02.08.2026 – Tag 116 (Sonntag) – Von Wildgänsen und neuen Begegnungen
Hallo ihr Lieben!
Der Morgen begann mit einer Nachricht, die mich auf eine sehr unspektakuläre Weise ziemlich erleichterte: The_GraveDigger war früh in Prigorodki unterwegs gewesen, als ich bereits schlief und hatte nach dem Rechten gesehen. Das Camp war ruhig. Die "Zentrale" stand noch, die BBA war ebenfalls verschlossen und auch sonst gab es keine Anzeichen dafür, dass in den Stunden, in denen ich irgendwann vor Müdigkeit doch eingeschlafen war, jemand zugeschlagen hatte.
Nach der Begegnung der vergangenen Nacht hatte ich mir darüber mehr Gedanken gemacht, als mir lieb war. Und auch wenn ich inzwischen wusste, dass mein Gefühl mich bei dem Fremden nicht getäuscht hatte, war zumindest nichts weiter geschehen. Es tat gut zu wissen, dass The_GraveDigger einfach nachgesehen hatte. Ohne großes Aufheben darum zu machen. Vielleicht ist genau das eine der angenehmsten Seiten unserer Gemeinschaft: Man muss nicht immer darum bitten, dass jemand ein Auge auf einen hat.
🌱 Tomaten-Tim
Während Chantal, Pinky und The_GraveDigger zur Gefängnisinsel aufbrachen, um bei Assaults Basis nach dem Rechten zu sehen und ein Sicherheitseinführung für Chantal mit Erlaubnis durchzuführen, zog es mich nach Solnichniy.
Das Camp dort hatte wieder etwas Aufmerksamkeit nötig und eigentlich hatte ich mit einem ruhigen Vormittag gerechnet.
Doch noch bevor ich überhaupt einen Fuß zwischen die Unterstände setzen konnte, bemerkte ich dort einen Fremden.
Ich grüßte.
Er rannte weg.
Also tat ich das einzig Vernünftige und rannte ebenfalls weg.
So ganz heldenhaft war das vermutlich nicht, aber nach den vergangenen Tagen musste ich nicht unbedingt ausprobieren, warum ein Fremder beim Anblick von mir die Flucht ergriff. Ich wollte das Dach der Krankenstation erreichen und mir die Sache von dort aus ansehen, sammelte auf dem Weg jedoch so viele Zombies ein, dass aus meinem geordneten Rückzug ziemlich schnell eine wilde Flucht wurde.
Und ausgerechnet da kam der Fremde wieder auf mich zugerannt. Mit gezogener Waffe.
„Nicht schießen!“, brachte ich noch hervor.
Doch die Waffe galt gar nicht mir.
Gemeinsam kämpften wir uns durch die Zombies, bis endlich Ruhe einkehrte. Keuchend bedankte ich mich bei meinem unerwarteten Retter und stellte mich vor. Er hieß Tim (Interception) war noch nicht lange hier und machte einen sympathischen Eindruck.
Vor allem aber hatte er Tomaten...
Damit war sein Name für mich natürlich entschieden: Tomaten-Tim.
Meine Frage, womit er die Tomaten gedüngt hatte, beantwortete er glaubhaft damit, dass es kein Menschenfleisch gewesen sei. Nun gut. Man wird in Chernarus bescheiden mit seinen Ansprüchen.
Wir legten gemeinsam Gemüse für das Camp an und brachen anschließend Richtung Elektrozavodsk auf, wo Tim sich offenbar ganz wohlfühlte. Unterwegs kämpften wir uns durch die üblichen Untoten, ich machte einen Abstecher nach Little Prigo und zeigte ihm schließlich auch unser Auffanglager in Elektrozavodsk. Zwei neue Beete kamen dazu und er schien das Camp zu mögen. Dann trennten sich unsere Wege vorerst und ich zurück nach Prigorodki weiter.
Dort warteten bereits Kneipenwirt Blitzo, Chantal und Pinky.
