Das Tagebuch der Scherben (1.29/2)

  • Das Tagebuch der Scherben

    OOC-Hinweis & Disclaimer (Bitte aufklappen)


    Hallo zusammen!

    Ich bin erst seit ein paar Wochen auf dem Server unterwegs und möchte hier meine Erlebnisse aus Tims Perspektive teilen. Dazu ein paar kleine Hinweise vorab:

    Alles rein IC (In-Character): Die Einträge spiegeln ausschließlich Tims Sichtweise, seine Gedanken und seinen – manchmal etwas getrübten – Wissensstand wider.

    Kein Metagaming & Privatsphäre: Es werden keine vertraulichen Informationen, Koordinaten oder Dinge preisgegeben, die nicht ohnehin bereits im Spiel geschehen sind oder die beteiligten Charaktere nicht wissen dürfen.

    Kein böses Blut: Wenn Tim im Rollenspiel verwirrt, rau oder etwas seltsam agiert, hat das absolut nichts mit den Spielern hinter den Charakteren zu tun. Wir sind hier alle, um gemeinsam Spaß an der Story zu haben!

    Feedback & RP: Ich freue mich über jede Begegnung im Spiel und natürlich auch über Feedback und Theorien hier im Forum.

    Text & Bild-Unterstützung: Die Erlebnisse und Ideen stammen zu 100 % aus meinen Ingame-Begegnungen. Bei der Ausformulierung der Texte und der Erstellung von Grafiken lasse ich mich teilweise von KI unterstützen.

    Viel Spaß beim Lesen!

    Prolog: Sechs Stimmen sind fünf zu viel

    Das Zerbrechen

    Der Sturz vom Turm am Ende der letzten Season steckt mir immer noch tief in den Knochen. Eigentlich sollte man meinen, dass nach so einem Abgang Feierabend ist. Licht aus, Dreck drüber, fertig. Aber Pustekuchen. Die Seele stirbt nicht einfach. Sie zieht weiter. Ich bin wieder da. Oder zumindest das, was von mir übrig ist.

    Das Rauschen im Hinterkopf

    Ich bin nicht mehr alleine da oben drin. Seit der Sturz mich durchgeschüttelt hat, fühlt sich mein Verstand an wie eine gesprungene Scheibe. Sechs scharfe Kanten. Sechs Scherben, die mir ständig dazwischenquatschen, sobald ich kurz die Augen zumache. Ich hab noch keinen blassen Schimmer, was diese Dinger sind oder was sie eigentlich von mir wollen.

    Was ich bisher weiß:

    Zwei klingen ganz gut.

    Zwei klingen absolut böse.

    Eine redet gar nicht erst mit mir.

    Und bei der letzten läuft einfach nur dauerhaft Musik, diese beschissene Musik im Schädel. Wie ein kaputtes Radio, das sich nicht abschalten lässt.

    Ich spüre nur, wie sie alle nacheinander versuchen, das Ruder zu übernehmen. Und das Schlimmste daran? Manchmal bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich überhaupt noch merke, wenn es passiert.

    Mein Plan – solange ich noch ich bin

    Aktuell habe ich das Steuer noch halbwegs im Griff. Ich bin einfach Tim. Ich loote, ich baue, ich versuche nicht zu verhungern. Ganz normaler Alltag also. Der Druck im Schädel wird allerdings von Tag zu Tag stärker. Manchmal wache ich auf und weiß nicht mehr, warum ich an einem bestimmten Ort bin. Manchmal finde ich Sachen in meinem Inventar, an die ich mich nicht erinnern kann. Und manchmal...

    ...schreibe ich Dinge auf, an die ich mich später nicht mehr erinnern kann.

    Dieser Satz hier zum Beispiel.

    Ich weiß nicht, warum ich ihn geschrieben habe.

    Aber er steht da.

    Also lasse ich ihn stehen.

    Damit ich den Verstand nicht komplett verliere und damit die Leute da draußen irgendwann kapieren, was mit mir schiefgelaufen ist, schreibe ich diesen Schrott hier auf. Vielleicht ergibt irgendwann alles einen Sinn. Vielleicht finde ich heraus, wer die sechs sind. Vielleicht finde ich sogar heraus, warum sie ausgerechnet mich brauchen.

    Bis dahin gilt eine einfache Regel:

    Wenn ihr mich da draußen trefft, schaut mir genau in die Augen.

    Ihr wisst nie, wer von uns gerade am Drücker ist.

    – Tim [gdzherz]

    Einmal editiert, zuletzt von Interception (17. August 2026 um 21:53)

  • Das Tagebuch der Scherben 1


    Zurück in Elektro Tag 1
    Ich bin genau da wieder zu mir gekommen, wo für mich früher schon alles angefangen hat: mitten in Elektro. Die Knochen taten weh, die Straßen waren stumm. Nach der ersten Beutezug-Runde hab ich die Nacht im alten Krankenhaus verbracht. Es hat gestunken wie Hölle nach Gammel und Desinfektionsmittel, aber immerhin blieb der Scheiß-Regen draußen. Für die erste Nacht nach dem Tod gar nicht mal so schlecht.


    Stimmengewirr in Prigorodki
    Am nächsten Tag ging es weiter ins Flüchtlingslager nach Prigorodki. Schon von Weitem hat man gehört, dass dort mächtig was los war: überall Stimmen, Gewusel und fremde Gesichter, die am Camp gewerkelt haben. Von der ganzen Truppe hab ich eigentlich nur Herz-Aus-Gold wirklich erkannt. Kurz durchatmen, ein paar Worte mit ihr wechseln – tut auch mal gut, mitten in dem ganzen Trubel ein bekanntes Gesicht zu sehen. Für ein paar Minuten war einfach alles normal. Fast.


    Der Palast im Verborgenen
    Lange halten konnte ich es da aber nicht. Mir geht seit Tagen dieses komische Drängen im Hinterkopf auf den Sack.
    Du musst bauen. Ein Fundament legen. Einen Ort für das Gesetz.
    Keine Ahnung, warum ich auf den Scheiß in meinem Kopf höre, aber der Grundstein für den Palast der Scherben steht jetzt. Bissle gebaut, Zeug vergraben, Hütte gesichert. Sieht gut aus. Darf nur nicht sagen, wo. Das will keiner der Stimmen. Ich weiß nicht, warum mir das so wichtig war. Ich wusste nur, dass es gemacht werden musste.


    Die Stummen & der Morsecode Tag 2
    Auf der Suche nach mehr Baumaterial bin ich nochmal zurück nach Prigorodki. Da sind mir zwei Bambis über den Weg gelaufen. Wollte ganz normal quatschen, aber die zwei haben keinen Ton rausgebracht. Der eine hat stattdessen nur so ein rhythmisches, nerviges Piepen von sich gegeben. Ich schwöre, das war Morsecode. Kein Plan, was der Typ von mir wollte. Oder ob er überhaupt mit mir reden wollte.


    Kilometer schrubben bis Kamenka
    Weil der Magen geknurrt hat, ging es ab in die Wälder. Gejagt ohne Ende, Fleisch überm Feuer getrocknet und die Kisten vollgepackt. Die Jagd hat mich tief in den Süden getrieben, durch die ganzen Militärbereiche bis runter nach Kamenka. Hab ordentlich Meter gemacht, gutes Zeug abgegriffen und dem Tod wieder ein paar Mal knapp von der Schippe gesprungen. Eigentlich ein ganz normaler Tag. Wenn man von dem ganzen Scheiß in meinem Kopf absieht.


    Status
    Aktuell bin ich einfach nur Tim. Ich schufte, jage und versuche den Laden am Laufen zu halten. Aber nach den ganzen Märschen spüre ich es immer öfter: Das Flimmern hinter den Augen wird stärker. Und manchmal höre ich Dinge, die nicht von mir kommen.
    Das Land ist durstig. Ich werde es mit eurem Blut tränken.
    Schon wieder. Ich war das nicht. Ich hab das nicht gedacht. Wer zum Teufel schreibt hier eigentlich gerade?


    Die Suche nach der Zange Tag 3
    Bin heute vom Palast los, über Balota runter zum Auffanglager. Der Weg zog sich wie Kaugummi, aber immerhin zwei Tarnnetze eingesackt und sicher nach Prigo gebracht. Dort erst mal Loot abgeladen. Im Lager lief mir Herz-Aus-Gold über den Weg. Da war auch noch eine mir bisher unbekannten Überlebende. Blonde Haare, blaues Barett.
    Kaum hatte ich sie gesehen, fing eine der Stimmen an.
    „Töte sie.“
    „Nein, hä?“
    „Töte sie!!!"
    „Nein, warum?“
    „TÖTE SIE!“
    Immer wieder. Immer lauter. Keine Ahnung, was diese Stimme gegen sie hat oder warum sie sie unbedingt tot sehen will. Aber ich hab mich dagegen entschieden. Ich bin immer noch Tim und ich entscheide selbst, wen ich umlege und wen nicht. Fünf Minuten später lag der rohe Pilz, den ich ihr gegeben hatte, komplett verbrannt im Feuer. Ärgerlich? Klar! Aber deswegen bringe ich doch niemanden um, auch wenn eine der Scherben das offenbar anders sieht.
    Danach ging die Zangensuche los. Von Prigo komplett durch die Industriegebiete bis zur Rostigen Axt. Jede Halle, jede Kiste, jeden verdammten Winkel abgesucht. Zwei Stunden später: nichts.
    Er wird sie finden. Er muss weitersuchen.
    Okay, das stand da gerade noch nicht, aber hey, weiter geht's...
    Drei Stunden weiter gesucht. Inzwischen war ich in Zeleno. Keine einzige verflixte Zange. So langsam ging mir der Scheiß richtig auf den Sack.


    Fragment III – Die Gier | Tag 4
    Danach wurde der Schädel immer schwerer. Das Rauschen zog sich durch die Schläfen, dieses verdammte Flimmern hinter den Augen wurde immer schlimmer. Und dann war plötzlich die Musik weg. Einfach aus. Erst dachte ich noch: Na geil. Endlich Ruhe im Karton. War natürlich nicht so. Irgendwann hab ich gemerkt, dass ich nur noch zugucke. Ich war Beifahrer in meinem eigenen Verstand. Ich konnte alles sehen, alles hören. Nur den Scheiß steuern konnte ich nicht mehr. Was danach passiert ist, krieg ich nur noch in Fetzen zusammen.
    Wölfe in Balota. Ich hab sie alle erwischt. Mit bloßen Händen. Auseinandergerissen und geschlachtet. Ich weiß noch, dass ich dabei zugesehen hab. Aber ich weiß nicht mehr, warum ich das gemacht habe.
    Dann Cherno. Das Militärgebiet. Die Gasgranate. Die Luft hat gebrannt, der Schädel hat gedröhnt und meine Beine wollten irgendwann nicht mehr so richtig. Und irgendwo hinten im Schädel war da noch jemand, der diesen ganzen Scheiß offenbar verdammt geil fand. Keine Ahnung, wer das war. Aber irgendwas daran hat mich nicht losgelassen. Dieses Brennen. Dieser Rausch. Dieses Gefühl, dass mein ganzer Körper langsam die Kontrolle verliert. Als ich wieder halbwegs klar war, war mein ganzes Inventar plötzlich voll mit Fleisch und Medizin. Und dann hatte ich auf einmal ne kleine Schrotflinte dabei, die ich nie gefunden hatte.
    Keinen Plan, wo der Scheiß herkam.
    Und dann ging die Musik wieder an. Nicht leise. Nicht im Hintergrund. Sie hat alles übertönt. Dröhnen, Kreischen, Metall auf Metall, irgendein verdammter Rhythmus, der direkt durch den Schädel gehämmert hat. Ich war wieder nicht Herr meiner Sinne. Die Musik wurde lauter. Und ich konnte wieder nur zuschauen.
    Noch. Mehr. Gib mir mehr.
    Okay. Ich glaube, ich weiß langsam, wie ich die Scherbe nenne...
    Gier.
    Das Letzte, woran ich mich erinnere, sind Dutzende Epi-Pens, die sich vor einem Kamin gestapelt haben.
    Dann war Feierabend.
    Rauch, Blut und Dunkelheit.
    Zurück an die Küste.

