. Trotzdem musste ich zugeben, dass in den vergangenen Tagen durchaus dieser Eindruck entstanden sein konnte. Wer nur einzelne Schüsse hörte und nie die ganze Geschichte erfuhr, musste Chernogorsk inzwischen für eine Stadt halten, in der Wegweiser überflüssig waren, weil ohnehin jede Straße in den Tod führte. Das sagte ich NiggoB auch und nahm Der Bert gewissermaßen in Schutz, von dem die drei Bambis die INformationen erhalten haben wollen. Der Bert stellte auch klar, dass er das mit den Autos so nie gesagt habe. Allerdings hatten die drei Bambis ihm gegenüber behauptet, dass es Autos gab, die wie Taxis aussahen und nur einen Tag überdauern würden... Das alles klang mir mehr nach Geschichten aus dem anderen Chernarus. Ob die drei da etwas verwechselt hatten? Wir hatten ja auch kürzlich ein Bambi am Camp, das felsenfest gegenüber janinesta (Selina) behauptet hatte, ich hätte ihnen gezeigt, wie man Autos aus einem Terminal holen und spawnen lassen konnte und mein Name sei Naddel... Man sollte nicht alles glauben, was Bambis so erzählen.
Blitzo meldete unterdessen, dass das blaue Zelt an der Rostigen Axt abgebaut worden war. Es ging also wieder los...
Interception (Tim) fand zwei Leichen mit einem Messer am Camp, ohne dass wir wussten, was dort zuvor geschehen war. Dazu erreichten mich Grüße von "Jeremy White", deren Zusammenhang mir ebenfalls nicht ganz klar wurde. An manchen Tagen bestand mein Leben zu einem erstaunlich großen Teil daraus, Nachrichten entgegenzunehmen, deren Anfang oder Ende offenbar irgendwo dazwischen verloren gegangen war.
────────────── 💛 ──────────────
🩺 Zweimal Irina, ein Keks und ein Mann in Feuerwehrkleidung
I.K.E.A. traf auf ein Bambi, das sich bei der Feststellung seiner Personalien als "Irina" vorstellte. Der Name weckte Erinnerungen und sorgte deshalb zunächst für Unruhe, doch die Frau verhielt sich kooperativ und durfte weiterziehen.
Später führte eine Überlebende, die sich ebenfalls "Irina" nannte, eine andere Frau namens ZuzuCookie, kurz "Cookie" genannt, von Elektrozavodsk bis zu unserem Camp. Nonverbal. Nur mit Gesten und... Vertrauen? Ob es dieselbe Irina war oder Chernarus plötzlich beschlossen hatte, Irinas ebenso großzügig zu verteilen wie Tims, Toms, Tommys, Kevins, Janniks und Maxe, wusste ich nicht. Solange beide friedlich blieben, war mir das allerdings wesentlich lieber als eine weitere Person, die meinen Namen zur Täuschung verwendete.
Dann wurden wir von mehreren Seiten vor einem Überlebenden in Feuerwehruniform gewarnt, der bei Nacht unterwegs war. Er würde auf die Regeln hier pfeifen und war nur darauf aus "Stress" zu machen. Wir räumten das Camp vorsorglich geordnet und brachten die Menschen fort, die sich dort aufhielten. Der Mann zog schließlich weiter, ohne jemanden anzugreifen. Später erfuhren wir, dass Vezir im Funk beruhigend auf ihn eingeredet und ihn offenbar davon abgehalten hatte, etwas Dummes zu tun. Danke! Das war gut. Einen neuen Toah brauchten wir hier wirklich nicht...
────────────── 💛 ──────────────
🥒 Eine Lektion in Anstand
Auch Mischa kam an diesem Tag zu uns. Nein, nicht die Gruppe aus Tschechen und Slowaken namens MISA unter @(MISA) RO. Dieser Überlebende hier namens Mischa war neu in Chernarus, sprach in einer Jugendsprache, bei der Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 vermutlich kurz überlegte, ob sie inzwischen zu alt oder die Welt endgültig zu jung geworden war, und aß eine erstaunliche Menge Zucchini. Wenigstens hungern musste er danach ganz sicher nicht mehr.