🧭 Ein alter Bekannter, der keiner sein wollte
Lange hielt es mich allerdings nicht dort. Unsere Gaskanister waren verschwunden und so brach ich noch einmal auf, um Nachschub zu suchen. Als ich später zurückkehrte, kam mir ein Humvee entgegen. Er hielt an, E.C.H.O. stieg aus, deutete auf ein Bambi in einiger Entfernung – und fuhr weiter.
Na vielen Dank auch.
Natürlich ging ich hin.
Der Fremde sprach Englisch und stellte sich als "Pontas" vor. Ich erklärte ihm, was es mit dem Camp auf sich hatte, zeigte ihm unsere Vorräte und sagte ihm, dass er sich nehmen durfte, was er zum Überleben brauchte. Er bedankte sich gleich mehrmals überschwänglich und zog schließlich weiter.
Ganz geheuer war uns die Sache trotzdem nicht.
Und später stellte sich heraus, dass unser Gefühl gar nicht so falsch gewesen war. „Pontas“ war eigentlich Pontan371, den wir durchaus schon aus früheren Zeiten kannten. Warum er so getan hatte, als wäre ihm das alles vollkommen neu, blieb sein Geheimnis. Andererseits hatte er sich anständig verhalten, nichts angestellt und war friedlich weitergezogen.
Man muss vielleicht auch nicht jedes Rätsel sofort lösen.
🔥 Die Wildgänse
Als die Dunkelheit über Prigorodki hereinbrach, ging Pinky schlafen und schließlich saßen Chantal, E.C.H.O. und ich gemeinsam am Lagerfeuer.
E.C.H.O. kümmerte sich auf seine ganz eigene Art rührend um Chantal. Er brachte uns Felle, damit wir nicht auf dem kalten Boden sitzen mussten, und schenkte ihr sogar ein Paar besonderer Lederschuhe. Und während das Feuer vor uns knisterte, musste ich an eine Geschichte denken, die ziemlich gut zu diesem Tag passte.
Also erzählte ich ihnen von den Wildgänsen.
Von Vögeln, die gemeinsam ziehen und dabei ihre Formation wechseln. Einer fliegt eine Weile voraus und nimmt den größten Widerstand auf sich. Wird er müde, übernimmt ein anderer. Fällt eine Gans zurück, bleiben andere bei ihr, bis sie wieder weiterziehen kann. Nicht, weil eine einzelne Gans zu schwach wäre. Sondern weil der gemeinsame Weg leichter wird, wenn nicht immer derselbe vorne fliegen muss.
Vielleicht gefiel mir die Geschichte gerade deshalb so gut.
Ich hatte in letzter Zeit oft darüber nachgedacht, wie viel Kraft es kostet, diese Camps am Leben zu erhalten. Essen heranzuschaffen. Kleidung zu sortieren. Fremde willkommen zu heißen. Verwundete abzuholen. Leuten zum hundertsten Mal zu erklären, wie man eine Infektion behandelt, warum man eine geladene Waffe am Camp vielleicht besser nicht auf andere richtet oder dass man einen Kühler tatsächlich mit Wasser füllen sollte.
Manchmal wird man dabei müde.
Und vielleicht hatte ich lange geglaubt, ein Samariter müsse trotzdem immer weiter vorne fliegen.
Aber wenn ich mich umsah, stimmte das längst nicht mehr.
The_GraveDigger hatte am Morgen nach dem Camp gesehen, als ich es nicht mehr konnte. Tim hatte mir gegen die Zombies geholfen, obwohl wir uns noch überhaupt nicht kannten. E.C.H.O. legte Chantal ein Fell hin und schenkte ihr Schuhe. Pinky und die anderen waren gemeinsam unterwegs. Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 würde später einen kranken Tim von Balota abholen und nach Hause bringen.
Eine Hand übernahm, wenn eine andere gerade nicht konnte.