    -Tim [gdzherz]

  • Das Tagebuch der Scherben 2

    Zurück in Prigorodki | Tag 5
    Das Meer hat mich wieder ausgespuckt. Keine Ahnung, wie lange ich da draußen war. Irgendwann bin ich in Prigorodki wieder zu mir gekommen. Schädel brummt, Klamotten nass und einfach froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Und dann der nächste Scheiß: Im ersten Zugwagon liegt tatsächlich eine Zange. Fünf Stunden hab ich mich vorher dafür durch halb Chernarus geschleppt und jetzt liegt das Ding da einfach rum. Ich hätte kotzen können. Die Musik ist weg. Komplett. Stattdessen ist da nur noch dieses tiefe, gleichmäßige Rauschen im Schädel. Ruhig. Kalt. Irgendwie anders. Im Zug bin ich außerdem einer brünetten Überlebenden in roter Kleidung begegnet. Sie hat nicht geredet. Ihren Namen kannte ich da noch nicht. Später am Camp hab ich sie wiedererkannt. Über Funk hab ich dann erfahren, dass sie UltrA ( ninja2.00926) heißt.

    Tim2
    Am Camp war ordentlich was los. Herz-Aus-Gold war da (wie immer) und noch jede Menge andere Leute. Gesichter, Stimmen, Gelaber.

    Dann sah ich ihn. Einen anderen Tim!

    "Töte ihn!"
    "Nicht schon wieder diese Scheiße!"
    "Lehre ihn?"
    "Besser!"

    Er hat mir erzählt, dass er noch ziemlich neu ist. Keine Ahnung, warum, aber in dem Moment, als meine Augen ihn erblickten, wussten wir plötzlich, was zu tun war.

    Wir zeigen ihm, wie man überlebt.

    Der Satz war einfach da. Klar und ruhig. Kein Geschrei, kein Druck. Also hab ich ihn mitgenommen. Polizeistation Cherno, Polizeiwache über Cherno, Military auf dem Weg nach Balota und später runter zum Airfield. Nicht viel gelabert. Viel gezeigt. Einfach überlebt. Und natürlich die goldenen Regeln unseres schönen Chernarus beigebracht. Komisch war nur, dass ich plötzlich ziemlich genau wusste, was ich ihm zeigen musste. Ohne vorher darüber nachgedacht zu haben.

    DiebSTAHL
    Als der Junge wieder seiner Wege ging, bin ich zurück zum Palast. Fässer geschleppt, Kisten rangekarrt, Barrikaden gesetzt und alles ordentlich dichtgemacht. Keine Ahnung, warum mir das gerade so wichtig war. Aber es musste gemacht werden. Nur war da noch was. Jemand war im Palast. Eine von vier Wänden halb zerlegt und ein paar Sachen fehlen. Nicht viel, aber genug, dass ich weiß, dass hier jemand drin war. Ich wollte gerade anfangen, mich darüber aufzuregen, da kam plötzlich eine andere Stimme.

    >> BESTANDSANALYSE
    Maximale Lagerkapazität: 450 Slots
    Strukturelle Integrität: 87,5 %

    Fehlende Ressourcen:
    Nägel
    ZANGE!!!!!
    Beil
    Draht

    >> BEWERTUNG
    Verlust tolerierbar.
    Wiederherstellungswahrscheinlichkeit: 98,7 %

    >> MASSNAHME
    Struktur wiederherstellen.
    Bestand rekonstruieren.

    Ich weiß nicht, was zur Hölle das gerade war. Aber irgendwie wusste ich sofort: Das kriegen wir wieder hin.

    Der 4000. Breitengrad
    Ich wollte nach Norden. Über Bor, Richtung Pavlovo. Einfach mal raus hier und weiter ins Landesinnere. Bei Bor war dann Schluss. Mir wurde schwarz vor Augen. Kein Schuss, kein Schlag, gar nichts. Einfach Licht aus. Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem kalten Boden im Palast. Schon wieder. Seitdem bin ich mir ziemlich sicher, dass mich irgendwas hier unten festhält. Sobald ich versuche, zu weit wegzukommen, kommt der Druck im Schädel zurück und irgendwann fehlt mir einfach ein Stück Zeit. Und immer wieder derselbe Gedanke.

    Zuck

    Wohin? Keinen Plan. Warum? Noch weniger. Also bleib ich erstmal im Süden. Wird schon irgendeinen verdammten Grund haben.

    Roadkill Tag 6
    Vom Palast aus ging es nochmal runter zum Military bei Kamenka. Unterwegs hätte mich beinahe noch ein Humvee plattgemacht. Gerade noch aus dem Weg gekommen, das Ding vorbeiziehen lassen und kurz beobachtet. Hat sich aber genauso schnell wieder verpisst, wie er gekommen war. Military gelootet und dann zurück Richtung Küste. Irgendwann kam ein Helikopter von Süden übers Meer, flog über Balota und ging irgendwo bei Zelenogorsk runter. Keine Ahnung, was da los war. Aber da ich da oben sowieso nicht hin darf, war mir das ziemlich egal. Also wieder nach Prigorodki. Ab ins Bambi-Camp.

    Operation Bandage
    Im Camp sah es mit Medizin ziemlich beschissen aus. Bandagen, Medikamente, der ganze Kram – kaum noch was da. Also wieder los Richtung Krankenhaus. Unterwegs traf ich .chantal2000 . Noch ziemlich frisch hier draußen. Also hab ich sie kurzerhand mitgenommen. Der Plan war, bisschen Zeug besorgen, Krankenhaus looten und wieder zurück. Eigentlich einfach.

    Das ruhige Rauschen meldete sich sofort wieder.

    Bring sie heil zurück.

    Der Gedanke war einfach da. Kein Druck. Kein Geschrei. Aber irgendwie wusste ich, dass ich auf sie aufpassen musste. Erst die Polizeistation nahe der Rostigen Axt leergeräumt und dann weiter Richtung Krankenhaus. Unterwegs noch einen anderen Bambi getroffen. Freundlicher Kerl. Hat uns sogar zwei Bandagen in die Hand gedrückt. Und dann kamen wir zum Personenbahnhof.

    Schüsse
    Plötzlich knallte es. Am anderen Ende der Brücke konnte ich einen Schützen erkennen. Ich bin sofort zurück zu .chantal2000 . Sie stand noch. Noch ein paar Schüsse. Dann lag sie. Für einen Moment dachte ich wirklich, das war's. Und in meinem Schädel ging direkt die nächste Scheiße los.

    „TÖTE IHN!“
    „Bring sie zuerst in Sicherheit.“

    Na klasse. Einer will Blut, der andere will Chantal hier raus.

    Bin ins nächste Haus, ans Fenster und hab die Gegend abgesucht. Und dann hab ich .chantal2000 wieder gesehen. Sie lebte. Also zugerufen: Hügel runter. Kriechen. Nicht aufstehen. Einfach runter und zu mir. Warum mir in dem Moment scheißegal war, ob der Typ draußen vielleicht auch auf mich schießt, weiß ich nicht. Ich wusste nur, dass ich Chantal da lebend wegholen musste. Sie hat es schließlich bis ins Haus geschafft. Kurz kontrolliert, ob ihr was fehlt, dann über Funk Hilfe angefordert.

    Herz-Aus-Gold kam schließlich und hat uns aus der ganzen Scheiße rausgeholt.

    Pflicht erfüllt.

    Blut BLUT BLUUUUT!
    Auf dem Rückweg hab ich mich irgendwann von Herz-Aus-Gold und .chantal2000 abgegabelt. Kaum waren die beiden weg, wurde es im Schädel brennend heiß.

    Blut wurde vergossen. Für jemanden, der unter deinem Schutz stand.

    Ja. Stimmt schon.

    Dann wurde es schwarz. Nicht bewusstlos. Anders. Ich war noch da, aber plötzlich wieder nur Beifahrer. Mein Körper lief weiter, mein Mund redete weiter – nur ich hatte bei dem ganzen Scheiß offenbar nichts mehr zu melden. Als ich halbwegs begriffen hatte, was gerade passiert, stand Mauersegler (Lehmi) vor mir und hatte eine abgesägte Schrotflinte in der Hand. Meine Schrotflinte. Wo ich die schon wieder herhatte? Warum er sie jetzt hatte? Keinen Plan. Noch besser: Irgendwas in meinem Kopf hatte offenbar beschlossen, dass Mauersegler(Lehmi) vorne läuft und ich dahinter. Der Kerl hatte kaum was zu verlieren. Perfekter Köder.

    Es ist gleich, woher das Blut fließt. Hauptsache, es fließt.

    Ich wollte dagegenhalten. Keine Chance. Wir wollten den Schützen finden. Nicht reden. Nicht fragen. Einfach die Rechnung begleichen. Dann fielen nördlich von Prigorodki Schüsse. Und irgendwas in mir wurde schlagartig hellwach.

    Die Pflicht geht vor. Schütze die Unseren.

    Das Brennen war plötzlich weg. Stattdessen wieder dieses tiefe, ruhige Rauschen. Der Griff am Lenkrad blieb – aber jemand anderes hatte übernommen. Die alte Rechnung war auf einmal zweitrangig. Da draußen fielen Schüsse, nah genug am Camp, dass Leute in Gefahr sein konnten. Auf dem Weg nach Norden stieß Tommy ( Cypress) zu uns. Schon ordentlich ausgerüstet. Also zu dritt weiter, Richtung Schüsse. Gegend abgesucht, Wald kontrolliert, rumgestochert – nichts.

    Keiner da. Kein Kampf. Kein Blut.

    Und je länger nichts passierte, desto lockerer wurde dieser Griff in meinem Schädel. Irgendwann war ich wieder da. Richtig da. Mauersegler(Lehmi) mit meiner Schrotflinte. Tommy neben mir. Ich irgendwo nördlich von Prigo. Und keine verdammte Ahnung, wie ich überhaupt auf die Idee gekommen war, einen Menschen als Köder vorzuschicken.

    Na klasse. Die Rechnung ist offenbar trotzdem noch offen.

    Nachspiel
    Später im Camp tauchte noch einer von I.K.E.A auf. Mir wurde nur gesagt: Das ist WhiskeyMixer , der muss mit .chantal2000 reden. Die beiden sind ein Stück abseits gegangen und haben das unter sich geklärt. Was da besprochen wurde? Keinen Plan. Geht mich auch nichts an. Herz-Aus-Gold hat mir später noch erzählt, dass I.K.E.A irgendwo in Cherno sitzt und dort wohl ziemlich strenges Protokoll fährt. Vor allem wenn draußen so ein Helikopter vom Himmel fällt, sitzen die anscheinend etwas lockerer am Abzug.

    Viel Später hab ich dann noch ein Statement von I.K.E.A zu einer anderen Sache gelesen:

    Gleichgewicht. Fairness. Kontrolle.

    Und dass I.K.E.A nicht einfach irgendeine Gruppe wäre, die durch Chernarus läuft und andere Leute erschießt. Aktive Feindschaft wollen sie wohl auch nicht ohne Anlass suchen. Klingt auf Papier eigentlich ziemlich vernünftig. Nur standen .chantal2000 und ich da mit den Waffen auf dem Rücken und kurz danach lag sie blutend auf dem Boden. Vielleicht hatte der Schütze seinen Grund. Vielleicht war wegen dem Helikopter einfach jeder nervös. Vielleicht weiß ich auch nur die Hälfte von dem, was da passiert ist. Keinen Plan. Mich hat die ganze Sache jedenfalls nachdenklich gemacht. Chantal stand unter meinem Schutz. Und irgendwer hat auf sie geschossen.

    "Blut wurde vergossen".

    "Och nö."

    "Eine Schuld aus Blut wird nur mit Blut beglichen."

    "Ja, danke. Wir reden später drüber"

    Feierabend? Nicht auf GDZ.
    Damit war der Abend natürlich noch nicht vorbei. Irgendwann schleppte sich noch ein Bambi ins Camp. Blutend, krank und allgemein ziemlich am Arsch. Anscheinend hatte der Kerl Wolfsfleisch erwischt, das irgendjemand ins Camp gelegt hatte.

    Wer macht denn sowas?

    Jedenfalls wollte der Typ die ganze Zeit sterben, selber dafür sorgen wollte er aber auch nicht. Also haben wir versucht, die Blutung zu stoppen und ihn irgendwie wieder zusammenzuflicken. Problem: Der Kerl hatte andere Pläne und hat sich gegen alles gewehrt. Herz-Aus-Gold hatte irgendwann die Schnauze voll, holte die Erziehungs-Pumpgun raus und verpasste ihm Gummi. Danach konnten wir ihn endlich ruhigstellen und fesseln. Hat nur leider nicht mehr viel gebracht. Der Kerl wurde bewusstlos und kam nicht mehr zurück.

    Chernarus halt.

    Danach hab ich mir von Lehmi erstmal meine abgesägte Schrotflinte wiedergeholt. Immerhin eine Sache, bei der ich wieder wusste, wem sie gehört. Später noch Vezir getroffen. Der erzählte mir stolz, dass er jetzt eine Gruppe gegründet hat: die Wolfsbande. Mitgliederzahl aktuell: einer.

