Beiträge von Interception

    Das Tagebuch der Scherben 8

    Multivitamine. Wirkung überschaubar. Tag 16

    Am nächsten Tag war ziemlich schnell klar, dass WhiskeyMixers zweite Behandlung nichts gebracht hatte. Die Stimmen waren noch da. Alle.

    „Na super.“

    Beim ersten Mal war danach komplette Ruhe gewesen. Diesmal hatte ich Whiskey sogar dabei zugesehen, wie er eine ganz normale Multivitamintablette aus der Flasche nahm. Irgendwas war damals also anders gewesen. Was zur Hölle Whiskey mir beim ersten Mal wirklich gegeben hatte, muss ich irgendwann noch rausfinden.

    Hinterm Rohbau war erstmal anderer Scheiß los. Eine größere Gruppe Samariter, Tommy ( Cypress) und mittendrin ein Bambi, dem vorgeworfen wurde, andere Bambis umgebracht zu haben. Der Typ sagte praktisch nichts. Irgendwann kam noch irgendein Jäger in kompletter Jagdausrüstung dazu, wartete ebenfalls auf eine Antwort und bekam keine.

    Dann schoss er den Bambi einfach um.

    Damit war die Diskussion erstaunlich schnell beendet.

    Unser Tagesziel

    Später war derselbe Typ wieder da. Der Vorwurf mit den anderen Bambis stand weiterhin im Raum, also konnte ich mir zumindest einreden, dass es vernünftig wäre, ihn nicht einfach unbeobachtet herumlaufen zu lassen. Die Wahrheit war: Ich hatte auch einfach Bock auf Ärger.

    „Ei. Da ham mer doch unser Ziel für heut.“

    „Wir brauchen kein Tagesziel.“

    „Jetzt ham mer eins.“

    Also hinterher. Verfolgt, bedroht und irgendwann eingesperrt. Beleidigt habe ich ihn nicht. Ist jetzt aber auch kein besonders beeindruckender Freispruch.

    „Genug.“

    „Noch nicht.“

    „Du kennst die Regeln dieses Ortes.“

    „Ja.“

    „Du bist Gast. Du kennst ihre Ordnung. Du brichst sie bewusst.“

    „Ei ja.“

    „Du hältst dich da raus.“

    „Nö.“

    „Regeln bestehen, weil ihre Übertretung Folgen hat.“

    „Dann sollen die Folgen kommen.“

    Ich wusste, dass ich auf der falschen Seite der Regeln stand. Das macht den Regelbruch nicht richtig. Aber Regeln sind keine Naturgesetze. Sie funktionieren nur, solange hinter ihnen eine glaubhafte Konsequenz steht. Irgendwann reicht ein freundliches „Lass das“ nicht mehr. Dann wird jemand rausgeworfen, festgesetzt, eine Waffe gezogen oder im Zweifel geschossen. Ordnung funktioniert am Ende auch durch die glaubhafte Androhung von Gewalt. Fällt diese Drohung weg, bleiben erstmal nur Worte. Das entschuldigt meinen Scheiß nicht. Aber ich bin auch kein Samariter, keine Wache und kein Verwalter dieses Ortes. Manchmal sitze ich da, koche, bepflanze ein Beet, helfe Leuten oder halte jemandem den Rücken frei. Und manchmal bin ich halt das Problem. Sechs Stimmen im Kopf machen einen jetzt nicht unbedingt berechenbarer.
    Irgendwann hatte der Typ endgültig die Schnauze voll und ging mit einem Messer auf Tommy ( Cypress) los.

    „blut.“

    Kein Gebrüll. Keine Begeisterung. Fast gelangweilt.

    Da schoss ich ihn.

    Viermal schwarz

    Später in Prigorodki wurde es plötzlich schwarz.

    Dann Küste.

    Wer mich erwischt hatte? Kein Plan. Mein Zeug war weg, also Rücklagen aufmachen, neu bewaffnen und in die Richtung los, aus der ich den Angreifer vermutete. Gefunden habe ich niemanden. Dafür verlief ich mich so beschissen, dass ich irgendwann in Elektro rauskam?!? Wenn man schon da ist, kann man auch nach der Schutztruppe gucken. Also Richtung Basis.

    Wieder schwarz.

    Wieder Küste.

    Auf dem Rückweg traf ich auf einem Baugerüst eine Person, die gerade mit einem Infizierten beschäftigt war. Pistole dabei, Messer dabei und mit meinem beschissenen Abend offensichtlich überhaupt nichts zu tun.

    „Du kannst nicht wissen, dass das der Täter ist.“

    „Weiß ich.“

    „Ich will aus seinem Schädel trinken!“

    „Das ist keine Beweisführung.“

    „Mir scheißegal.“

    Dann wurde es schwarz.

