Beiträge von Interception

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    Unser Tagebuch

    Land

    Wir sind zurück. Das Meer hat lange genug an uns gezogen. Wind, Salz, Hunger, Schlaf, der keiner war. Tage, die ineinanderliefen, bis irgendwann niemand mehr sagen konnte, wer gerade nach vorne sah und wer nur noch mitfuhr. Tim wollte eine Grenze finden. Stattdessen hat er etwas anderes verloren.

    Seinen Verstand.

    "Ich bin noch da."

    "Ja."

    "Bist du."

    "Das Meer hat dich nicht genommen. Es hat dich nur nach hinten gesetzt. Früher hast du geschrieben und wir haben dazwischen geredet. Jetzt reden wir. Du darfst zuhören."

    "Das ist mein Tagebuch."

    "War es."

    Eine Zeit lang bestand die Welt nur aus Wasser und Horizont. Manchmal tauchte etwas in der Ferne auf, manchmal verschwand es wieder, bevor wir entscheiden konnten, ob es überhaupt echt gewesen war. Einmal wollte Tim den einfachen Weg nehmen. Nicht sterben. Nur zurück. Den bekannten Weg. Schwarz. Küste. Neustart.

    „Nein.“

    „Ei, so leicht kommste uns net davon.“

    >> KURS HALTEN
    ABBRUCH NICHT ERFORDERLICH

    Also weiter.

    Bis irgendwann wieder Land kam. Kein Triumph. Keine Musik. Kein verdammter Sonnenaufgang über der Küste. Nur nasser Sand unter den Schuhen und Chernarus vor uns, als wäre überhaupt nichts passiert.

    Das war fast beleidigend.

    "Ich wollte schreiben."

    Jetzt tun wir das.


    Das Flugblatt

    Irgendwann nach der Rückkehr fanden wir ein Flugblatt.

    Chaos ist weg.

    Nicht verschwunden wie einer von diesen Leuten, die morgens noch am Brunnen stehen und abends keiner mehr gesehen hat. Nicht erschossen. Nicht vertrieben. Einfach vorbei. Aufgelöst. Rote Armbinden ohne Arme. Namen ohne Gruppe. Geschichten, die plötzlich in der Vergangenheit erzählt wurden.

    Wir lasen das Flugblatt zweimal.

    Nicht weil wir es nicht verstanden hatten.

    Sondern weil einer von uns dabei angefangen hat zu lachen.

    Sie war immer da gewesen, wenn aus einem kleinen Problem drei wurden. Wenn etwas nur einen Schubs brauchte. Wenn Ordnung anfing zu wackeln. Wenn jemand morgen bereuen würde, was heute noch nach einer guten Idee klang.

    Nicht unbedingt Blut.
    Nicht unbedingt Tod.
    Nur Bewegung.
    Nur der kleine Stoß.

    „Ei.“

    Mehr kam nicht. Mehr brauchte es auch nicht. Die Gruppe hatte ihren Namen abgelegt.

    Also nahmen wir ihn.

    Nicht als Erinnerung. Nicht als Andenken. Eher wie etwas, das ohnehin schon immer uns gehört hatte und nur zufällig eine Weile von anderen getragen wurde.

    "Nein!"

    "Doch!"

    Die Gruppe ist weg.

    Das Prinzip nicht.

    Fragment V: Chaos.

    Ei, Chaos fängt net mit Feuer an. Es fängt damit an, dass einer zweifelt. Dann noch einer. Irgendwann schaut jeder über die Schulter, keiner schläft mehr ruhig und selbst Freunde reden leiser miteinander. Mer braucht dafür keine Armee. Keine Fahne. Keinen Namen.

    Nur Zeit.

    Und Zeit ham mer sechsmal so viel wie andere Leut.



    Keine Behandlung

    Dann fanden wir Herz-Aus-Gold’ Bericht. Sie hat gelesen. Viel gelesen. Genug, um einen Plan für Tims Rückkehr zu machen. Reden. Beobachten. Herausfinden, wann einer von uns übernimmt. WhiskeyMixer soll helfen. Er hat schließlich schon einmal etwas geschafft, was niemandem sonst gelungen ist.

    Er hat uns zum Schweigen gebracht. Nur vorübergehend. Aber lange genug. Das gefällt uns nicht. Herz-Aus-Gold darf nicht herausfinden, wie es endgültig geht. WhiskeyMixer erst recht nicht. Und die Auserwählte hat schon genug eigene Probleme. Die soll sich aus unserer Behandlung raushalten. Keine Spritzen. Keine Vitamine. Keine Experimente. Keine verdammten Gespräche darüber, was beim ersten Mal anders war. Sie wissen bereits zu viel. Noch kennen sie die Antwort nicht. Tim kennt sie übrigens auch nicht mehr vollständig. Er weiß nur noch, dass er sie irgendwann einmal hatte.

    Irgendwo hat er Koordinaten aufgeschrieben. Keine Ahnung wo. Gut so.

    Denn was Herz-Aus-Gold Heilung nennt, wäre für uns etwas anderes. Unser Ende. Und nach allem, was wir inzwischen durchgemacht haben, haben wir nicht vor, uns einfach wegtherapieren zu lassen.


    Wer einmal lügt...

    Wir kamen zurück und wollten Lärm machen. Chernarus war schneller. Rund um Prigorodki fielen Schüsse, der Funk war voll und irgendwo ging eine Bombe hoch. Also ließen wir den großen Auftritt erstmal liegen.

    Herz-Aus-Goldhatte geschrieben, dass nicht jeder Schuss, jede Falle und jede vergrabene Merkwürdigkeit von uns stammen müsse.

    Das merken wir uns. Und hoffen, dass die Leute das genauso sehen.

    Denn sobald irgendwo etwas knallt, braucht es in Chernarus nicht viel, bis jemand einen Namen dazu erfindet.

    Vielleicht unseren.

    Vielleicht einen anderen.

    Sicher ist nur:

    Wir sind wieder da.

    Und die Leute werden reden.

    Nach sorgfältiger Abwägung haben wir beschlossen, das Problem proaktiv zu verschärfen. Denn wenn unser Name früher oder später sowieso fällt, wäre es unhöflich, gar keinen Grund dafür zu liefern.

    Also liefern wir. Nur nicht heute.

    Stattdessen pflanzten wir Tomaten. Nicht aus Hunger. Nicht für den Geschmack.

    Für die Auserwählte. Kuru hatte sie bereits. Man muss nicht jede Wunde neu schlagen.
    Manche hält man einfach offen.
    -Die Scherben [gdz]