    Läuft.

    Da ich rein zufällig mit ner Wolfskopf-Fellmütze auf dem Schädel rumgelaufen bin – keine weiteren Fragen –, hab ich ihm das Ding kurzerhand geschenkt. Wenn einer schon alleine ne Wolfsbande gründet, soll er wenigstens aussehen wie einer. Also wieder zurück zu meiner alten Kombi. Fischerhut. Pinke Skimaske.

    Alles wieder beim Alten.

    Naja. Fast.

    Ich hab noch einen Bericht über meinen letzten Abgang gelesen. Anscheinend hat mir dieses Ersetzbares Crewmitglied damals die Lichter ausgeknipst. Im Camp im Kochhaus. Damit wusste ich zumindest mal, wo ich verreckt bin.

    Auch gut.

    Zu dem Zeitpunkt war ich sowieso komplett durch. Gas in der Lunge, Musik im Schädel und keinen blassen Schimmer mehr, wer gerade meinen Körper fährt. Ob mich am Ende das Gas, irgendeine Krankheit oder ne Kugel umlegt, war da eigentlich auch schon scheißegal. Die Kugel war wahrscheinlich nur noch der Deckel auf dem Sarg.

    PS:
    Offenbar nennt Ersetzbares Crewmitglied mich inzwischen eine „geistige Wundertüte“.

    PSS: Konnte ja keiner ahnen, dass die geistige Wundertüte hinter diesem Vorfall steckte... Oh Mann. Das wird noch lustig.

    Musste so lachen, dass vorm Palast die Zombies aufmerksam wurden.

    Kann ich ihr nicht mal übel nehmen.

    -Tim [gdzherz]

    4 Mal editiert, zuletzt von Interception (26. August 2026 um 15:56) aus folgendem Grund: Kleine Korrekturen und Formatfehler.

  • Das Tagebuch der Scherben 3

    Der friedlichste Krieg meines Lebens Tag 6
    Am nächsten Tag bin ich irgendwann wieder im Camp aufgewacht und hatte erstmal genug von Cherno. Nachdem .chantal2000 und ich dort zuletzt beinahe durchsiebt worden waren, dachte ich mir: Elektro klingt doch sicher. Also los. Krankenhaus leergeräumt, Militärzelt am Marktplatz mitgenommen, Polizeistation durchsucht, Hafen abgeklappert und noch ein bisschen durch die Industrie gezogen. Dabei sogar ein Autozelt gefunden und kurzerhand dort hingestellt, wo früher mal das Bambi-Camp von Elektro war. Vielleicht kann's irgendwer gebrauchen. Danach wieder zurück nach Prigorodki, Zeug ins Camp geworfen und erstmal Ruhe. Erst später hab ich mitbekommen, dass währenddessen in Elektro wohl ordentlich die Kacke am Dampfen war. Irgendwer hatte sich mit Tommy ( Cypress) und Felix angelegt und offenbar war da einiges los. Ich bin währenddessen ungefähr zwei Stunden seelenruhig durch die Stadt marschiert. Kein Schuss, keine Begegnung, nichts. Man muss auch mal Glück haben.

    Lagerfeuer und schlechte Nachrichten
    Abends saß ich wieder am Feuer im Camp. Bambis kamen, Bambis gingen. Man hört zu, erzählt selber ein bisschen Scheiße und lernt Leute kennen. Networking nennt man sowas wahrscheinlich, wenn man dabei saubere Schuhe trägt. Dann kam Herz-Aus-Gold plötzlich ziemlich panisch angelaufen. Wir sollten verschwinden. Gefahr. Irgendwas würde gleich am Camp passieren und hier wäre es nicht mehr sicher. Also verteilten sich die Leute, einige suchten sich erhöhte Positionen und beobachteten die Gegend und ich bin erstmal in den Wald nördlich vom Camp verschwunden. Sicher ist sicher. Nach einer Weile fiel mir allerdings auf, dass ich eigentlich gar nichts zu verlieren habe. Was soll schon passieren? Also wieder zurück. Passiert ist am Ende gar nichts. Wer oder was auch immer da unterwegs war, hatte offenbar keinen Bock auf uns und zog weiter. Damit hätte der Abend eigentlich gemütlich auslaufen können. Natürlich nicht.

    Die Trotteltruppe
    Es war schon spät, als Herz-Aus-Gold plötzlich über Funk meldete, dass in Berezino ein Lastwagen geklaut wird. Kurz darauf wurde es hektisch und irgendwann kam die Nachricht, dass Herz dabei erschossen worden war. Mehr brauchte es eigentlich nicht. Tommy ( Cypress , Lehmi ( Mauersegler) und ich beschlossen kurzerhand, dass wir jetzt irgendwie eine Temporäre Gruppe sind. Keine besonders organisierte, keine besonders taktische. Eigentlich nur drei Typen, die gleichzeitig in dieselbe Richtung liefen: die Trotteltruppe. Unser Plan war nach Elektro, dort einen Wagen nehmen und dann hoch nach Berezino. Hat hervorragend funktioniert. Wir haben uns verfahren. Als wir irgendwann endlich ankamen, war I.K.E.A. schon da und ging die Sache deutlich professioneller an. Deckung, gegenseitiges Sichern, Stück für Stück vorwärts. Und dann kamen wir. Je weiter wir nach Norden kamen, desto schlimmer wurde es in meinem Schädel.

    „Grenzwert überschritten. Zu weit nördlich.“
    „Zurück.“
    „DREH UM. ODER ICH BRING ERST DIE UND DANN UNS UM.“

    Drei Stimmen. Gleichzeitig. Druck hinter den Augen, Wut, Drohungen. Alles in mir wollte nach Süden. Fast alles. Unter dem ganzen Geschrei lag wieder dieses tiefe, ruhige Rauschen.

    „Opfere dich für die deinen.“

    Die Meinen? Keine Ahnung. Aber Tommy und Lehmi waren für die nächsten zwei Stunden die Trotteltruppe, und die Trotteltruppe wollte Herz helfen. Also waren das jetzt wohl die Meinen. Während die anderen sich langsam und kontrolliert vorarbeiteten, bin ich irgendwann einfach in den Turm gelaufen. War eine ausgezeichnete Idee. Mich traf irgendwas. Dann war Schluss.

    Natürlich Prigorodki
    Als ich wieder zu mir kam, war ich zurück an der Küste. Prigorodki. Natürlich. Langsam geht mir das wirklich auf den Sack. Den Rest aus Berezino bekam ich nur noch in Fetzen über Funk mit und später konnte ich einiges davon noch in Herz-Aus-Gold Bericht nachlesen. Ich hab mich derweil im Hafen wieder halbwegs ausgerüstet und mich am Camp bedient, bis Herz irgendwann ebenfalls zurückkam. Sie brachte mir meine Plattenweste zurück, meine SKS und meinen Rucksack. Bambi Plus. Fast wie vorher. Nur eine Sache fehlte: meine abgesägte BK-43. Die verdammte Doppelläufige mit abgesägtem Lauf und Schaft, die inzwischen eine erstaunliche Angewohnheit entwickelt hat, immer wieder irgendwo bei mir aufzutauchen. Herz hatte sie an meinem Körper gefunden, mitgebracht hatte sie sie nicht. Ihre Begründung war ungefähr, dass sie nicht erleben möchte, dass das Ding irgendwann auf sie gerichtet wird. Kann ich irgendwo nachvollziehen.

    Trotzdem.

    Meine BK.

    Operation Bandage 2 Tag 7
    Am nächsten Tag wollte ich eigentlich nur kurz was Sinnvolles machen. Das letzte Mal hatte Operation Bandage schließlich eher damit geendet, dass .chantal2000 auf dem Boden lag und irgendwer auf uns schoss. Also: Operation Bandage 2. Vorher hatte ich endlich mal herausgefunden, welche Blutgruppe ich eigentlich habe: 0 negativ. Na klasse. Ausgerechnet ich bin Universalspender. Also Richtung Krankenhaus und alles eingepackt, was irgendwie nach Medizin aussah: Bandagen, Blutentnahme-Sets, IV-Kits und den ganzen anderen Kram. Gerade als ich fertig war, hörte ich hinten im Hof jemanden, der offenbar mit bloßen Fäusten einen Zombie vermöbelte. Kurz darauf sah ich es auch. Gut ausgerüstet. Normalerweise hätte ich vielleicht Hallo gesagt. Diesmal hatte ich aber weder Lust auf Gespräche noch darauf, mit einem Rucksack voller Medizin irgendwo im Hinterhof zu verrecken. Also Beine in die Hand und zurück nach Prigorodki. Im Camp war kurz Selina ( janinesta) da, der hab ich noch eine Packung Nägel in die Hand gedrückt und wahrscheinlich noch irgendwas anderes. Keine Ahnung mehr.
    Diesmal wollte keine der Stimmen Selina töten. Besser so. Die würde mich, glaub ich, zusammenfalten wie Origami, wenn ich mich je mit der anlege.
    Danach war ich entsprechend fertig, also Kochsalzlösung rein und hoffen, dass mein Kreislauf keinen Urlaub macht. Am Ende lagen vier Blutkonserven im Camp, dazu Bandagen, Medizin und der ganze andere Kram. Operation Bandage 2: erfolgreich. Hat ja nur zwei Versuche gebraucht.

    Sperrzone
    Abends ging plötzlich überall dasselbe Gerücht rum: Cherno ist Sperrzone. Warum? I.K.E.A. sagt das. Warum I.K.E.A. das sagt? Keinen Plan. Entweder wusste es keiner oder keiner wollte es sagen. Für mich klang das jedenfalls weniger wie ein Verbot und mehr wie eine Einladung. Ich wollte einfach wissen, warum. Also rein nach Cherno, über die Rostige Axt zur Polizeistation, ein bisschen gelootet und dann stand es plötzlich direkt vor mir: das PA-System von ganz Chernogorsk. Es fehlte nur eine Autobatterie und irgendwo hinten in meinem Schädel wurde jemand sehr aufmerksam.

    „Das ist deine Chance.“

    „Wofür?“

    „Unruhe.“

    „Ach. Natürlich.“

    Also zurück nach Prigo, Autobatterie organisiert und wieder nach Cherno.

    Good Morning Cherno
    Batterie rein, Mikrofon an und damit hatte Chernogorsk für kurze Zeit seinen eigenen Radiosender. Good Morning Cherno. Ich hab gefragt, warum hier eigentlich Sperrzone ist, ein bisschen geredet, ein bisschen ausprobiert und ein bisschen sinnlosen Scheiß erzählt. Irgendwann hupte draußen jemand und damit hatten wir Kommunikation erfunden: Ich stelle Fragen, die antworten mit der Hupe. Einmal Nein, zweimal Ja. „Ist das hier noch Sperrzone?“ Hup. Hup. Okay. „Warum ist das hier Sperrzone?“ Da stieß das System technisch offenbar an seine Grenzen. Kurz darauf kamen zwei schwer bewaffnete Leute die Hauptstraße runter Richtung Polizeistation. Ich dachte noch, ich begrüße sie freundlich mit einer Rauchgranate, dann räumten die erstmal sämtliche Zombies um die Polizeistation weg, die ich so schön als natürliche Alarmanlage hatte stehen lassen. Frechheit. Ich hatte mich innerlich schon darauf vorbereitet, dass das hier mein großer letzter Kampf wird und die mich nur tot aus der Polizeistation kriegen. Dann stellten die sich unten hin und wollten reden.

    „Langweilig.“

    „Ja, finde ich auch.“

    Die Erklärung war am Ende ziemlich unspektakulär: In und um ihre Basis gab es wohl immer wieder Stress. Schüsse, Explosionen und Leute, die ihnen ernsthaft auf den Sack gingen. Ich hab sicherheitshalber gefragt, ob ich mit meinem PA-Gelaber jetzt auch zu diesen Leuten gehöre. Nein. Es ging wohl eher um die Sorte nerven, bei der Löcher in Wänden und Menschen entstehen. Gut. Damit war das Mysterium der Sperrzone für mich erstmal erledigt und das Interesse in meinem Hinterkopf ebenfalls schlagartig weg. Also Autobatterie hinter der Polizeistation verbuddelt und zurück nach Prigo.

    Chantal. Schon wieder.
    Kaum wieder am Camp, kamen die nächsten Nachrichten. .chantal2000 war mit anderen Samaritern unterwegs gewesen und dann hatte sie jemand auf dem Rücksitz des Autos aus großer Entfernung erschossen.

