Herzzeit vom 10.06.2026 (Mittwoch) – Tag 063: Erschütterung
Hallo ihr Lieben,
es gibt Tage, an denen man spürt, dass etwas zu Ende geht.
Nicht eine Geschichte. Nicht eine Freundschaft. Sondern eine Gewissheit.
Heute war einer dieser Tage.
Ich habe immer gesagt, dass wir Samariter keine Soldaten oder Söldner sind. Dass wir reden, bevor wir schießen. Helfen, bevor wir verurteilen. Vermitteln, bevor wir Grenzen ziehen. Und doch gibt es Augenblicke, in denen man sich fragen muss, ob Menschlichkeit bedeutet, alles geschehen zu lassen, oder ob sie manchmal gerade darin besteht, diejenigen zu schützen, die einem ihr Vertrauen geschenkt haben.
🚗 Ein Auto gegen Vertrauen
Der Morgen begann überraschend ruhig. Ich traf Kallele am Camp in Prigorodki. Gemeinsam mit Davus fragte er nach einem Fahrzeug.
Der Hintergrund war schnell erzählt: Kallele war im Norden aus seiner weinroten Olga geschossen worden. Später stellte sich heraus, dass der Schütze niemand anderes als der freundliche Nachbar von Homeless gewesen war. Er hatte das Fahrzeug entdeckt, verfolgt und schließlich sowohl Kallele als auch seinen dortigen Handelspartner Toah überwältigt, nachdem das Auto zum Stehen gekommen war. Anschließend verlegte er sogar vorsichtshalber seine Basis.
Als Kallele nun vor mir stand, war die Stimmung unter den Samaritern alles andere als eindeutig. Viele fragten sich, ob wir CHAOS überhaupt noch ein Fahrzeug überlassen sollten. Neutralität bedeutete schließlich nicht, jede Entscheidung ohne Nachdenken zu treffen.
Gleichzeitig standen bei uns einige Autos, die niemand mehr beanspruchte. Also schlug ich einen Weg vor, mit dem ich leben konnte.
Keinen Handel. Keine Bezahlung.
Stattdessen sollten sie unsere Camps mit Lebensmitteln, Baumaterial oder anderen nützlichen Dingen unterstützen – allerdings nur dann, wenn diese Dinge nicht aus Raids oder geplünderten Lagern stammten. Diese Einschränkung war mir wichtig geworden, nachdem wir in der Vergangenheit erlebt hatten, wie großzügige "Spenden" plötzlich aus fremden Lagern stammten und sich manche dafür auch noch besonders klug vorkamen. Ich erinnerte mich an einen Vorfall, bei dem Ein Mitglied von MISA und Greeny_29 uns für ein Auto Kleidung bringen sollten. Diese hatten einige von der Gruppe dann "großzügig" von SebastianThe1st.s "Last Hope" mitgehen lassen, wie man mir hinterher schelmisch grinsend offenbarte. Uns war das damals bereits klar gewesen, aber diese Aktion sagte mehr über die Methoden unserer Tauschpartner aus, als über unsere Integrität. Aber wir waren vorsichtig geworden.
Eine zweite Bedingung war mir jedoch fast noch wichtiger: Das Fahrzeug sollte nicht zum Raiden verwendet werden.
Natürlich beruhte diese Vereinbarung auf Vertrauen. Und natürlich wusste ich, dass Vertrauen missbraucht werden konnte. Doch wenn wir niemandem mehr vertrauten, würden wir irgendwann genau zu der Welt werden, gegen die wir jeden Tag anarbeiten. CHAOS zog sich kurz zurück und beriet sich.
Dann kam Kallele zurück.
Sie akzeptierten unsere Bedingungen.
So wechselte die weinrote "Teufelsolga", die wir von Schwester Dasha überlassen bekommen hatten, den Besitzer. Ein alter Unfallwagen, den wir wieder instand gesetzt hatten und dessen ursprünglicher Eigentümer längst kein Interesse mehr daran gezeigt hatte. Doch sie fuhr und sie würde ihren Dienst leisten.