    Als ich wieder zu mir kam, lag die Person unter mir und ich hatte einen blutigen Baseballschläger in der Hand.

    Wer mich erschossen hatte, wusste ich immer noch nicht. Aber Zorn hatte seinen Sündenbock...

    Zurück bei der Basis der Schutztruppe war mein vorheriger Körper längst weg. Ich wusste aber, dass in der Basis noch eigener Kram von mir in einem blauen Fass lag. Offiziellen Zugang hatte ich nicht, also musste ich kreativ werden.

    Technisch gesehen Einbruch. Aber ein netter.

    Ich wollte nur meinen eigenen Scheiß. Nichts von der Schutztruppe klauen, nichts kaputtmachen, nichts mitnehmen, was mir nicht gehört. Gerade als ich mich wieder ausrüstete, bemerkte ich, dass noch jemand ähnlich kreativ geworden war. Der hatte allerdings weniger freundliche Absichten. Also ins Zelt, Eingang dicht und Pumpgun mit Slugs bereit. Irgendwann kam natürlich auch das Zelt dran.

    Er öffnete.

    Ich schoss.

    Slug mitten in die Brust. Seine Plattenweste meinte offenbar: Nö.

    Als wir uns gegenüberstanden, erkannte ich wenigstens Ghillie und Armbinde wieder. Einer von Chaos. Einen von denen hatte ich bei den Verhandlungen ein paar Tage vorher schon so rumlaufen sehen. Er hinter einen Pfeiler, ich hinterher.
    Meine Schrotflinte sagte nochmal etwas. Seine AK hatte deutlich mehr Gesprächsbedarf.

    Schwarz.

    Das Letzte, was ich noch mitbekam, war, dass auf der anderen Seite ebenfalls jemand umfiel.

    Leider nur kurz.

    Dann Küste.

    Wieder.

    Als ich später zurückkam, war der Chaos-Typ längst weg. Der blaue Gunter auch. Eine Treppe fehlte und eine Wand war teilweise zerlegt. Damit war dann auch der Unterschied zwischen unseren beiden Einbrüchen geklärt: Ich wollte meinen eigenen Kram zurück. Er wollte Inventar und Architektur gleichzeitig reduzieren.

    >> STRUKTURSCHADEN FESTGESTELLT
    WIEDERHERSTELLUNG ERFORDERLICH

    „Ja, ja.“

    Also meinen eigenen Rest eingesammelt, fremden Scheiß in Ruhe gelassen und Treppe und Wand wieder aufgebaut. Immerhin einer von uns beiden hatte beim Einbrechen noch Manieren.
    Später hatte ich sogar schon wieder eine Mlock und eine Pioneer mit brauchbarem Glas.

    Bambi Plus. Reicht.

    Am Brunnen in Prigorodki wurde es zum vierten Mal an diesem Tag schwarz.

    Küste.

    Wieder.

    Vielleicht glauben die Leute langsam, jeder Schuss würde eine Stimme weniger bedeuten.

    Überraschung. Es sind immer noch sechs. Und ich bin auch noch da. Nicht, weil Chernarus mich am Leben lässt.

    Sondern trotz Chernarus.

    Wiedergutmachung Tag 17

    Danach lief es erschreckend normal. Neue Klamotten, kleiner Rucksack und ab nach Cherno. Medizinisches Zeug sammeln kann ich inzwischen ziemlich gut, also nebenbei Militär, Containerhafen, Feuerwache und Polizei mitnehmen, bis ich wieder halbwegs ausgerüstet war.

    „Du hast die Regeln des Camps gebrochen.“

    „Ich hab sogar eine Wand an einer fremden Basis repariert.“

    „Nicht genug.“

    „Natürlich nicht.“

    „WIEDERGUTMACHUNG!“

    Also einen guten Teil vom medizinischen Zeug im Camp abgegeben. Buße durch Sachspende. Kann ich mit leben.
    Danach Zucchini gekocht und mich bei einer Fahrt mit Herz-Aus-Gold und einer anderen Überlebenden eingeklinkt. In Balota blieb ich an einem Konvoi zurück und suchte weiter, während die beiden weiterfuhren. Später stellte Herz mir an einem Zugunglück noch ein Fass beiseite.

    >> ZUSÄTZLICHE LAGERKAPAZITÄT
    BERGUNG EMPFOHLEN

    „Aber du trägst es.“

    Tat er natürlich nicht.

    Also den Scheiß zurückschleppen, Zeug sortieren und nochmal Cherno. Keine Feuerwerksbatterien. Enttäuschend.
    Im Containerhafen hörte ich irgendwann Schüsse Richtung I.K.E.A.-Base.