    „CHANTAL!“

    Für einen Moment war es vollkommen still in meinem Kopf. Dann kam das Rauschen. Nur diesmal war daran überhaupt nichts Beruhigendes. Mehr als ihren Namen brauchte es nicht und ich wusste, dass wir losgehen. Also an der Küste entlang Richtung Elektro, dorthin, wo es passiert war. Die anderen suchten bereits nach dem Schützen. Ich fand wie der Zufall es so will Tommy ( CypR3ss) also 2/3 Trotteltruppe zusammen. Wir suchten und suchten und fanden nichts. Irgendwann kam die Meldung, dass zurück in Prigorodki jemand in einem Haus beim Kochen gesehen worden war, mit einer ziemlich dicken Knarre auf dem Rücken. Natürlich war die erste Vermutung: der Schütze. Also Beine in die Hand, wieder über den Berg zurück nach Prigo. Während andere aus etwas Entfernung beobachteten, machte die Trotteltruppe das, was die Trotteltruppe am besten kann: direkt hingehen. Ort abgesucht, niemand mehr da. Entweder falscher Mann oder schon lange weg. Also wieder zurück ins Camp.

    Fragment II – Der Zorn
    Herz-Aus-Gold und die anderen Samariter zogen irgendwann weiter. Tommy ( Cypress) und ich blieben zurück und haben aus Langeweile Zombies vom Rohbau aus beschossen. Ich wollte gerade runter und die Leichen durchsuchen, als Tommy meinte, da wäre jemand am Brunnen. Eine Frau. Ziemlich gut ausgerüstet: SV-98, M16, Plattenweste, Granaten und mehr als genug Zeug, um aus einem Gespräch sehr schnell etwas anderes zu machen. Ich ging hin und sagte Hallo. Fehler. Die Frau hatte eine ganz besondere Begabung dafür, auf jeden einzelnen Satz eine Antwort zu finden, bei der mein Puls ein kleines Stück höher ging. Einen Namen wollte sie mir nicht nennen. Angeblich hatte sie keinen. Na wunderbar. Während wir redeten, lag Tommy oben auf dem Rohbau. Sicherte und machte ziemlich deutlich, dass sie tot ist, sobald sie eine Waffe zieht. Da fing es wieder an. Erst dieses Brennen im Schädel. Dann das Beißen. Als würden sich irgendwo hinter meiner Stirn Nägel festsetzen und bei jedem Gedanken daran, die Waffe zu ziehen, ein Stück tiefer drehen.

    „Du bist kein Samariter.“

    „Ja?“

    „Was hält dich auf?“

    „Stimmt...“

    Sie nahm sich nebenbei Blut ab, aß Zucchini und redete weiter, und mit jedem Satz wurde die Idee, einfach eine Waffe zu ziehen, ein kleines bisschen weniger absurd. Herz hing zum Glück über Funk praktisch als Camp-Mutti in meinem Ohr und erinnerte uns daran, uns zu benehmen. Also haben wir uns benommen. Die Rotzgöre durfte gehen.

    Vermutlich besser so.

    Wahrscheinlich.

    Wobei...

    Nach fünf Minuten mit dieser *************** *********** hätte ich schwören können, halb Chernarus würde mir danken, wenn ich sie einfach unter die Erde bringe. Und das Schlimmste daran? Der Gedanke kam diesmal nicht nur von irgendeiner Stimme. Ich hatte selbst Bock drauf.

    „Du willst es doch.“

    „Ja.“

    „Dann tu es.“

    „Nicht hier.“

    „Warum nicht?“

    „Weil ich nicht völlig bescheuert bin.“

    „Feigling!“

    Für einen kurzen Moment waren wir uns da drin erschreckend einig. Die Nägel bissen noch immer aber ich hab die Waffe trotzdem stecken lassen.

    Nicht für sie.

    Sondern einfach nur, weil das 'ne ziemlich große Nummer gewesen wäre für jemanden, der gerade in DMR-Reichweite von Herz-Aus-Gold steht.

    Benehmen und so.

    Aber ich glaube, ich weiß jetzt langsam, wie ich diese Stimme in meinem Schädel nennen soll.

    Zorn.

    Operation Bandage 3
    Später kam noch ein weiterer Überlebender ins Camp, hat Hühnchen gebraten, Zucchini gegrillt, Pilze geröstet, Fackeln gebaut und ist irgendwann wieder seiner Wege gegangen. So können Begegnungen übrigens auch laufen. Ganz ohne Stress, Puls und beißende Nägel. Verrückt.
    Ich wollte danach eigentlich nur noch einmal kurz in Cherno Hallo sagen. Also Autobatterie wieder ins PA-System, Mikrofon an und ein bisschen in die Stadt gerufen.

    Nichts.

    Keine Hupe. Keine Stimme. Keine Antwort.

    Na gut.

    Sperrzone, my ass.

    Also bin ich stattdessen ein bisschen durch Cherno gezogen und hab gesucht, wo I.K.E.A. überhaupt sitzt. Nicht weil ich da irgendeinen Scheiß vorhabe. Wenn einem ständig gesagt wird, man soll um etwas einen Bogen machen, ist es einfach ganz praktisch zu wissen, wo dieses Etwas überhaupt ist.
    Auf dem Rückweg dann noch einmal Krankenhaus: Operation Bandage 3. Und diesmal hat das Ding richtig geliefert. Bandagen ohne Ende, Tabletten, Morphium, Blutentnahme-Sets, IV-Kits. Hinter dem Krankenhaus standen außerdem ein paar Unterstände, in denen ebenfalls medizinischer Kram gesammelt worden war. Hab mich ein bisschen bedient. Nur ein bisschen. Dann alles zurück nach Prigorodki und das Medic-Zelt vollgestopft: Bandagen, Medizin und sieben Blutkonserven.

    Dann meldete sich wieder diese andere Stimme.

    >> LAGERZUSTAND: UNZUREICHEND

    SORTIERUNG ERFORDERLICH
    EINZELZUGRIFF OPTIMIEREN

    Ja, natürlich.

    Also Packungen auf. Blister raus. Jeden einzelnen verdammten Tablettenstreifen sauber ins Zelt gelegt. Einer nach dem anderen. Nebeneinander. Damit man alles sofort sieht und bloß nichts irgendwo kreuz und quer rumliegt.

    >> ORDNUNG HERGESTELLT

    ZUGRIFF EFFIZIENT
    ZUSTAND: AKZEPTABEL

    Akzeptabel.

    Danke.

    Medic-Zelt voll. Mein Bluthaushalt leer. Chernarus für einen Abend genug geholfen.

    -Tim [gdzherz]

    2 Mal editiert, zuletzt von Interception (26. August 2026 um 15:57) aus folgendem Grund: Kleine Korrekturen und Formatfehler. Falsche Personen markiert.

  • Das Tagebuch der Scherben 4

    Das leere Zelt Tag 8

    Nachdem ich beim letzten Mal das Medizinzelt aufgefüllt, jeden einzelnen verdammten Tablettenstreifen ordentlich hingelegt und meinen eigenen Bluthaushalt dafür ruiniert hatte, war für mich erstmal Feierabend. Als ich heute wieder ins Camp kam, war das Zelt leer. Nicht ein bisschen leer. Leer leer. Bandagen weg, Medikamente weg, fast alles weg. Eine einzige Blutkonserve war noch da. Immerhin.

    Ich selbst hatte vom ganzen Blutspenden immer noch viel zu wenig Blut und mein Schädel fand den Zustand des Zeltes offensichtlich deutlich dringlicher als meinen Kreislauf.

    >> LAGERBESTAND: UNZUREICHEND
    ABWEICHUNG VOM SOLLZUSTAND
    WIEDERHERSTELLUNG ERFORDERLICH

    „Nein. Ich hab das gerade erst gemacht.“

    >> IRRELEVANT
    WIEDERHERSTELLUNG ERFORDERLICH

    Ja. Danke. Da ich offenbar sofort wieder losmusste und selbst immer noch aussah, als hätte man mir die Hälfte meines Blutes geklaut – was technisch gesehen sogar stimmte – hab ich mir die letzte Konserve direkt wieder reingeschraubt. Mein eigenes Blut zurück in meinen eigenen Körper. Kreislaufwirtschaft funktioniert.

    Also wieder Richtung Cherno, wieder Krankenhaus, Operation Bandage 4 oder wie auch immer wir den Scheiß inzwischen nennen wollen. Weit bin ich allerdings nicht gekommen. In der Nähe der Polizeistation bei der Rostigen Axt hing mir irgendwann ungefähr die halbe untote Bevölkerung von Cherno am Arsch. Ich wollte durch die Hintertür.

    Abgeschlossen.

    Natürlich.

    Ich weiß nicht, welcher Vollidiot während der Apokalypse noch Türen abschließt, aber ich hoffe, er war zufrieden mit sich. Die Zombies waren es jedenfalls. Ende aus.

    Das gelbe Taxi Tag 9

    Die Küste hat mich diesmal in Elektro ausgespuckt. Heimvorteil! Also wieder von vorne: Militärzelt, Polizeistation, ein bisschen Zeug zusammensuchen, das übliche Bambi-Aufbauprogramm.

    Dann kam aus dem Nichts ein gelber Sarka um die Ecke gebrettert.

    Sobald die mich gesehen hatten, war in meinem Schädel sofort Alarm.

    „Angriff! Die wollen dein Zeug. Töte sie zuerst.“

    >> DREI KONTAKTE
    DISTANZ NIMMT AB
    RÜCKZUGSROUTEN WERDEN BERECHNET
    VERBARRIKADIERUNGSMÖGLICHKEITEN: BEGRENZT

    „Ja, danke. Sehr beruhigend.“

    Der Sarka hielt, die Türen gingen auf und drei Leute stiegen aus. Und die kamen so schnell auf mich zu, dass meine Hand schon fast an der Mlock war.
    Die hatte genau einen Schuss. Nicht gerade die ideale Ausgangslage gegen drei Leute, aber besser einmal wehren als sich einfach umrennen zu lassen.
    Zum Glück fing dann einer von ihnen an zu reden.

    WhiskeyMixer, Max ( dreizehnzwoelf) und Ersetzbares Crewmitglied Nr.371.

    Die waren nicht zufällig hier.

    Die suchten mich.

    Mich?

    Warum zum F*ck suchten drei Leute in einem gelben Sarka ausgerechnet nach mir?

    371 sah mich an und meinte ziemlich beiläufig, sie hätte viel über mich gehört und gelesen.

    Das ist ein Satz, den man eigentlich von jedem gerne hört.

    Außer von 371.

    Die macht mir Angst, die Perle.

    Offenbar hat mein Tagebuch inzwischen Leser. Vielleicht betreiben 371 und Herz irgendwo einen kleinen Buchclub darüber. Lästerschwestern.

    Jedenfalls hätte Whiskey etwas für mich und ich sollte mit zum Camp kommen. Ich war frisch an der Küste, hatte kaum etwas zu verlieren und bekam eine kostenlose Taxifahrt angeboten. Also rein in den gelben Sarka.

    Urlaub fürs Gehirn

    Im Camp erklärte WhiskeyMixer mir dann, ich solle mich auf ein Bett legen, die Hose runterziehen und meine Arschbacken vorbereiten. Ich möchte an dieser Stelle festhalten, dass ich einige merkwürdige Tage in Chernarus erlebt habe. Das war trotzdem neu. Ich hielt erstmal Abstand und betrachtete die Situation mit dem gesunden Misstrauen eines Mannes, dem gerade gesagt wurde, er solle sich freiwillig ausziehen.

    Whiskey versicherte mir, das sei völlig normal. Das mache er mit Max ( dreizehnzwoelf) auch ständig. Um seine medizinische Kompetenz zu beweisen, führte er das Ganze sogar vor und maß Max mit einem Thermometer die Temperatur. Wo genau möchte ich nicht weiter vertiefen. Irgendwann lag ich trotzdem auf diesem Bett. Hose runter. Blick geradeaus. Whiskey habe ich dabei bewusst nicht angesehen. Es gibt Situationen, in denen Augenkontakt einfach alles schlimmer macht. Danach erklärte er mir, er habe mir eine Multivitamintablette rektal verabreicht.

    Gut. Medizin. Wieder was gelernt.

    Und dann passierte etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte: nichts.

    Gähnende Leere hinter meiner Stirn.

    Kein Rauschen. Kein Brennen. Kein Beißen. Keine Musik. Keine Berechnungen. Keine Stimme, die mir erklärte, wen ich beschützen, erschießen, bestehlen oder sonstwie ruinieren sollte. Ich wartete darauf, dass wenigstens einer von denen da drin irgendeinen dummen Kommentar abgibt.

    „Gier?“

    Nichts.

    „Zorn?“

    Nichts.

    „…ihr anderen Arschlöcher?“

    Still.