Ich hoffte, dass dieses Vertrauen nicht enttäuscht werden würde.
⚖️ Der gelbe Sarka
Nur wenige Stunden später wurde genau unser Vertrauen an anderer Stelle auf eine harte Probe gestellt. The_GraveDigger meldete einen gelben Sarka am Camp in Berezino.
Schon nach den ersten Worten war uns klar, welches Fahrzeug das sein musste: Es gehörte nicht den Samaritern, es gehörte CookFrags und Sense.
Oder besser gesagt: Es sollte ihnen gehören. Es stand in der Garage neben unserem Wohnheim, das wir für Neuankömmlinge und Überlebende eingerichtet hatten, die gerade alles verloren hatten. Für sie war dieses Auto mehr als nur ein Fortbewegungsmittel. Es war ein Stück Hoffnung. Ein kleiner Neuanfang und daher stand es auch unter unserem Schutz.
The_GraveDigger versuchte den Fahrer von seinem Turm aus anzusprechen.
Keine Reaktion.
Der Wagen fuhr weiter, da eröffnete eine der Wache am Camp das Feuer.
Über Funk wurden nach und nach alle Campwachen an den umliegenden Camps informiert. Immer wieder versuchten wir, das Fahrzeug friedlich zu stoppen. In Nizhnoye. Später bei "Little Prigo". Schließlich vor Prigorodki.
Jedes Mal wurde gerufen. Jedes Mal wurde gewarnt. Jedes Mal bestand die Hoffnung, dass der Fahrer einfach anhielt und wir die Situation klären konnten.
Doch nichts geschah.
Mit jedem Kilometer wurde mir deutlicher, worum es eigentlich ging.
Nicht um einen gelben Sarka.
Nicht um Besitz.
Sondern um die Menschen, denen wir versprochen hatten, dass ihr neuer Anfang bei uns nicht gleich wieder zerstört werden würde.
Wenn wir in diesem Moment einfach zugesehen hätten – welchen Wert hätte unser Wort dann überhaupt noch gehabt?
Irgendwann waren alle Möglichkeiten ausgeschöpft und wir ahnten, dass der Sarka vermutlich auf dem Weg zur Basis von CHAOS in Zelenogorsk war.
In Prigorodki wurde eine Straßensperre errichtet, die Campwache in Prigorodki erhielt schweren Herzens die Schuss-Freigabe.
Das Fahrzeug wurde wenige Meter vor unserem Auffanglager gestoppt. Erst danach erfuhren wir, wer am Steuer gesessen hatte. Es war niemand von CHAOS gewesen. Nein, es war Toah, der Sohn des Nyarlathothep. Ausgerechnet Toah. Ein junger Mann, dem wir selbst geholfen hatten. Mit dem wir am Lagerfeuer gesessen hatten. Dem wir erklärt hatten, warum unsere Camps anders sein sollten als der Rest dieser Welt.
Später tauschten wir schriftliche Nachrichten aus. Toah war zunächst außer sich vor Wut. Aus seiner Sicht war er völlig zu Unrecht direkt vor unserem Camp beschossen worden. Er verlangte, dass wir ihm das Fahrzeug bis Freitag ersetzen würden. Sollten wir das nicht tun, werde er mit Freunden zurückkehren und unsere Camps angreifen.
Er machte dabei deutlich, dass er jedes Recht habe, Basen zu raiden. Schließlich sei das nicht verboten.
Ich nickte. „Ja“, antwortete ich. „Da hast du recht.“ Ich habe nie behauptet, dass Raiden verboten sei.
Dann sah ich ihn an und erklärte ihm ruhig unsere Sicht.