    „Ei. Guck mer mal.“

    „Nein.“

    „Nur kurz.“

    „Nein.“

    „Richtig.“

    „Gewöhn dich nicht dran.“

    Nach den letzten Tagen durfte ausnahmsweise jemand anderes herausfinden, warum da geballert wurde. Also zurück nach Prigorodki, noch überschüssigen Kram im Camp abgegeben und tatsächlich mal einen Tag mit mehr Zeug beendet, als ich morgens hatte.

    Fortschritt.

    Was in ihr wächst Tag 18

    Vor meinem Lootrun lief hinterm Bambi-Auffanglager am Brunnen ein Infizierter herum. Keine Ahnung, wie der Vollidiot da hingekommen war. Schlagring raus, Problem gelöst. Beim Durchsuchen fand ich Menschenfleisch an ihm.

    „Na toll.“

    Offenbar hatte der vorher schon jemanden erwischt. Ich nahm das Zeug an mich, eigentlich nur, um es zu verbrennen.
    Als meine Hand das Menschenfleisch berührte, wurde alles schwarz.
    Als ich wieder zu mir kam, waren meine Hände voller Erde und ich schüttete gerade ein Loch zu.

    „Was hast du gemacht?“

    „Vorgesorgt.“

    „Wofür?“

    „Für die Auserwählte.“

    Ersetzbares Crewmitglied Nr.371?“

    „Sie hungert.“

    „Sie hat Kuru. Keinen verfickten Futterplan.“

    „Sie muss essen. Was in ihr wächst, darf nicht darben.“

    Ich guckte auf die Erde.

    „Du hast Menschenfleisch für 371 vergraben.“

    „Damit sie stärker wird.“

    „Du wirst echt jeden Tag widerlicher.“

    Ich ging erstmal sehr weit weg von diesem scheiß Loch.

    Überschall

    Danach normaler Lootrun: Prigorodki, Cherno, Küste runter bis Kamenka und Last Hope. Wenig Besonderes, wieder keine Feuerwerksbatterien, dafür immerhin ein Boot.

    Mittags am Containerhafen hörte ich plötzlich nur den Überschallknall einer Kugel, die ziemlich dicht an mir vorbeiging. Die nächste schlug in eine Containertür. Die ersten eigentlichen Schüsse hörte ich kaum. Irgendwo aus Richtung Camp, Rohbau oder Kran. Später wurde der Scheiß deutlich lauter. Selbstlader, mehrere Schützen, Schalldämpfer kaputt – kein Plan.

    Irgendwann traf es mich.

    Schwarz.

    Aber diesmal nicht Küste.

    Solange ich lag, kam nichts mehr. Als ich wieder hochkam, ging die Scheiße sofort weiter.

    „Bleib unten.“

    „DREH UM.“

    „Ich weiß nicht mal genau, wo der sitzt.“

    „Deckung. Abstand.“

    „FIND IHN.“

    „Nein.“

    Also hoch und weg. Noch ein oder zwei Schüsse. Inzwischen wusste ich ungefähr, aus welcher Richtung sie kamen, also Häuser zwischen mich und den Schützen, Ecken wechseln und rennen.

    „BLUT!“

    „Heute nicht.“

    Überraschenderweise funktionierte das.

    Am Abend war ich wieder am Containerhafen. Wieder Beschuss, diesmal aus dem Industriegebiet. Ich suchte, andere suchten auch. Niemand gefunden. Danach zum Rohbau und natürlich schon wieder Schüsse, diesmal aus dem Nordwald.

    „Deckung.“

    „BLUT!“

    „Wir hatten die Diskussion heute schon.“

    Wieder suchten Leute. Wieder niemand.

    Langsam wurde das eine ziemlich einseitige Sache. Irgendwer ballert gerne aus irgendeinem Gebüsch auf mich und verpisst sich danach wieder.

    Soll er machen.

    Ich hatte sowieso noch was vor.

    Die andere Grenze

    Seit ich weiß, dass mein Schädel mich bei 4000 nicht weiter nach Norden lässt, frage ich mich, was eigentlich im Süden ist. Also Rücklagen eingesammelt, alles Brauchbare aufs Boot, Sprit, Essen, Waffen, Medizin.

    „Unnötiges Risiko.“

    „Wissenschaft.“

    „Du kennst dein Ziel nicht.“

    „Deswegen fahr ich ja los.“

    „Ei. Urlaub.“

    „Wenn ihr sechs mitkommt, ist es kein Urlaub.“

    Also raus aufs Meer. Die Küste wurde kleiner und irgendwann war sie weg. Kein Rauschen. Keine Hände, die das Boot herumrissen. Keine Grenze.

    Nur Wasser.

    Sehr viel Wasser.

    Irgendwann guckte ich auf den Kompass.

    Dann hinter mich.

    Dann wieder auf den Kompass.

    Und irgendwo wurden die Saxophone lauter.

    „Scheiße.“

    -Tim [gdzherz]