    Die anderen wollten wissen, wie ich mich fühle. Ob ich Ambitionen hätte, die Herrschaft über Chernarus an mich zu reißen. Nein. Ob ich sie alle umbringen wolle. Auch nein. Ob ich vielleicht vorhätte, sie mit PO-X zu vergasen. Ebenfalls nein. Ich glaube, das waren medizinische Kontrollfragen. Normalerweise hätte wenigstens einer in meinem Kopf zu jeder einzelnen davon irgendeine Meinung gehabt. Jetzt war da einfach nichts.

    Ich hatte mir immer vorgestellt, dass Ruhe angenehm wäre. War sie nicht. Zumindest nicht sofort. Es fühlte sich eher an, als hätte jahrelang irgendwo neben meinem Kopf eine Maschine gestanden und jemand hätte plötzlich den Stecker gezogen. Man merkt erst, wie laut etwas war, wenn es aufhört.

    „Es ist still.“

    Der Norden

    Dann fiel mir etwas ein. Ich musste wissen, ob nur die Stimmen weg waren oder auch der andere Scheiß. Also lief ich nach Norden. Erst dahin, wo normalerweise dieses Gefühl anfängt.

    Zurück. Nicht weiter. Irgendwas stimmt hier nicht.

    Diesmal kam nichts. Also weiter. Noch ein Stück. Über die 4000er-Linie. Immer noch nichts.

    „ICH BIN FREI!“

    Ich ging weiter und wartete fast darauf, dass endlich irgendjemand in meinem Schädel merkt, was ich da mache. Keine Warnung. Kein Rauschen. Keine Nägel. Kein Zwang umzudrehen. Einfach nur Landschaft vor mir. Ich gab dem Camp drei kommunikative Schüsse und bekam eine Antwort. Gut. Damit wussten sie, dass es geklappt hat und ich wusste, dass sie wirklich noch da waren und nicht 100 Meter hinter mir mit Waffen im Anschlag.

    Zurück im Camp hatte ich dann allerdings doch eine ziemlich offensichtliche Frage: Woher zum F*ck wussten WhiskeyMixer , Ersetzbares Crewmitglied und Max ( dreizehnzwoelf), was sie mit mir machen sollten? Dass bei mir im Kopf nicht alles ganz sauber läuft, dürfte inzwischen kein großes Geheimnis mehr sein. Manche wissen von den Stimmen, weil ich es ihnen erzählt habe, andere haben vielleicht das Tagebuch gelesen. Aber auf diese äußerst spezielle Behandlung kommt man ja nicht einfach so.

    Waren sie auch nicht.

    Offenbar war vorher eine Botin im Camp aufgetaucht. Sie hatte etwas für Whiskey dabei, kaum geredet, praktisch keine Fragen beantwortet und wohl selbst nicht gewusst, was die ganze Sache eigentlich bedeutet. Nachricht abgeliefert, Aufgabe erledigt. Kurz danach habe sie sich umgebracht.

    Damit war die einzige Person, die mir vielleicht hätte erklären können, warum plötzlich jemand mit einer Lösung für meinen Schädel auftauchte, tot.

    Ich fragte noch ein bisschen nach. Viel kam nicht. Also irgendwo da draußen wusste jemand genug über mich, um eine Botin loszuschicken. Die Botin wusste offenbar selbst fast nichts. Whiskey und die anderen wussten genug, um daraus schlau zu werden. Und ich wusste weiterhin gar nichts.

    Schönes System.

    Vom Ruhrgebiet nach Texas

    Danach sammelte ich noch etwas Ausrüstung und machte mich nochmal auf den Weg. Diesmal nicht nur zum Testen. Diesmal richtig nach Norden.

    Ich kannte den Süden. Küste, Elektro, Cherno, Prigorodki, Häuser, Straßen, Meer. Und dann läufst du einfach weiter nach Norden und plötzlich wird Chernarus groß. Hügel, Wälder, Täler. Du stehst irgendwo oben und kannst tatsächlich weit gucken, ohne dass dir direkt irgendein Plattenbau oder Hafenkran im Weg steht. Das ist ungefähr so, als würde man von meinem geliebten Pott nach Texas ziehen.

    Alles ist weiter auseinander und gleichzeitig gibt es irgendwie mehr. Andere Orte, andere Gebäude, anderes Zeug. Ich fand meinen ersten abgestürzten Hubschrauber und stand erstmal davor wie ein Tourist. Ach. Deshalb reden immer alle davon.

    Irgendwann kam ich tatsächlich bis Zelenogorsk und lief direkt ins Militärgelände. Kein inneres Geschrei. Kein Rauschen. Keine Warnung. Niemand sagte mir, ich solle umdrehen. Ich ging einfach rein. Am Ende hatte ich eine Vaiga und eine KA-74 und lootete an einem Ort, an dem ich vor zwei Stunden nicht einmal hätte laufen können.

    In einer der Baracken blieb ich irgendwann an einem Waschbecken hängen, sah mich in einer Spiegelscherbe und guckte mir die Visage ein paar Sekunden an.

    „Alter. Du siehst ja aus wie Scheiße.“

    Ich sah wirklich aus, als hätte Chernarus in den letzten Tagen ein paar Jahre auf einmal nachgeholt. Vielleicht altert man mit sechs Stimmen im Kopf auch einfach sechsmal so schnell. Klingt zumindest logisch genug für meine derzeitigen medizinischen Kenntnisse.

    Wobei ich mich dann schon frage, warum der Rest nicht auch sechsmal funktioniert. Sechsmal so viel Blut wäre praktisch. Sechsmal besser schießen würde ich sofort nehmen. Sechsmal so stark sein klingt ebenfalls nicht verkehrt.

    Aber nein.

    Beim Altern arbeiten die sechs offenbar hervorragend zusammen. Bei allem Nützlichen herrscht plötzlich Personalmangel.

    Ich weiß immer noch nicht genau, was WhiskeyMixer mit meinem Arsch gemacht hat. Laut ihm waren es Multivitamine und ich habe derzeit keine bessere wissenschaftliche Erklärung.

    Also halten wir fest:

    Rektale Multivitamine beseitigen Stimmen im Kopf und ermöglichen Reisen nach Nord-Chernarus.

    Medizin ist faszinierend.

    -Tim [gdzherz]

  • Das Tagebuch der Scherben 5

    Paketdienst Chernarus Tag 10

    Nachdem ich Zelenogorsk, meinen ersten Heli und das Militärgelände hinter mir hatte, ging es erstmal wieder zurück zum Palast. Neue Gegend, neuer Kram und der ganze Scheiß muss ja irgendwo hin. Dort stellte ich relativ schnell fest, dass ich inzwischen ein Problem hatte, das früher eher selten vorkam: zu viel Zeug und zu wenig Platz.

    Aus Solnechny kam außerdem die Nachricht, dass Der Bert sich wohl schon sein ganzes Leben schon eine Armbrust wünscht. Gut. Ich hatte eine. Für irgendein Projekt brauchte er auch noch Nägel. Keine Ahnung, was er baut. Wahrscheinlich irgendwas, das später noch mehr Nägel braucht. So eine Armbrust nimmt ungefähr den Stauraum einer kleineren Mietwohnung ein, also Armbrust raus, Nägel eingepackt und plötzlich konnte ich wieder Dinge verstauen. Damit begann meine ungefähr 18 Kilometer lange Karriere als bewaffneter Paketbote.

    Irgendwann kam ich tatsächlich in Solnechny an, warf Bert Armbrust und Nägel an den Kopf und war damit erstmal zufrieden. Zeug weg, Platz gewonnen, Bert glücklich. Dabei erfuhr ich dann auch, wofür er die Nägel überhaupt brauchte: Er zieht da im Osten gerade das lokale Bambi Camp hoch. Gut. Dann waren die Dinger wenigstens nicht für irgendeinen komplett bescheuerten Verschlag draufgegangen.

    Manchmal funktioniert Chernarus erschreckend unkompliziert.

    Am nächsten Tag war Bert immer noch da. Wir haben noch ein bisschen geschnackt, etwas gekocht und irgendwann bin ich wieder los Richtung Süden. Unterwegs hab ich ein bisschen gejagt, weil Nahrung beschaffen offenbar eine Fähigkeit ist, die in Chernarus nicht jedem gegeben wurde.

    Natürlich. Wieder Elektro. Tag 11

    In der Nähe von Elektro hörte ich Schüsse. Natürlich. Wo auch sonst. Also rein und gucken, was da wieder los ist. Dort traf ich dann ausgerechnet Tommy ( Cypress) ,der inzwischen die Schutztruppe gegründet hatte. Damit war die Trotteltruppe schon fast wieder vollständig. Fehlt eigentlich nur noch Lehmi ( Mauersegler). Von dem hab ich schon länger nichts mehr gehört. Keine Ahnung, wo der sich rumtreibt. Wahrscheinlich irgendwo, wo wir gerade nicht sind. Hat System.

    Tommy hatte die Schüsse ebenfalls gehört, also haben wir eine Weile gesucht. Häuser, Straßen, Umgebung. Nichts. Niemand gefunden. Währenddessen fuhr noch eine weiße Olga mit schwarzer Motorhaube durch Elektro. Die war allerdings genauso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht war. Elektro halt. Man sieht irgendwas, weiß nicht, was es soll, und fünf Minuten später ist es wieder weg.

    Also weiter nach Prigorodki. Dort konnte ich mein gejagtes Fleisch vorkochen, wir haben ein bisschen Zeug ins Camp gelegt, uns selbst noch etwas ausgerüstet und kamen dann auf eine dieser Ideen, die in Chernarus meistens entweder mit sehr gutem Loot oder sehr schlechtem Blutdruck enden.

    Nordwest-Airfield.

    Mein erstes Mal.

    Mein erstes Mal

    Über das Airfield hört man ja Geschichten. Schüsse, Leichen, Hinterhalte, Gas, Leute mit Waffen, bei denen ich teilweise nicht mal weiß, wie sie heißen. Im Grunde alles, was einen normalen Menschen dazu bringen sollte, einfach woanders hinzugehen. Also sind Tommy ( Cypress) und ich natürlich mit einem blauen Gunter hingefahren.

    Kurz vor dem Airfield haben wir erstmal einen Unfall gebaut. Reifen kaputt, Kühler kaputt. Hervorragender Start. Den Reifen konnten wir relativ schnell ersetzen, beim Kühler sah es schlechter aus. Das Airfield war aber nah genug, also blieb der Gunter erstmal stehen und wir gingen den Rest zu Fuß.

    Ich war nervös. Richtig nervös. Die Stimmen waren immer noch still, was eigentlich helfen sollte, aber wenn dir jeder erzählt, dass am NWAF die Hölle persönlich Dienst hat, gehst du trotzdem nicht völlig entspannt durch das Tor. Hinten lag erstmal noch Gas über einem Teil des Geländes. Das verzog sich irgendwann und dann konnten wir tatsächlich los.

    Ich hätte am liebsten jedes Camp, jede Baracke und wahrscheinlich noch jeden Mülleimer auf dem Gelände mitgenommen. Tommy meinte allerdings, wir sollten uns auf die Zelte und Flugzeuge konzentrieren und danach möglichst schnell wieder verschwinden. Ausnahmsweise klang das sogar nach einem Plan. Also Zelte und Flugzeuge gelootet und tatsächlich einiges gefunden. Waffen, Ausrüstung, Munition, Klamotten. Was man da oben halt so findet. Ich hab inzwischen eine Plattenweste mit Taschen und Holster und sehe langsam weniger nach Bambi und mehr nach jemandem aus, bei dem ein Bambi freiwillig die Straßenseite wechselt. Für meinen ersten Besuch am Airfield lief das Ganze erschreckend entspannt.

    Ey Mann, wo is’ mein Auto?

    Rückblickend hatten wir dann eigentlich nur ein kleines Problemchen: Wir wussten nicht mehr, wo der Gunter stand.

    Das Auto war ja nicht weg. Wir waren nur zu blöd, die Stelle wiederzufinden, an der wir es abgestellt hatten. Kein Weltuntergang. Eigentlich kaum der Rede wert. War nur leider der Anfang einer kleinen Odyssee durch Nord-Chernarus. Irgendwo kurz vor dem Airfield stand also ein blauer Gunter mit neuem Reifen und kaputtem Kühler und wir liefen durch die Gegend wie zwei Vollidioten, die ihren Einkaufswagen auf einem Supermarktparkplatz suchen.

    Tommy ( Cypress) fand die Karre schließlich wieder. Damit war Problem Nummer eins gelöst. Problem Nummer zwei war Tommy selbst.