Bei seiner Verabschiedung zeigte er Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 allerdings den Stinkefinger. Sie schimpfte mit ihm, woraufhin er erklärte, er müsse noch viel lernen, schließlich sei er zum ersten Mal in Chernarus.
„Jau, fang bei den Manieren an!“, gab sie ihm mit auf den Weg.
Mischa lachte, zeigte ihr erneut den Stinkefinger und ging.
Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 schoss auf ihn. Mit Gummigeschossen, wohlgemerkt.
Er verlor das Bewusstsein. Sie wollte ihn fesseln und zur Rede stellen, doch bevor es dazu kam, wählte er den Freitod. Damit endete eine Begegnung, die mit gespendeten Zucchini begonnen hatte, mit einem Toten vor dem Camp. Es war wieder eine jener Situationen, bei denen man sich hinterher fragen musste, wann genau aus einer Unverschämtheit eine Gefahr geworden war und warum der Griff zur Waffe inzwischen so viel schneller geschah als ein weiteres Wort.
Aber der Tag war noch lange nicht vorbei...
────────────── 💛 ──────────────
🏗️ Überfall auf GraveDiggers Turm
Damit hätte der Tag vorbei sein können. Doch ich hatte The_GraveDigger versprochen, während seines Urlaubs nach dem Camp in Berezino zu sehen. NiggoB hatte außerdem von einem Trio mit blauen Armbinden berichtet, das dort unterwegs gewesen war, und deshalb wollte ich vor Einbruch der Nacht wenigstens noch eine Runde um den Turm machen und schauen, ob noch alles in Ordnung war.
Am Vormittag hatte ich das Lager mit Zucchini und Nägeln versorgt. Ich war durch die Unterstände gegangen, hatte The_GraveDiggers Ordnung bewundert und mich über den Lastwagen gefreut, den er mit so viel Mühe fahrbereit gemacht hatte. In diesem Turm steckte noch nicht viel Material, verglichen mit den gewaltigen Festungen anderer Gruppen, aber dafür umso mehr Arbeit und Herzblut. The_GraveDigger hatte dort etwas begonnen, das einmal ein weiterer sicherer Ort für Überlebende werden sollte.
Kaum hatte ich am Abend das Haus in der Nähe des Camps erreicht, hörte ich einen Motor aufheulen.
Ich kannte dieses Geräusch.
Der Lastwagen.
Jemand versuchte, ihn zu stehlen!
Ich nahm die Pioneer, die The_GraveDigger mir anvertraut hatte, und rannte zum Camp. Der Motor heulte auf, Reifen drehten durch, und gleich darauf krachte der LKW gegen eine Wand des Bere-Towers. Zwischen dem Fahrzeug und den Gebäuden sah ich einen ausgerüsteten Überlebenden.
„Lass das und verschwinde von hier!“, rief ich ihm zu.
Der Mann sah mich an und hob die Hände.
Er rannte nicht fort. Er ging auch nicht langsam zurück oder versuchte, Abstand zu gewinnen. Er stand einfach da und sah mich an. Hinter ihm röhrte weiterhin der Motor des Lastwagens, der gegen die Wand gedrückt wurde. Spätestens da wusste ich, dass er nicht allein war. Irgendwo saß oder stand mindestens ein zweiter Mann, der noch immer versuchte, den LKW aus dem Camp zu bekommen. Ich kletterte auf ein abgestelltes Auto, um einen besseren Überblick zu bekommen, richtete die Pioneer auf ihn und rief noch einmal, dieses Mal so laut und deutlich, wie ich konnte:
„Verschwinde von hier! Letzte Warnung!“
Der Fremde lief langsam auf mich zu.