Vielleicht war genau das der eigentliche Sinn der Samariter oder unserer Gemeinschaft: Nicht immer derjenige zu sein, der rettet. Sondern Teil einer Gemeinschaft zu sein, in der es vollkommen in Ordnung ist, sich auch einmal retten zu lassen.
🌙 Noch eine lange Nacht
Später brach E.C.H.O. auf und Tomaten-Tim kam nach Prigorodki. Auch Pontan371 tauchte wieder auf – diesmal als Bambi. Er erzählte Tim, er sei im Westen verdurstet. E.C.H.O. und Tim folgten ihm eine Weile bis nach Balota, ließen ihn schließlich aber ziehen.
Ganz ohne Rettungsaktion ging die Nacht natürlich trotzdem nicht zu Ende.
Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 machte sich noch daran, unsere Vorräte aufzufüllen, ehe sie nach Balota aufbrach, um Tim abzuholen. Der hatte sich inzwischen einen Wundbrand eingefangen. Zum Glück konnte Sueda ihn behandeln und wieder einigermaßen zusammenflicken.
Und offenbar gefiel ihm Elektrozavodsk inzwischen so gut, dass er darüber nachdachte, sich dort dauerhaft niederzulassen. @Jannniks altes Tor in der Hütte existierte ohnehin nicht mehr. Vielleicht würde dort also bald wieder jemand wohnen und gleichzeitig ein Auge auf unser Camp haben.
🕯️ Ein Schatten weniger
Und dann gab es noch eine Gewissheit, auf die ich eigentlich gerne verzichtet hätte.
Mein Gefühl in der vergangenen Nacht hatte mich nicht getäuscht: Der Fremde, dessen Stimme diese alte Erinnerung in mir geweckt hatte, gehörte tatsächlich zu jenen Leuten, die damals in Prigorodki etwas angerichtet hatten, das ich nicht vergessen hatte.
Er konnte und durfte nicht bleiben. Ihm wurde unmissverständlich klargemacht, dass für ihn hier kein Platz mehr war. Nicht nach dem, was geschehen war.
Als ich davon erfuhr, wusste ich zunächst gar nicht recht, was ich dabei empfinden sollte. Erleichterung sicherlich. Aber auch die unangenehme Bestätigung, dass die Angst der vergangenen Nacht eben doch nicht nur aus alten Erinnerungen entstanden war.
Vielleicht war es aber auch gut, dass die Sache dieses Mal anders endete.
Ich hatte ihn am Camp gesehen und trotzdem nicht geschossen. Ich hatte ihn begrüßt, ihm Hilfe angeboten und ihn wie jeden Fremden behandelt, solange ich nicht wusste, wer vor mir stand. Und als die Wahrheit ans Licht kam, musste ich sie nicht allein tragen. Andere waren da und sorgten dafür, dass aus diesem alten Schatten keine neue Geschichte wurde.
Was aus seinen potenziellen Begleitern wird, bleibt abzuwarten. Sie tragen nicht automatisch die Schuld eines anderen, nur weil sie mit ihm unterwegs waren. Aber nach allem, was passiert ist, werde ich sicherlich genauer hinsehen.
🌅 Gedanken zum Schluss
Was für ein seltsamer Tag.
Er begann mit der Sorge darüber, wer vielleicht zurückgekehrt war, und endete am Lagerfeuer mit einer Geschichte darüber, warum niemand seinen Weg allein gehen muss.
Vielleicht passte das besser zusammen, als ich zunächst dachte.
Man kann vorsichtig sein und trotzdem freundlich bleiben. Man kann Angst haben und trotzdem auf einen Fremden zugehen. Und man kann irgendwann müde werden, ohne deshalb aufzugeben.
Denn vielleicht muss man gar nicht immer die Gans an der Spitze sein.
Manchmal reicht es, weiterzufliegen.
Und darauf zu vertrauen, dass jemand anderes für eine Weile den Wind übernimmt.
In diesem Sinne: Passt auf euch auf und bleibt am Leben!
Gez.
Herz-Aus-Gold
🎞️STREAM vom Sonntag, 02.08.2026