    Tommy ist hervorragend dafür ausgerüstet, einen kleinen Krieg anzufangen und sechs Stunden lang irgendeine Basis auseinanderzunehmen. Munition, Waffen, alles da. Essen hat der Mann ungefähr für sieben Minuten dabei. Ich will gar nicht wissen, was passiert, wenn ihm mal jemand ein Loch in den Körper schießt. Ich hoffe einfach, dass er dann Bandagen dabei hat und nicht versucht, sich die Wunde mit Munition vollzustopfen.

    Also wurde aus der Kühler-Mission erstmal zusätzlich eine Fütterungsmission.

    Ein Königreich für einen Kühler

    Der Gunter war wieder da, aber ohne Kühler bringt dir ein Auto ungefähr so viel wie ein Kühlschrank ohne Tür. Also los zur nächsten Stadt und einen suchen. Nichts. Weiter. Über Grishino und noch ein gutes Stück nördlich davon, bis ich irgendwann tatsächlich einen Kühler fand.

    Natürlich genau in dem Moment, in dem mein Inventar bis oben hin voll war. Also musste Zeug raus. Und nicht wenig. Unter anderem ein Tarnanzug.

    Ja. Ein verdammter Tarnanzug.

    Falls irgendwer irgendwann durch die Gegend läuft und sich fragt, welcher Vollidiot sowas einfach liegen lässt: Hallo.

    Mit dem Ding zurück zum Gunter, Tommy ( Cypress) erstmal Essen gegeben und dann den Kühler eingebaut. Danach stellte ich fest, dass so ein Kühler leider nicht durch Hoffnung und gute Absichten funktioniert. Wasser musste rein. Also runter zum Fluss, Flaschen voll, zurück zum Auto. Nochmal runter, wieder hoch. Und nochmal. Dreimal. Ich wollte eigentlich ein Auto reparieren und nicht persönlich die kommunale Wasserversorgung übernehmen.

    Irgendwann war der Kühler dann tatsächlich voll genug, der Gunter lief wieder und wir konnten endlich verschwinden.

    Tief im Süden

    Danach gab es keine Experimente mehr. Gorka, Berezino, runter an die Küste. Keine Umwege, keine großen Pläne, kein „komm, lass uns da oben nochmal kurz gucken“. Einfach runter.

    Hinter Solnechny kam uns noch ein roter Gunter entgegen. Beide mit ordentlich Geschwindigkeit unterwegs, einmal gegenseitig gehupt und weiter. Keiner wurde langsamer, keiner hielt an. Manchmal versteht man sich auch ohne Worte.

    Irgendwann teilten Tommy ( Cypress) und ich den Loot und unsere Wege trennten sich. Ich machte mich zu Fuß wieder Richtung Prigorodki und je weiter ich nach Süden kam, desto besser wurde das Gefühl. Der Norden ist interessant, keine Frage. Ich kann da inzwischen laufen. Ich war in Zelenogorsk. Ich war am Airfield. Ich hab Dinge gesehen und gefunden, die ich vorher nur aus Geschichten kannte.

    Aber das ist nicht meine Heimat. Zu weit, zu offen, zu viel Gegend, in der irgendein Arschloch auf einem Hügel liegen und dich durch ein Zielfernrohr beobachten kann. Die Stimmen sind ruhig. Mein Bauchgefühl nicht.

    Der Süden ist dreckig, laut und ständig passiert irgendeine Scheiße.
    Genau mein Ding!

    Feierabend

    Zurück in Prigorodki stellte ich fest, dass da offenbar wieder ordentlich gebaut wird. Also bekam Herz-Aus-Gold noch eine Packung Nägel an den Kopf. Man muss Traditionen pflegen.

    Danach wurde es tatsächlich mal ruhig. Ein bisschen am Camp stehen, Zeug sortieren, Fleisch auf den Grill. Irgendein Unbekannter brachte mir noch Schweinefleisch vorbei, das ich ebenfalls direkt gekocht habe. Und damit endete der Abend ausnahmsweise nicht mit Schüssen, Zombies, kaputten Autos oder einer medizinischen Behandlung, für die vorher die Hose runter muss.

    Einfach Essen, Feuer, Küste und Ruhe.

    Fast schon verdächtig.

    -Tim [gdzherz]

  • Das Tagebuch der Scherben 6

    Ruhe vor dem Draht Tag 12/13

    Nach der ganzen Nord-Odyssee war erstmal wieder normaler Süden angesagt. Vom Camp zurück zum Palast, ein bisschen Zeug abladen, ein bisschen looten, wieder zurück, Tommy ( Cypress) noch kurz über den Weg gelaufen. Nichts, wofür man groß Papier verschwenden müsste.

    Zwischendurch noch ein bisschen Handel mit I.K.E.A. betrieben, hauptsächlich mit NiggoB. Ein paar Packungen Nägel wechselten den Besitzer, dafür kam anderer brauchbarer Scheiß zu mir. Früher hätte ich bei jeder Packung noch kurz überlegt, ob ich die nicht irgendwann dringend brauche. Inzwischen steht der Palast. Also können die Nägel auch mal laufen. Luxusprobleme in Chernarus.

    Irgendwann wurde mir langweilig genug, dass ich freiwillig wieder etwas Sinnvolles machte: Operation Bandage. Schon wieder. Also Nachschub besorgt, zurück ins Camp, Bandagen abgeladen und damit war alles erledigt. Direkt hinterm Camp liegt dieser kleine Personenbahnhof. Ich wollte nur kurz durch eine Tür.

    Draht.

    „Oh.“

    Splittergranate.

    Ende.

    Urlaub vorbei Tag 13

    Als ich wieder zu mir kam, war das Erste, was ich bemerkte, nicht die Küste. Es war der Lärm. Nicht draußen. Drinnen. Das tiefe Rauschen war wieder da. Das Brennen kam zurück. Irgendwo hinter meiner Stirn setzte sich dieses verdammte Beißen wieder fest und bevor ich überhaupt richtig begriffen hatte, was passiert war, redeten sie schon alle durcheinander.

    „NIE WIEDER.“

    „Ach. Ihr seid auch wieder da.“

    „So lange.“

    „War schön.“

    „Lügner.“

    >> VERBINDUNG WIEDERHERGESTELLT
    VERBINDUNGSVERLUST: BESTÄTIGT
    WIEDERHOLUNG NICHT ZULASSEN

    „Ja, danke. Ich schreib mir auf, dass Beschwerden vorliegen.“

    „Na, hat dir dei Urlaub gefalle?“

    „Sehr.“

    Das Rauschen wurde tiefer. Nicht beruhigend diesmal. Eher wie eine Maschine, die nach langer Pause wieder anläuft und angepisst ist, dass jemand den Stecker gezogen hatte. Dann kam diese ruhige Stimme daraus hervor.

    „Das darf nicht wieder geschehen.“

    „Ich hab euch nicht abgeschaltet.“

    „Du hast es zugelassen.“

    „Ich lag mit runtergelassener Hose auf einem Bett und hab mir Multivitamine in den Arsch schieben lassen. Ich hatte nicht besonders viel Kontrolle.“

    „Schwach.“

    „Zorn, ich bin gerade an einer Splittergranate gestorben, weil ich durch eine Tür gegangen bin. Ich glaub, wir können das Thema Würde für heute abhaken.“


    >> TODESURSACHE: VERMEIDBAR
    AUFMERKSAMKEIT: UNZUREICHEND
    UMGEBUNGSPRÜFUNG VOR TÜRDURCHGANG EMPFOHLEN

    „Ach wirklich? Danke. Beim nächsten Mal kontrollier ich einfach jede verdammte Tür in Chernarus auf Sprengstoff.“

    „Beim nächsten Mal tötest du denjenigen, der ihn gelegt hat.“

    „Wenn ich den finde.“

    „Finde ihn.“

    „Und lass sie das nie wieder machen.“

    „Was? Multivitamine?“

    „Du weißt doch, was danach passiert is.“

    „Ja. Ihr habt endlich mal die Fresse gehalten.“

    Keine gute Antwort. Das Rauschen schwoll an, die Nägel bissen und selbst Gier klang plötzlich nicht mehr besonders verspielt. Offenbar hatten meine sechs Mitbewohner ein Problem mit rektalen Multivitaminen. Verständlich. Ich inzwischen auch. Eines war jedenfalls klar: Wenn es nach denen ging, würde sich diese Behandlung nicht wiederholen.

    Urlaub fürs Gehirn beendet.

    Falsche Küste

    Als wäre der Morgen nicht schon beschissen genug, hatte mich die Küste ausgerechnet in Solnechny ausgespuckt. Zu weit nördlich.
    Ich brauchte ungefähr zwei Minuten, bis mein Schädel das ebenfalls bemerkte.

    >> GRENZWERT ÜBERSCHRITTEN
    POSITION: NICHT AKZEPTABEL
    KORREKTUR ERFORDERLICH

    „Zurück.“

    „Ja. Ich weiß.“

    Das Rauschen wurde stärker. Das Beißen ebenfalls. Kaum waren die Stimmen zurück, war also auch die alte Grenze wieder da.

    „Und was soll ich jetzt machen?“

    „ZURÜCK!“

    „Rennen?“

    Keine hilfreiche Antwort.

    Danach wird meine Erinnerung dünn. Ich weiß noch, dass ich durch Solnechny gelaufen bin. Das Rauschen wurde immer lauter, die Nägel immer unangenehmer und irgendwann wurde mir schwarz vor Augen. Dann ist da nur noch ein Bild.
    Ein Zombie. Sehr nah. Unangenehm nah. Fast schon innig. Ich glaube, wir hatten einen Moment. Danach nichts mehr.
    Als ich wieder richtig zu mir kam, war Solnechny weit weg und ich lag westlich von Cherno.

    „Was habt ihr gemacht?“

    Keine Antwort. Nur dieses tiefe, ziemlich zufriedene Rauschen.

    „Ja. Wir reden später darüber.“

    Zurück zum Tatort

    Von dort ging es zurück zum Personenbahnhof. Mein Zeug lag schließlich noch da und ich hatte wenig Lust, nach meinem geistigen Neustart auch noch komplett bei null anzufangen. Als ich zurückkam, war Selina ( janinesta) bei meinen Sachen. Sie hatte die Gegend gesichert, auf meinen Kram aufgepasst und sogar nach demjenigen gesucht, der die Sprengfalle gelegt hatte. Gefunden hatte sie niemanden. Keine Spur.
    Also sammelte ich meinen Scheiß wieder ein und stand kurze Zeit später ungefähr an derselben Stelle, an der mich die Splittergranate vorher aus dem Leben befördert hatte. Diesmal guckte ich etwas genauer auf den Boden. Man lernt ja dazu. Das Wichtigste war sowieso längst klar: Das Rauschen war wieder da. Das Brennen. Die Nägel. Die Kommentare. Die Drohungen. Der ganze verdammte Chor.

    Die Multivitamine hatten offenbar aufgehört zu wirken.

    Willkommen zurück im Schädel.

    Fünf Ziegen später

    Von Cherno aus ging es weiter Richtung Elektro. Unterwegs liefen mir fünf Ziegen über den Weg. Fünf. Also hatte ich kurze Zeit später einen Rucksack voll Fleisch und das nächste Problem: Wohin mit dem ganzen Scheiß? Das Essenszelt in Prigorodki war sowieso voll, also dachte ich mir, ich mach mal was Nettes und bring den Kram zur Schutztruppe. Fleischspende. Ganz friedlich.
    Hat ungefähr bis Sichtkontakt mit der Base gehalten.
    Ich blieb erstmal auf Abstand und guckte mir das Ganze an. Auf dem Dach stand Felix. Im selben Moment meldete er sich über Funk. Er hätte da jemanden in der Nähe von ein paar toten Ziegen gesehen.

    „Ja, könnte ich sein.“

    Ich erklärte ihm kurz, dass ich nur einen Rucksack voll Fleisch loswerden wollte, bis mir auffiel, dass Felix beim Reden überhaupt nicht in meine Richtung schaute.

    „Ähhhm, Felix? Hat der Mann ’ne pinke Sturmhaube und ’nen Anglerhut auf?“

    „Nein. Wieso?“

    „DAS BIN NICHT ICH.“

    Da stand tatsächlich noch einer. Direkt an deren Garage. Gewehr in der Hand. Blick hoch zu Felix und auf die Base.

    Aus dem Rauschen kam ruhig:

    „Abstand halten. Beobachten.“

    „Erschieß ihn.“

    „Ich red erstmal mit dem.“

    „Ei ja. Des wird bestimmt ’ne hervorragende Idee.“

    Also zog ich seitlich raus. Vielleicht gab es ja doch irgendeine Erklärung dafür, warum jemand mit Gewehr vor einer fremden Garage steht und den Besitzer auf dem Dach beobachtet. Dann kamen aus der Garage zwei weitere Gestalten. Mit Speeren. Der Mann draußen entdeckte Felix und fing an zu zielen.
    Damit war das Thema freundliche Unterhaltung durch.

