Unbekanntes Datum – Das große Finale (7): Umdenken
“Help me 'cause I′m falling when I can′t sleep
But I'm holding on, can′t face this night alone”
Wir machen gute Fahrt in Richtung Kamyshovo zur Urlaubsinsel. Mein Plan ist es, eine große Kampfschleife zu fahren, um dann von hinten über Hikarus Scheune nach Prigorodki vorzustoßen. Ich muss damit rechnen, dass die Entführer dort auf uns lauern.
Die Kälte dringt durch die nassen Stoffschichten, die an meiner Haut kleben. Ein kalter Schauer läuft mir über den Rücken, und ich kann das Zittern nicht länger unterdrücken. Bald beginnt meine Nase zu laufen, und ich schnappe immer wieder nach Luft, um das Niesen zurückzuhalten. Eine Erkältung bahnt sich an, aber ich beiße die Zähne zusammen. Die anderen haben genug Sorgen. Ich will nicht auch noch zur Last fallen.
Am Leuchtturm vor Elektrozavodsk hält das Boot plötzlich an. Das Knattern des Motors verstummt abrupt, und die Stille des Meeres umgibt uns. Ich verstehe nicht, warum wir hier stoppen. Eine Unruhe steigt in mir auf – auf dem offenen Wasser sind wir leichte Beute. Ohne viel nachzudenken, klettere ich an Land und suche Deckung hinter einem Felsen, während der kalte Wind meine Haut brennen lässt. „Aber hiergeblieben!!“ NiggoB s Stimme lässt mich innehalten, und ich zucke zusammen. Der Befehl klingt schärfer, als er vermutlich gemeint ist. Wie oft habe ich solche Worte in den letzten Wochen gehört? Ein innerer Sturm brodelt in mir, Wut und Erschöpfung flammen auf. „In Ordnung,“ stoße ich hervor und kämpfe darum, ruhig zu bleiben. Doch ich kann nicht anders und füge hinzu: „…aber nicht in diesem Ton!“ Niggo zögert, senkt den Blick und korrigiert sich: „Bleib bitte hier.“ Das leichte Zittern in seiner Stimme lässt meine Wut verfliegen. Ich nicke kurz und drücke mich in ein rotes Gebüsch, wo ich mich klein mache und die Umgebung scanne.
„War ja ne Heidenschlacht,“ murmelt Niggo, offenbar bemüht, die Anspannung zu lösen. Ich atme tief durch und antworte: „Definitiv.“ Doch die Worte kommen mechanisch, fast hohl. Was könnte ich auch sagen? Meine Gedanken schweifen ab. Wie viele Menschen haben ihr Leben riskiert, um mich zu retten? Wie viele sind gefallen? Ein Kloß bildet sich in meinem Hals, aber ich schiebe die Gedanken fort. Jetzt nicht. Ich friere unaufhörlich, die Kälte schleicht sich in jede Faser meines Körpers. Als Hikaru ebenfalls aus dem Boot steigt, überwinde ich meinen Stolz und frage vorsichtig: „Hast du eine Tablette? Ich glaube, ich brauche Antibiotika.“ Hikaru mustert mich kurz, dann nickt sie. Ohne ein Wort zieht sie ihre rote Erste-Hilfe-Tasche hervor, sucht routiniert darin und reicht mir eine Tablette. Ihre Professionalität gibt mir ein wenig Halt. „Danke, Hikaru“, sage ich leise, und sie winkt ab. „Du kennst mich ja nicht anders.“ Ihr Lächeln ist herzlich und beruhigend. Natürlich hat sie recht – auf sie kann ich immer zählen. Ihre Worte wärmen mich mehr, als es die Tablette könnte. Während ich das Antibiotikum nehme, hält Niggo seine Waffe fest in der Hand, die Augen aufmerksam auf die Umgebung gerichtet. Es gibt mir ein Gefühl von Sicherheit, zu wissen, dass er die Situation im Blick hat.
Wenig später gibt er das Signal zum Aufbruch. Zurück im Boot erkläre ich den anderen nochmals meinen Plan. „Ich vermute, die Entführer bewachen das Camp vom Wald aus oder vom Rohbau. Schlimmstenfalls von beiden Seiten. Wir müssen einen Bogen machen und von hinten herankommen.“ Hikaru meldet die Route meinem schwarzen Löwen, der alles koordiniert. Die Verantwortung lastet schwer auf ihm, und ich weiß, dass er die richtige Entscheidung treffen wird. Er muss es einfach! Wir nehmen Kurs auf Cap Golova. Der Nebel hüllt uns ein, und ich hoffe, dass er uns vor neugierigen Blicken schützt.
Während wir langsam weiterfahren, knurrt plötzlich janinesta (Selinas) Magen laut. Ohne zu zögern hole ich ein Stück geräucherten Fisch aus meinem Rucksack und reiche es ihr: „Hier, nimm das!“. Doch bevor sie zugreifen kann, rutscht der Fisch mir aus der Hand und plumpst ins Wasser. Enttäuscht schauen wir dem Fisch hinterher. Zeit für meine eiserne Reserve. Ich ziehe meine Packung Cornflakes, die ich in Solnichniy gefunden hervor und reiche sie Selina. Mir wird klar, dass dies unsere letzten Vorräte sind. Es muss einfach reichen. Wir sind so nah dran! „Hast du denn genug gegessen, Herz?“ fragt Hikaru leise, mit diesem typischen, unaufdringlichen Ton, der genau weiß, dass ich mich schuldig fühlen könnte. Ich fühle mich ertappt, aber versuche es mit einem leichten Schulterzucken zu überspielen. „Alles gut. Ich bin die letzten Tage mit sehr, sehr wenig ausgekommen. Es geht noch.“, sage ich müde lächelnd und denke an die entbehrungsreichen Tage in Gefangenschaft zurück. Hikaru nickt nachdenklich, aber fragt nicht weiter nach.
Doch Niggo bleibt nicht untätig. Mit geübtem Griff fischt er unser Abendessen wieder aus dem Wasser, hebt den Fisch hoch wie eine Trophäe. Feierlich überreicht er ihn Selina: „Hier, nichts geht verloren,“ sagt er grinsend, und ich schaffe es, ein kleines Lächeln hervorzubringen. Das Abendessen ist gerettet.