Ja, der Überlebende vor mir hatte die Hände erhoben. Das ist die Wahrheit, und ich werde sie nicht kleiner machen, nur weil sie schwer auf mir liegt. Vielleicht hörte er meine Aufforderung wegen des Motors oder der Entfernung nicht. Vielleicht verstand er nicht, was ich von ihm wollte. Vielleicht hatte er Angst, ein Weglaufen könne mich erst recht zum Schießen bringen. Vielleicht wartete er lediglich darauf, dass sein Begleiter eine bessere Position erreichte.
Ich wusste es nicht.
Über seiner Schulter hing ein länglicher Gegenstand, den ich in diesem Augenblick für eine Waffe hielt. Erst bei einer späteren Betrachtung erkannte ich darin ein Dreibeinstativ. Doch dort, zwischen dem beschädigten LKW und den Trümmern des Turms, sah ich nur etwas, das wie eine Langwaffe aussah, und einen Mann, der trotz meiner Warnungen nicht ging, sondern auf mich zukam.
Ich dachte an The_GraveDigger. An seine Freude über den Lastwagen, an die Nägel, die Zucchini und die sauberen Unterstände. Ich sah vor mir, was aus dem Camp werden sollte, und gleichzeitig hörte ich Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 beinahe in meinem Kopf: „Du redest zu viel, Herz!“
Ich dachte an Toah. An all jene Male, in denen Menschen ihre Hände gehoben und anschließend doch zur Waffe gegriffen hatten. An die drei Gespräche, nach denen Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 in der vergangenen Season erschossen worden war. Ich dachte daran, dass ich in diesem Augenblick die einzige Person war, die noch zwischen den Raidern und The_GraveDiggers Lastwagen stand. Wenn ich sie nicht aufhielt, wer dann?
Die Angst flüsterte mir zu, dass ich keine weitere Gelegenheit bekommen würde.
Also schoss ich.
Der Mann sackte leblos zusammen.
Für einen Moment war außer dem verhallenden Schuss nichts mehr zu hören. Dann rannte ich los, suchte Deckung und kletterte auf das Dach des Krankenhauses, um den zweiten Angreifer zu finden. Ich sah niemanden. Der LKW stand jedoch noch immer im Camp, und mir kam eine Idee, die wenigstens Zeit gewinnen würde: Ich schoss auf einen der Vorderreifen.
Danach umrundete ich das Gebäude, weil ich nach dem Mann sehen wollte, den ich erschossen hatte. Dabei entdeckte ich den zweiten Raider. Wieder suchte ich die erhöhte Position auf dem Dach und rief auch ihm zu, er solle verschwinden.
Er ging nicht.
Diesmal schoss ich nicht sofort. Ich hätte es gekonnt. Aber ich tat es nicht. Ich schimpfte auf die Raider, auf die Situation und darüber, dass ich das alles gar nicht wollte.
Doch der Mann hob seine Mlock und zielte hinter einem Zaun hervor auf mich. Sein Schuss streifte mich nur, traf jedoch dabei den Gaskanister in meiner Jacke, mit dem ich eigentlich eine Lampe für das Camp hatte betreiben wollen. Licht in der Dunkelheit...
Ein greller Blitz. Dunkeltheit um gab mich.
Es gab einen ohrenbetäubenden Knall, und die Welt verschwand.
Während ich bewusstlos dalag, traf mich wohl noch ein weiterer Schuss.
Man sagt hier "Karma regelt".
Tut es.
Immer.
────────────── 💛 ──────────────
🔧 Blinde Wut
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Nizhnoye. Ich suchte das dortige Camp auf, doch auch dieses wirkte verlassen. Kein Essen, keine Bandagen... nichts.
Am Brunnen trank ich, bis mein Körper sich wenigstens wieder halbwegs lebendig anfühlte.
Dort sah ich ein Bambi, das mit Infizierten kämpfte. Eigentlich wollte ich helfen. Ich ging mit meiner Brechstange dazwischen und traf den Fremden dabei zweimal. Wirklich versehentlich. Er rannte daraufhin schnurstracks in Richtung Berezino.
Ich folgte ihm eine Weile, machte jedoch noch einen Abstecher zum Lebensmittelladen, weil ich dringend etwas zu essen brauchte. Leider fand ich nichts.