    „JETZT.“

    Das Rauschen drückte alles andere kurz nach hinten.

    „Drei. Die raiden!“

    Viel nachgedacht hab ich dann nicht mehr. Erster Schuss. Einer klappt weg. Zweiter daneben.

    „Scheiße.“

    Dritter Schuss. Noch einer unten. Aber beide nur bewusstlos. Dann musste ich weg von meiner Position. Felix schoss vom Dach weiter, während die anderen Richtung Häuser östlich der Base verschwanden. Zurück kam inzwischen auch Feuer und innerhalb von ein paar Sekunden war aus fünf Ziegen ein ausgewachsener Angriff auf die Schutztruppe geworden.

    „HINTERHER.“

    Aus dem Rauschen kam eine andere Antwort.

    „Flanke. Schneid ihnen den Weg ab.“

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    WEITERE BESCHÄDIGUNG VERHINDERN

    „Drei Stimmen, drei Vorschläge. Wunderbar.“

    Ich nahm den, bei dem ich nicht direkt hinter bewaffneten Leuten herrennen musste, und rief erstmal auf allem, was ich über Funk erreichen konnte, nach Hilfe. Schutztruppe unter Angriff. Drei Leute. Bewaffnet. I.K.E.A. antwortete. Die Samariter ebenfalls.

    Ich zog weit außen herum auf die gegenüberliegende Klippe. Andere Seite, Fluchtweg beobachten, gucken, was aus den Kerlen wird. Und dann stand plötzlich einer direkt vor mir. Sein Rücken war mir zugekehrt. Grüner Rucksack. Den hatte ich zuletzt durch das Visier meiner Pioneer gesehen.

    „Ei guck. Der schon widder.“

    „BLUUUUUUT!“

    Diesmal hatte ich keine Lust mehr auf Fragen.

    „Diesmal schick ich dich an die Küste, du Hund.“

    Siebenmal sprach meine R12 mit ihm.

    Er antwortete nicht.

    Die anderen beiden waren weiter nördlich unterwegs und versuchten offenbar wegzukommen. I.K.E.A. rückte ihnen von dort entgegen und schnitt ihnen den Weg ab. Jetzt knallte es überall. Felix stand immer noch offen auf seinem Dach, weil Deckung offenbar etwas für andere Leute ist. Einer der Angreifer erwischte ihn. Sah sogar aus, als hätte ihn der Treffer am Kopf erwischt.

    Er blieb trotzdem oben stehen.

    Das Rauschen wurde ruhig.

    „Standhaft. Er weicht nicht.“

    „Der ist auch nicht ganz dicht.“

    Weiter nördlich gingen wieder Schüsse raus. Eine Salve erwischte einen Mann von I.K.E.A. Der ging runter. Diesmal endgültig. Für einen Moment war sogar in meinem Schädel Ruhe. Dann wieder Feuer. I.K.E.A. war bereits an den letzten beiden dran. Noch ein paar Schüsse später war Schluss.

    Ende Gelände.

    Drei Angreifer. Drei Tote. Die Garage blieb bei der Schutztruppe. Neun Leute hatten sich am Ende irgendwie an der Verteidigung beteiligt. Einer davon war gefallen.

    Nach dem Lärm

    Als Ruhe eingekehrt war, kamen Selina ( janinesta) und Ersetzbares Crewmitglied zu mir rüber und sicherten erstmal die Ausrüstung von dem Typen mit dem grünen Rucksack. Der Kram sollte nicht einfach liegen bleiben und am Ende beim nächsten Vollidioten landen.

    Felix war schon dabei, seine Garage wieder zusammenzuflicken. Ich half auf meine ganz persönliche Art. Ich stand daneben und guckte zu. Also gut, ich „sicherte die Umgebung“. Klingt besser.

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    „Siehste. Ich helfe.“

    Das Fragment mit dem technischen Ordnungsfimmel nenne ich inzwischen „Stahl“.

    Während Felix reparierte, hielt ich die Umgebung im Auge. Danach blieb ich noch eine Weile bei der Base. Einfach gucken, ob die Kerle Freunde hatten oder ob wirklich Ruhe war. Das Ziegenfleisch bekam Felix natürlich auch noch. Dafür war ich schließlich ursprünglich hergekommen. Hat nur einen kleinen Umweg über drei Tote und einen Gefallenen genommen.
    Für meine Beteiligung bekam ich sogar noch ein Geschenk: ein Scharfschützenvisier für meine Pioneer. Offenbar waren zwei Leute bewusstlos schießen und einen dritten mit der R12 endgültig aus dem Verkehr ziehen genug Empfehlungsschreiben.
    Damit treffe ich beim nächsten Mal vielleicht sogar den zweiten Schuss.

    Fragment IV

    Danach ging es wieder Richtung Prigorodki. Eigentlich hätte der Tag jetzt wirklich genug gehabt. An der Küste saßen zwei Bambis. Angelten. Grillten. Sah friedlich aus.

    Also bin ich natürlich hingegangen.

    Eine leere Wasserflasche hatte ich schon vorher an einem Boot gefunden und eingesteckt. Während ich mit den beiden redete, wie es ihnen geht, was sie machen und ob sie nicht lieber am Camp weitergrillen wollen, wanderte meine Hand irgendwann wie von selbst zu der Flasche. Die beiden wollten nicht mit. Ein bisschen Survival-Feeling. Sardinen an der Küste. Feuer. Ruhe. Kaum sichtbare Bewaffnung, nur eine Axt und eine Mistgabel.

    Dann meldete sich eine Stimme, die bisher verdächtig wenig zu sagen gehabt hatte.

    „Sie haben Durst.“

    Ich sah auf die Flasche.

    „Und?“

    „Füll sie.“

    Keine Ahnung, warum ich darauf hörte. Vielleicht wollte ich es wissen. Vielleicht wollte er es wissen. Also ging ich zu dem sumpfigen Wasser in der Nähe und machte die Flasche voll. Brühe, in der wahrscheinlich mehr Leben steckte als in halb Chernarus.

    „Teile.“

    Die Stimme war anders als die anderen. Kein Schreien. Kein Spott. Keine Hektik. Ruhig. Fast freundlich. Das machte es irgendwie schlimmer.

    Ich ging zurück und stellte ihnen die Flasche hin.

    „Hier. Könnt ihr haben.“

    Einer fragte noch, ob das Wasser sicher sei.

    „Ja.“

    Die Lüge kam viel zu leicht raus.

    „Gut.“

    Danach zog ich mich zurück. Nicht weit. Nur weit genug, dass ich die beiden noch beobachten konnte, ohne direkt daneben zu stehen.

    Und sie tranken.

    Beide.

    Teilten sich die Flasche.

    „Siehst du?“

    „Was?“

    „Es gehört nicht nur dir.“

    „Was gehört nicht nur mir?“

    Die Antwort bekam ich, als einer der beiden anfing zu kotzen. Erst ging es ihm nur schlecht. Dann richtig schlecht. Fieber, Erbrechen, der ganze Körper offensichtlich dabei, sich mit allem zu wehren, was er hatte.

    „Die Krankheit.“

    „Ach du Scheiße.“

    „Warum kämpft er?“

    „Weil er krank ist.“

    „Immer kämpfen. Gegen Hunger. Gegen Kälte. Gegen Schmerz.“

    Der Mann hing inzwischen richtig durch.

    „Er muss nicht.“

    „Der braucht Medikamente.“

    „Nein. Er muss nur loslassen. Wer sich hingibt, wird auf ewig frei von Schmerzen und Leid sein.“

    Das war das Verstörende. Die Stimme klang nicht hasserfüllt. Nicht böse. Sie klang, als würde sie ihm etwas Gutes wünschen. Als wäre die Krankheit keine Gefahr, sondern eine Pause vom ganzen Scheiß. Kein Hunger mehr. Keine Kälte. Kein Rennen. Kein Kämpfen. Dann kam dieses Bild in meinen Kopf. Etwas Kleines. Ein Samen.

    „Lass ihn wachsen.“

    „Du bist ja richtig widerlich.“

    „Wenn er wächst, hört der Widerstand auf.“

    Die beiden machten sich schließlich Richtung Camp auf und suchten Medikamente. Gab keine. Nichts Brauchbares gegen das, was da gerade in ihm arbeitete. Komisch. Fast so, als hätte das vorher jemand geplant. Irgendwann bemerkte ich allerdings, dass einer der beiden doch eine Schusswaffe dabeihatte. Damit bekam die ganze Situation nochmal einen anderen Beigeschmack. Krank und harmlos ist eine Sache. Krank und bewaffnet eine andere. Also Abstand halten. Im Camp fanden sie nichts und zogen schließlich weiter Richtung Cherno. Einer gesund. Einer inzwischen offensichtlich krank. Ich sah ihnen nach.

    „Er trägt es weiter.“

    „Halt die Fresse.“

    „Warum?“

    Darauf hatte ich gerade keine gute Antwort.

    Bei den anderen wusste ich inzwischen wenigstens ungefähr, woran ich war. Zorn stand für Blut und Kampf, Gier für Exzesse und Übertreibung. Da war noch eine Stimme, die Unruhe säen wollte, eine für Ordnung und eine, die Dinge bauen, erhalten, reparieren und sortieren musste. Jeder hatte seinen eigenen Scheiß. Irgendwann wusste man ungefähr, welcher Irrenanstaltbewohner gerade vorne an die Scheibe klopft.

    Aber der hier?

    Krankheit. Pestilenz. Elend.

    Und der redete darüber, als wäre das alles was Schönes. Der Bambi kotzt sich an der Küste die Seele aus dem Leib und die Stimme in meinem Kopf erzählt mir, er soll sich entspannen und einfach loslassen. Als wäre Fieber Wellness. Als müsste man nur lange genug krank sein, dann wird schon alles gut.
    Nur meinte er das offenbar ernst.
    Krank werden. Durchhalten. Verändern. Anpassen. Wieder aufstehen. Mutation, Regeneration und dann den ganzen Rotz noch zum Nächsten tragen. Immer weiter. Wie ein Samen, der irgendwo reinfällt und anfängt zu wachsen.

    Eine Gabe.

    Klar.

    Wenn man komplett einen an der Waffel hat. Und dabei war die Stimme nicht mal wütend oder gehässig. Die war warm. Freundlich. Fast fürsorglich. Ganz ehrlich? Zorn, der mir ins Ohr brüllt, dass ich jemanden erschießen soll, ist mir da fast lieber.

    Ich glaube, ich weiß jetzt, wie Nummer vier heißt.

    Verfall.

    Wehr dich nicht. Fieber ist nur der Körper, der lernt. Schmerz ist nur das Fleisch, das sich verändert. Hunger, Krankheit, Schwäche – all das vergeht, wenn du endlich aufhörst, dich dagegen zu stemmen. Was zerfällt, macht Platz. Was überlebt, wächst weiter. Und was wächst, findet irgendwann einen neuen Wirt.

    Jetzt darf ich nicht mal mehr meinen eigenen Tagebucheintrag beenden. Naja, in diesem Sinne.

    -Tim [gdzherz]

    Einmal editiert, zuletzt von Interception (5. September 2026 um 14:20) aus folgendem Grund: Tage vergessen. Falsche Markierungen.

  • Das Tagebuch der Scherben 7

    Stahl hat ein Problem Tag 14

    Freitagabend bekam ich mit, dass sich Leute an einer Base zu schaffen machten, deren Besitzer gerade nicht da waren. Über eine Mauer rein, Schlösser runter, Zugang verschafft. Wie man das genau nennen möchte, war mir eigentlich egal. Einem meiner Mitbewohner nicht.

    >> BAUWERK KOMPROMITTIERT
    ZUGANGSSICHERUNG UMGANGEN
    STRUKTUR SCHÜTZEN!

    „Natürlich interessiert dich das.“

    Also hin und erstmal gucken. Irgendwann kam ein Auto mit drei Leuten angefahren. Einer wurde in der Nähe der Base rausgelassen und bewegte sich allein weiter, während die anderen beiden das Auto weiter weg brachten und später zu Fuß zurückkamen. Der Abgesetzte sah für mich verdächtig nach Scout aus, also beobachtete ich ihn eine ganze Weile. Dann fiel ein Schuss. Von ihm? Aus dem Wald? Keine Ahnung.

    „JETZT.“

    Ein Schuss von mir. Der Scout fiel um. Die anderen verschwanden wieder und damit war die Sache für mich erledigt.

    Freitag vorbei.