„Aber wir Samariter haben genauso das Recht, das zu verteidigen, was uns andere Menschen anvertrauen. Und genau das haben wir heute getan.“
Nicht das Auto war für uns entscheidend gewesen, sondern die beiden Menschen, denen wir dieses Fahrzeug zugesagt hatten. Das Wohnheim war entstanden, damit Menschen nach einem Verlust wieder Fuß fassen konnten. Wir hatten die Position des Wohnheims offen kommuniziert. Wenn wir tatenlos zusähen, wie genau dort Fahrzeuge gestohlen würden, wäre all das, wofür wir standen, irgendwann nichts weiter als schöne Worte.
Langsam wurde das Gespräch ruhiger.
Ich fragte ihn schließlich, woher dieses Auto ursprünglich gekommen war.
Da wurde es still. Offenbar war ihm in diesem Moment erst bewusst geworden, dass auch er sich auf ein Fahrzeug berief, das nicht ihm gehört hatte.
Am Ende gingen wir respektvoll auseinander, aber wir Samariter blieben bei unserer Entscheidung. Es würde keinen Ersatz geben, weil jede Entscheidung in Chernarus Folgen hat.
Ich sage es immer wieder: Wir sind keine Soldaten, wir sind keine Räuber. Wir sind Samariter.
Aber wer glaubt, Menschlichkeit sei dasselbe wie Wehrlosigkeit, der verwechselt Freundlichkeit mit Schwäche.
So schwer es mir fiel, aber ich fürchtete auch wenn er sich einsichtig zeigte, würde dieser Tag noch Folgen haben. Etwas war erschüttert worden. Auf beiden Seiten.
🚚 Ein Stück Verantwortung weniger
Am Abend holte Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 schließlich noch Homeless und Sickboy in Svetlojarsk ab. Unterwegs fanden sie mehrere Fässer, die sie den beiden überließen. Zurück in Prigorodki erhielten sie außerdem den gelben Sarka zurück, den wir einst gegen den LKW getauscht hatten, sowie @Blitzos weiße Olga, die seine Freunde beim Raid auf die Kirche verloren hatten. Inzwischen schon bessere Tage gesehen hatte.
Sie bedankten sich herzlich und machten sich wieder auf den Heimweg.
Nach dem heutigen Tage war mehr als deutlich: Je weniger Fahrzeuge dauerhaft in unserer Obhut standen, desto besser.
🌱 Neue Gesichter und eine kleine Überraschung
Im Laufe des Tages meldete sich außerdem ein alter Bekannter zurück.
Assault war schon vor Jahren einmal in Chernarus unterwegs gewesen. Begegnet sind wir uns bislang noch nicht, doch den Erzählungen nach wusste er genau, was er suchte. Trotzdem hatte ich das Gefühl, dass sein Weg ihn irgendwann in das andere Chernarus führen würde, auch wenn ihm dieses Tor aus... sagen wir mal technischen Gründen bislang verschlossen blieb.
Später erschien sogar CHAOS am Camp.
Sie brachten Fleisch mit, brieten es über unserem Feuer und überließen es den Händen von Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371.
Sie war sichtlich überrascht und nahm die Gabe an.
Anschließend verschwanden sie wieder in Richtung Westen.
🌅 Gedanken zum Schluss
Als es dunkel wurde, fragte ich mich unwillkürlich, wen es in dieser Nacht treffen würde.
Irgendwo würden wieder Türen aufgebrochen werden. Irgendwo würde wieder jemand das verlieren, was er sich mühsam aufgebaut hatte.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir unsere Grenzen heute so deutlich gezogen haben. Nicht weil wir stärker sein wollen als andere, aber weil Menschen, die bei uns Schutz suchen, darauf vertrauen dürfen sollen, dass wir nicht einfach wegsehen. Und genau dieses Vertrauen ist am Ende vielleicht das Wertvollste, was wir überhaupt besitzen.
In diesem Sinne: Passt auf euch auf und bleibt am Leben.
gez.
Herz-Aus-Gold 💛