Später trafen wir uns in der Nähe einer Scheune und eines Hauses erneut. Die Route, die er nahm und die Eile, die er an den Tag legte... Es ergab nun alles Sinn. Das musste er sein; der Mann, den ich am Turm erschossen hatte.
Scham stieg in mir auf, doch gleichzeitig war da noch immer dieser Zorn. Warum waren sie nicht gegangen? Warum hatte er mit erhobenen Händen vor mir gestanden und nicht auf meine Aufforderung reagiert? Warum hatte sein Begleiter weiter versucht, den LKW zu stehlen? Warum hatten sie mich in eine Lage gebracht, in der jede Entscheidung falsch wirkte?
Heute weiß ich, wie bequem diese Fragen für mich waren. Sie machten ihn zum Verantwortlichen für das, was ich tat.
Dabei hielt nicht er in diesem Augenblick die Brechstange.
Nein.
Ich hielt sie.
Ich war nicht mehr Herrin meiner Gedanken. Alles fühlte sich an wie ein Fiebertraum, als hätte die Reise an die Küste nicht nur meine Ausrüstung, sondern für einen Moment sogar mein Aussehen und den Menschen darunter verändert. Ich wollte nur zurück nach Berezino. Wollte den Lastwagen retten, den Turm halten und meinen Fehler mit dem Gaskanister irgendwie dadurch ungeschehen machen, dass ich wenigstens die Aufgabe erfüllte, an der ich zuvor gescheitert war.
Also schlug ich nach ihm.
Dieses Mal geschah es nicht versehentlich.
Er wehrte sich, doch am Ende lag er vor mir. Als ich ihn dort sah, wurde mir übel. Mit dem Schutz des Camps hatte dieser Angriff nichts mehr zu tun. Er war kein ausgestatteter Raider mehr, kein Mann mit einem vermeintlichen Gewehr über der Schulter und kein Teil einer Gruppe, die gerade einen Lastwagen stahl. Er war ein Bambi, und ich hatte aus Wut, Scham und Angst auf ihn eingeschlagen.
Auch diese Wahrheit werde ich nicht kleiner machen.
────────────── 💛 ──────────────
🍎 Der schlechteste Rat ist immer der eigene...
Trotzdem trieb mich nur ein Gedanke weiter: zurück nach Berezino.
Ich sage anderen immer, sie sollen nach einem Erwachen an der Küste nicht blind zum Ort ihres Todes zurückrennen. Sie sollen zuerst trinken, etwas essen und sich wenigstens so weit ausrüsten, dass sie nicht beim ersten Infizierten erneut zusammenbrechen. Es ist ein guter Rat.
Ich selbst schlug ihn an diesem Abend in den Wind.
Als ich Berezino endlich erreichte, war ich halb verhungert und kaum noch bei Kräften. Damit war ich niemandem eine Hilfe und vermutlich ging mein Gejammere den anderen im Funkkanal auf die Nerven. Ich war eine weitere Person, um die man sich im schlimmsten Fall hätte kümmern müssen, während am Turm noch immer mindestens ein bewaffneter Angreifer lauerte.
I.K.E.A. war inzwischen mit WhiskeyMixer und dreizehnzwoelf (Max) unterwegs nach Berezino. Auch vor ihrer eigenen Basis hatte es erneut Schwierigkeiten mit einem Bambi gegeben, doch trotzdem kamen sie. Die Apfelbäume am Rand des Feldes waren für mich zum Greifen nah, aber irgendwo in der Nähe des Turms schien der Schütze noch immer auf seine Gelegenheit zu warten.
So saß ich hinter einem Heuballen, hungrig, erschöpft und beinahe bewegungsunfähig. Ich konnte nicht vorwärts, ohne über das offene Feld zu müssen, und jeder weitere Schritt fühlte sich an, als würde mein Körper darüber abstimmen, ob er mich noch ein paar Meter tragen wollte.
Mühsam arbeitete ich mich bis zu den nächsten Obstbäumen vor und fand schließlich eine getrocknete Birne.