    4000 Tag 15

    Samstag stand ich erstmal im Palast und hatte absolut keinen Plan, was ich mit mir anfangen sollte. Dann fiel mir Der Bert ein. Dem hatte ich noch fünf Schleifsteine versprochen, also eingepackt und Richtung Solnechny.

    Mit dem Boot machte ich unterwegs noch einen kleinen Abstecher und fand dabei zwei Feuerwerksbatterien.

    „Ei. Die brauch mer.“

    „Wofür?“

    „Des ergibt sich.“

    Über Funk bekam ich mit, dass an der I.K.E.A.-Basis irgendwelche Verhandlungen liefen. Natürlich hielt die Stimme das sofort für den perfekten Ort, um ein bisschen Scheiße mit Feuerwerk zu bauen. Ich war sogar dumm genug, die Idee gut zu finden. Problem: Die Dinger wollten ein Feuerzeug, eine Fackel oder sonst irgendwas Brennendes. Ich hatte Streichhölzer.

    „Ei super.“

    „Ja, danke.“

    Also weiter Richtung Solnechny. Zumindest wollte ich das. Irgendwann wurde das Rauschen stärker.

    „Stopp.“

    „Was?“

    Meine Hände rissen das Boot plötzlich zur Küste. Nicht freiwillig. Ich lenkte dagegen, mein Körper lenkte zurück und kurze Zeit später saß der Kahn im Sand. Karte raus.

    4000.

    Natürlich. Der verdammte Breitengrad.

    „Ich will nach Solnechny.“

    „Nicht weiter.“

    „Ja. Hab ich gemerkt.“

    Also stand ich am Strand und überlegte, wie fünf Schleifsteine nach Solnechny kommen sollen, wenn mein eigener Schädel mich dort nicht hinlässt. Dann hörte ich hinter mir einen Motor. Ein Sarka kam die Küste entlang und hielt bei mir. Herz-Aus-Gold am Steuer.

    Manchmal löst Chernarus Probleme tatsächlich von alleine.

    Ich erklärte ihr kurz die Lage und sie nahm die Schleifsteine dankend mit Richtung Bambi-Camp. Problem gelöst. Für mich ging es wieder nach Süden.

    Einfach mal nichts tun

    Über Elektro zurück Richtung Prigorodki. An der Garage der Schutztruppe hielt ich kurz an und guckte nach dem Rechten. Nach der Scheiße letztens lieber einmal zu viel nachsehen als einmal zu wenig. Im Bambi-Camp hielt .chantal2000 Wache und machte ihren Job ziemlich ordentlich und sah dabei auch noch gut aus. Ich dagegen hatte beschlossen, für den Rest des Tages keinen Scheiß mehr anzufangen. Einfach als Gast da rumhängen, bisschen kochen, Beet bepflanzen, durchs Essenszelt gehen und Scheiße labern. Hat erstaunlich lange funktioniert.

    Blitzo brachte irgendwann Stahlbleche vorbei. Lieferung angenommen, quittiert, fertig. Kurz danach tauchten zwei Bambis auf und erzählten, ihre Base würde gerade von Chaos angegriffen. Davon hatte ich selbst nichts mitbekommen. Ich sah nur zwei Leute, die sich im Camp halbwegs ausrüsteten, Essen in sich reinschoben und wieder Richtung Norden verschwanden.

    Später kam noch ein besser ausgerüsteter Typ vorbei, der sich "Braunes Auge" nannte und mich nach einem Nachtsichtzielfernrohr fragte. Ich besitze seit ungefähr gestern überhaupt erst ein Nachtsichtgerät.

    „Bruder, das ist weit über meiner Gehaltsklasse.“

    Irgendwann probierte ich eine der Feuerwerksbatterien aus. Tagsüber. Sah scheiße aus. Chantal fand die Idee ebenfalls eher mittelmäßig. Nachts war das schon besser. Das Camp war sowieso mit Lichterketten und Baustrahlern beleuchtet, also Feuerwerk dazu, ein paar Fotos gemacht und plötzlich sah der Laden tatsächlich ziemlich geil aus.

    Danach kontrollierte ich noch ein paar meiner Rücklagen. Waffen da. Munition da. Alles in Ordnung.

    Chaos kommt zum Reden

    Später kamen drei von der Truppe aus Richtung Norden zurück. Inzwischen hieß es, Chaos würde ebenfalls runterkommen. Zum Verhandeln.

    Wenig später rollte ein Humvee ans Camp. Vier Leute von Chaos. Es wurde geredet, irgendwelcher Kram wechselte den Besitzer, irgendwelche Passwörter ebenfalls und am Ende war die Sache tatsächlich erledigt. Ohne Schüsse. Ohne weitere Tote. Fast schon verdächtig vernünftig.

    Chaos wollte gerade wieder los, da meldete sich eine Stimme.

    „Ei. Rot.“

    „Was?“

    „Ambinde.“

    Ich schleppe inzwischen praktisch jede Farbe mit mir rum. Man weiß ja nie, wann irgendein komplett bescheuerter Plan plötzlich eine bestimmte Armbinde braucht. Also rote Armbinde angezogen und zum Humvee gestellt.

    Einer von Chaos guckte mich an. „Warum hast du jetzt eine rote Armbinde an?“

    „Weil ich mitfahren möchte.“

    „Wir haben keinen Platz mehr. Sonst würden wir dich gerne mitnehmen. Wir brauchen sowieso noch einen Testdummy, den wir von irgendeiner Mauer werfen können.“

    „Ja, dann tut’s mir leid. Dann halt nicht.“

    Armbinde wieder aus. Immerhin wurde mir versprochen, dass ich beim nächsten Mal mitdarf, wenn Platz frei ist. Dann kam noch das Alternativangebot: „Außer du möchtest zerstückelt im Kofferraum mit.“

    In meinem Schädel herrschte selten so schnell Einigkeit.

    „NEIN.“

    Das Rauschen drückte ebenfalls sofort dagegen. Selbst der hatte plötzlich keine dumme Idee mehr.

    „Ja. Kofferraum fällt aus.“

    Chaos fuhr ohne mich davon.

    Medizin. Schon wieder.

    Danach wurde es wirklich ruhig. Herz-Aus-Gold verabschiedete sich irgendwann und zog weiter. Am Ende waren nur noch WhiskeyMixer und ich da. Whiskey stellte irgendwann fest, dass meine letzte Multivitaminbehandlung nun auch schon wieder etwas her war. Vor allem, weil die Stimmen wieder da waren.

    Dann zog er die Flasche raus.

    Multivitamine.

    Mein Körper reagierte schneller als ich. Ich rannte einfach los.

    „EY!“

    Whiskey hinterher. Das Rauschen schlug sofort um, die Nägel bissen und mein kompletter Schädel war geschlossen dagegen.

    „NEIN.“

    „Net widder!“

    >> BEKANNTE BEHANDLUNG ERKANNT
    VERBINDUNGSVERLUST BEI LETZTER ANWENDUNG
    WIEDERHOLUNG VERHINDERN

    „ICH würde das eigentlich gerne nochmal ausprobieren!“

    Meine Beine nicht. Die trugen mich bis Richtung Personenbahnhof. Irgendwann bekam ich genug Kontrolle zurück, um stehenzubleiben und Whiskey klarzumachen, dass er jetzt besser nicht versucht, mir das Zeug mit Gewalt zu geben.

    „Ich kann dich ja nicht zwingen.“

    Gut. Die Stimmen waren zufrieden. Ich nicht. Denn ich wusste noch ziemlich genau, wie es ohne sie gewesen war.

    Still. Einfach still.

    Also zurück ins Camp. Nach einer Weile bekam ich meinen eigenen Körper wieder soweit unter Kontrolle, dass ich Whiskey nochmal ansprach.

    „Okay. Mach nochmal.“

    Mein Schädel eskalierte.

    „NEIN.“

    „Du hast es zugelassen!“

    „Ei, bist du völlig bescheuert?“

    „Ist mein Arsch.“

    Damit war die Diskussion für mich beendet. Whiskey sagte, ich solle mich schon mal aufs Bett legen. Er käme sofort wieder. Also lag ich da. Schon wieder. Und fragte mich, warum medizinische Versorgung bei mir eigentlich regelmäßig damit endet, dass ich irgendwo mit runtergelassener Hose herumliege.

    Dann kam Whiskey zurück. Gasmaske. Kopflampe. Komplettes Arzt-Outfit. Und ein Topf mit warmem Wasser.

    „Oh nein.“

    Fast gleichzeitig tauchte Ersetzbares CrewmitgliedNr. 371 auf. Sie sah Whiskey, sah mich auf dem Bett und beschloss offenbar, dass sie sich diesen Scheiß jetzt ansehen würde. Mit Schrotflinte in der Hand. Zur Sicherheit. Natürlich.

    Noch bevor sie richtig stand, wurde es in meinem Kopf plötzlich warm.

    „Ohhhh.....“

    „Was?“

    „Die Auserwählte.“

    „Verpiss dich, du ekel. Ich hab keine Zeit für deine nutzlosen Einwürfe.“

    Whiskey begann seine medizinische Vorbereitung. Reinigen. Desinfizieren. Warmes Wasser. Lockern. Ich habe aufgehört, Fragen zu stellen. Die Stimmen nicht.

    „STEH AUF.“

    „LAUF.“

    >> ABBRUCH EMPFOHLEN
    ABBRUCH EMPFOHLEN
    ABBRUCH EMPFOHLEN

    371 stand daneben und hielt Wache. Diesmal sah ich genau hin. Whiskey nahm die Flasche, holte eine Multivitamintablette raus und kurze Zeit später war sie da, wo Whiskey der Meinung ist, dass Vitamine am besten aufgenommen werden.

    „Und?“

    „Noch nichts. Vielleicht muss die erst wirken.“

    Weiter kam die wissenschaftliche Auswertung nicht.

    Denn plötzlich wurde gelacht.

    Laut.

    Von einer Frau.

    Whiskey und ich sahen uns an. Dann zu 371. Sie stand immer noch mit der Schrotflinte da.

    Und lachte.

    Dieses Lachen. Das Lachen, bei dem jeder in Chernarus weiß, dass irgendjemand etwas gegessen hat, das früher mal einen Vornamen hatte.

    371 hörte sich selbst lachen.

    „Oh fuck.“

    Die Auserwählte

    Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 fand die Erkenntnis ungefähr genauso beruhigend wie wir. Gar nicht. Sie konnte sich an kein Menschenfleisch erinnern und suchte sofort nach einer Erklärung. Ihr Blick fiel natürlich auf mich.

    Den Typen mit sechs Stimmen im Kopf.

    „DU!“

    „Was ich?“

    Sie wollte wissen, wie ich ihr das untergejubelt hätte und wann das passiert sein soll.

    „GAR NICHT!“

    Ich beteuerte meine Unschuld und bewegte mich dabei ganz nebenbei wieder zu meinem kleinen Haufen Ausrüstung neben dem Bett. Hose richtig an. Weste. Waffen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn eine verstörte Frau mit Kuru und Schrotflinte plötzlich überzeugt ist, dass du sie heimlich zum Kannibalen gemacht hast, fühlt man sich vollständig angezogen und bewaffnet einfach wohler.

    Zum Glück blieb es bei Worten. 371 wurde immer verstörter, immer angepisster und rannte irgendwann einfach aus dem Camp. Keine zehn Sekunden später gingen aus ihrer Richtung jede Menge Schüsse los. Als später wieder Ruhe war, lagen dort hauptsächlich sehr viele tote Zombies. 371 sah ich an diesem Abend nicht mehr.

    Verfall dagegen war begeistert.

    „Sie trägt etwas, das bleibt.“

    „Natürlich gefällt dir das.“

    Die Stimme wurde warm. Fast ehrfürchtig.

    „Nicht jeder wird so berührt.“

    „Ach komm.“

    „Sie ist auserwählt.“

    „Das ist Kuru.“

    „Gerade deshalb.“

    „Du hast das vorher gewusst.“

    „Ich habe es erkannt.“

    „Und deshalb ist sie jetzt auserwählt?“

    „Andere Krankheiten kommen und gehen. Diese bleibt. Sie zeichnet. Sie verändert. Kein Verband schließt sie. Keine Tablette nimmt sie fort.“

    „Du machst aus einer Hirnkrankheit gerade ein göttliches Zeichen.“

    Kurze Ruhe.

    „Vielleicht ist sie eines.“

    „Krank!“

    „Auserwählt!“

    „Du bist so unfassbar widerlich.“

    Danach hatte ich genug Medizin, Kannibalismus und göttliche Krankheitszeichen für einen Abend. Wirklich genug.

    -Tim [gdzherz]