Es war die beste Birne, die ich je gegessen hatte.
Vermutlich war sie trocken, zäh und kaum der Rede wert. In diesem Augenblick schmeckte sie nach einem weiteren Versuch.
────────────── 💛 ──────────────
⚔️ Der Sturm auf den Turm
Dann hörte ich die anderen.
WhiskeyMixer, dreizehnzwoelf, Jannnik und sogar Mauersegler (Lehmi), Interception (Tim) und Cypress. Sie alle rückten auf den Turm vor. Schüsse hallten zwischen den Gebäuden wider, während ich noch immer versuchte, genug Kraft zu sammeln, um wenigstens nicht auf dem Feld umzufallen.
WhiskeyMixer wurde unglücklich am Kopf getroffen und verlor das Bewusstsein. Jannnik starb und fand sich wieder an der Küste. Auch Interception (Tim) setzte sein Leben aufs Spiel, damit die anderen vorankamen. Schließlich gelang es WhiskeyMixer, den verbliebenen Schützen zu erwischen.
Danach wurde es langsam ruhiger.
Wir atmeten durch, obwohl kaum jemand von uns wirklich unverletzt war. I.K.E.A. sicherte das Lager, während ich versuchte, den Lastwagen aus seiner verkeilten Position zu befreien. Mauersegler (Lehmi) und Cypress brachten mir einen Ersatzreifen, obwohl sie selbst aussahen, als könnten sie jeden Augenblick umfallen.
Gemeinsam schafften wir es, den LKW wieder flottzumachen. Ich verlud, was wir retten konnten, verschloss den beschädigten Turm und setzte mich schließlich hinter das Steuer. Der Motor sprang an. Langsam fuhr ich aus Berezino hinaus und folgte der Küstenstraße bis nach Prigorodki, wo der Lastwagen vorerst unterkommen sollte, bis The_GraveDigger wieder zurück war.
Als der Berezino-Tower im Rückspiegel kleiner wurde, wurde mein Herz schwer. Wir hatten das Fahrzeug gerettet, aber der Turm war beschädigt, Menschen waren gestorben und etwas von der Zuversicht, mit der The_GraveDigger dort zu bauen begonnen hatte, blieb zwischen den Trümmern zurück.
Im Augenblick fehlten uns die Mittel, um jedes Camp gleichzeitig zu halten. Das bedeutete jedoch nicht, dass wir Berezino aufgaben.
────────────── 💛 ──────────────
🐺 Ein ruhigeres Ende in Solnichniy
Wenigstens aus Solnichniy kamen bessere Nachrichten. Der Bert Bert ging es gut, und er hatte viel Besuch an seinem Camp empfangen. Es seien vor allem jüngere Leute gewesen, erzählte er. Eine Gruppe passte auf die Beschreibung von Franzi, Olli und vermutlich Stumpfi.
„Scheinen nette Leute zu sein“, meinte Der Bert.
Ich nickte. Diesen Eindruck hatte ich ebenfalls gewonnen, als ich Franzi und Olli getroffen hatte.
Für den Moment waren wir in Prigorodki in Sicherheit. Trotzdem ließ mich das Gefühl nicht los, dass die fremden Raider weitermachen würden. Vielleicht hatten sie sogar etwas mit den Leuten aus Elektrozavodsk zu tun. Sie waren erstaunlich beharrlich gewesen. Vielleicht waren es aber auch voneinander völlig unabhängige Gruppen, und wir versuchten nur, aus zu vielen losen Fäden ein einziges Muster zu knüpfen. Ich wusste es nicht.
────────────── 💛 ──────────────
🌅Gedanken zum Schluss
An diesem Tag wurden in meinem Namen Reifen zerschossen, Jannnik wurde in seiner Basis getötet und ein Mann ertrank bei seiner Flucht vor Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 und I.K.E.A. Im Camp begegneten uns zwei Frauen namens "Irina" und ZuzuCookie , ein Mann in Feuerwehrkleidung ließ sich von Vezir beruhigen, und Mischa lernte auf denkbar harte Weise, dass Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 den ausgestreckten Mittelfinger nicht als landestypische Grußformel anerkennt.
Am Ende führte mich der Tag nach Berezino, wo ich The_GraveDiggers Turm und den Lastwagen verteidigen wollte. Ein Mann hob vor mir die Hände, und ich erschoss ihn trotzdem. Sein Begleiter tötete mich, und als ich dem ersten später als Bambi wiederbegegnete, griff ich ihn mit einer Brechstange an. Danach kehrte ich halb verhungert zum Turm zurück, während andere ihr Leben riskierten, um den verbliebenen Angreifer zu stoppen. Gemeinsam retteten wir schließlich den LKW und brachten ihn nach Prigorodki.
Ich habe dafür Kritik bekommen, und ich muss sie mir gefallen lassen. Warum habe ich auf einen Menschen geschossen, dessen Hände erhoben waren? Warum habe ich nicht länger gewartet? Warum bin ich nach meiner Niederlage sofort zurückgelaufen, obwohl ich es jedem anderen verbieten würde? Und wie konnte ich schließlich auf einen Menschen einschlagen, der mir an der Küste ohne seine Ausrüstung gegenüberstand?
Auf manche dieser Fragen habe ich keine gute Antwort.
Der Mann hat meine Aufforderung vielleicht nicht gehört. Vielleicht hatte er Angst. Vielleicht wollte er Zeit für seinen Begleiter gewinnen. Ich werde vermutlich nie erfahren, was in diesem Augenblick in ihm vorging. Ich weiß nur, was in mir vorging: Ich sah einen bewaffneten Raider, obwohl über seiner Schulter lediglich ein Dreibeinstativ hing. Ich hörte den Motor des Lastwagens, sah The_GraveDiggers Arbeit in Trümmern und glaubte, die einzige Person zu sein, die noch etwas retten konnte.
Das erklärt meinen Schuss. Es macht ihn nicht richtig.
Noch schwerer wiegt der Angriff mit der Brechstange. Dort kann ich mich auf keinen vermeintlichen Gegenstand über seiner Schulter und keinen röhrenden Lastwagen berufen. Ich war wütend, beschämt und überzeugt, sofort nach Berezino zurückkehren zu müssen. Ich machte den anderen dafür verantwortlich, mich in diese Lage gebracht zu haben, obwohl ich selbst entschied, die Brechstange zu heben.
Auch Menschen, die helfen wollen, können Unrecht tun. Vielleicht müssen gerade wir uns dieser Möglichkeit besonders offen stellen, weil gute Absichten so leicht zu einer bequemen Rechtfertigung werden. Ich möchte nicht eines Tages behaupten, alles sei erlaubt gewesen, nur weil ich ein Camp verteidigte oder das Eigentum eines Freundes schützen wollte.
Trotzdem kann ich nicht versprechen, künftig niemals wieder zu schießen. Wenn meine Freunde, unsere Schutzbefohlenen oder unsere Camps unmittelbar bedroht werden, werde ich sie weiterhin verteidigen. "Samariter schaden nicht ohne Grund", so habe ich es im Eid geschworen.
Aber ich muss lernen, den Augenblick zu erkennen, in dem Schutz in Vergeltung übergeht und Angst nicht mehr warnt, sondern befiehlt.
Der gerettete Lastwagen steht nun in Prigorodki. Wenn ich ihn ansehe, freue ich mich, dass The_GraveDigger ihn nicht verloren hat. Gleichzeitig weiß ich, welchen Preis dieser Erfolg hatte.
Vielleicht besteht Verantwortung nicht darin, jede Entscheidung im Nachhinein zu verteidigen.
Vielleicht beginnt sie dort, wo man aufhört, vor den unangenehmen Fragen davonzulaufen.
Diesen Fragen stelle ich mich.
In diesem Sinne: Passt auf euch auf und bleibt am Leben.
Gez.
Herz-Aus-Gold 💛

Fraktionen auf Vanilla Chernarus 1.29/2