Glorreiche Missgeschicke und nasse Füße: Rannulfs Überlebensmemoiren

  • Randnotizen eines Stabsadjutanten

    Zwischen Akten und Frontlinien


    Die Amtsstube war still.

    Abgesehen vom gelegentlichen Rascheln von Papier und dem dumpfen Knacken des alten Holzofens hörte man nur den Wind draußen durch die Straßenschluchten von Novodmitrovsk ziehen. Irgendwo schlug ein loses Blech gegen eine Hauswand. Das ganze Rathaus klang nachts immer ein wenig so, als würde es sich jeden Moment entscheiden einzustürzen — bisher hatte es sich erfreulicherweise jedes Mal dagegen entschieden.

    Segestes heftete die letzten Unterlagen sorgfältig in einen Ordner ein:

    Diplomatische Zusammenkunft mit DOT.
    Versorgungsabsprachen.
    Funkfrequenzen.
    Munitionsaustausch.
    Mögliche gemeinsame Sicherungsoperationen.

    Der Ordner war inzwischen dicker als mancher Einsatzbericht.

    Crocodile Dendi war gemeinsam mit Iquitos und CohibaCastro nach Novo gekommen. Trotz des Anschlags auf das Treffen war die Zusammenkunft am Ende überraschend erfolgreich verlaufen. Zumindest gemessen an den üblichen Maßstäben von Chernarus, wo „erfolgreiche Diplomatie“ oft einfach bedeutete, dass am Ende weniger Leute erschossen worden waren als ursprünglich erwartet.

    Segestes lehnte sich zurück und stieß langsam die Luft aus. Die Kooperation mit DOT war grundsätzlich ein Gewinn. Das sah in der Einheit fast jeder so, ihn selbst eingeschlossen.

    DOT war aggressiver als die 501st. Teilweise deutlich aggressiver. Aber eben nicht kopflos. Nicht chaotisch. Nicht dieses stumpfe Rambo-Gehabe, das manche ihnen gern unterstellten.

    Professionell.
    Diszipliniert.
    Integer.

    Das war ein Unterschied, den viele in Chernarus entweder nicht verstanden oder absichtlich ignorierten.

    Schon bevor Segestes sich der 501st angeschlossen hatte, hatte er von DOT gehört. Nicht viel — aber genug:

    Faire Händler.
    Verlässliche Absprachen.
    Saubere Einsätze.

    Und oft auch diese Geschichte:
    Wenn sie Material übrig hatten, tauchten plötzlich irgendwo nahe der Küste vergrabene Versorgungstaschen auf. Verbandszeug, Essen, Werkzeug, einfache Waffen. Genug, damit irgendein halb verhungerter Küstenwanderer vielleicht noch eine Woche länger überlebte. Nicht viele Gruppen machten sich diese Mühe, so viel war sicher.

    Während seiner Zeit bei der 501st hatte Segestes dann immer wieder von gelegentlichen gemeinsamen Operationen in der Vergangenheit gehört. Nie etwas Schlechtes. Im Gegenteil.

    „Wenn DOT zusagt, dann steht das auch“, hatte Nyarlathothep irgendwann mal gesagt. Für Nyarlathothep war das vermutlich bereits ein Liebesbrief gewesen - und bisher hat sich dieser Eindruck auch für Segestes bestätigt.

    Trotzdem blieb ein unangenehmes Ziehen irgendwo im Hinterkopf. Denn Kooperation bedeutete auch Einfluss. Und Einfluss funktionierte in beide Richtungen.

    Gerade jetzt.

    Gerade in einer Zeit, in der die neuen Einsatzrichtlinien ohnehin schon genug Unruhe in die Einheit brachten. Segestes schob den Gedanken beiseite. Grübeln sortierte die Akten nicht fertig.

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    Als er alles beisammen hatte, stand er mit einem leisen Ächzen auf, nahm die Ordner und machte sich auf den Weg zu Rannulfs Büro. Der Flur war fast leer. Nur irgendwo weiter hinten diskutierten zwei Leute darüber, ob man Ravioli direkt kalt aus der Dose essen durfte oder ob das bereits als Kriegsverbrechen galt.

    „Wenn sie warm wären, hätten wir sie längst gegessen“, stellte jemand sachlich fest. Das war nicht von der Hand zu weisen.

    Segestes klopfte an Rannulfs Tür.

    Keine Antwort.

    Noch ein Klopfen.

    Wieder nichts.

    Er wartete einen Moment, trat dann ein. Das Büro war leer. Auf dem massiven Schreibtisch stapelten sich weiterhin Einsatzberichte, Protokolle und lose Notizzettel. Genau dieselben Unterlagen, die den Marschall seit Tagen beschäftigten.

    Segestes blieb kurz stehen.

    Er wusste inzwischen genug, um zu verstehen, warum. Sein Blick glitt über einige der Akten.

    Manipulierte Berichte.
    Geradegebogene Einsatzprotokolle.
    Unterschriften, die keine waren.

    Er zwang sich, nicht näher hinzusehen. Der Auftrag des Marschalls hing ihm ohnehin schon schwer genug im Nacken.

    Also legte er die DOT-Unterlagen sauber ab und verließ das Büro wieder.

    Anschließend machte er sich auf den Weg ins Lager, wo er eine Materialbedarfsliste der Waffenkammer für JJH hinterlegen wollte. Im Lager traf ihn sofort der vertraute Geruch aus Waffenöl, Holz, Metall und abgestandener Luft.

    JJ war wider Erwarten anwesend, er stand zwischen mehreren Kisten und sortierte das Material mit der Konzentration eines Chirurgen bei einer Herzoperation. Seine Uniform sah – wie so oft – gewöhnungsbedürftig aus. Er erinnerte Segestes immer irgendwie an einen Waldläufer.

    „Sag mir bitte, dass du diesmal wenigstens weißt, was in welcher Kiste liegt“, meinte Segestes.

    JJ blickte nicht einmal auf.

    „Natürlich.“ Kurze Pause. „Ungefähr.“

    Segestes schnaubte leise.

    Es war ohnehin unfassbar, was JJ alles auftreiben konnte. Egal ob Munition, Medikamente, Ersatzteile, Werkzeug oder sonst irgendein völlig obskures Zeug, das seit dem Zusammenbruch der Zivilisation niemand mehr hergestellt hatte — JJ schaffte es irgendwie trotzdem herbei.

    Die Materiallisten waren schnell abgearbeitet.

    Danach lungerten sie beide noch eine Weile zwischen den Regalen herum und redeten über dies und das. Irgendwann landeten sie wie von selbst bei der Stimmung in der Einheit und den neuen Einsatzrichtlinien.

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    „Und?“, fragte Segestes beiläufig. „Was hältst du davon?“

    JJ schob eine Kiste zurecht. „Davon, dass jetzt alles einen Namen bekommen hat?“

    „Zum Beispiel.“

    JJ dachte kurz nach. „Ich versteh schon, warum Rannulf das macht.“ Dann zuckte er mit den Schultern. „Aber wir sollten aufpassen, dass wir nicht anfangen, überall nur noch Bedrohungen zu sehen.“

    Das überraschte Segestes nicht. JJ war keiner, der Streit suchte. Aber genauso wenig jemand, der davor zurückwich, wenn es ernst wurde. Gerade deshalb wirkte seine Meinung glaubwürdig.

    „Robust reagieren, wenn nötig“, sagte JJ schließlich. „Aber dieses ganze dauernde Härte-Gerede…“ Er verzog leicht das Gesicht. „Irgendwann benimmt sich sonst jeder nur noch wie ein schlecht gelaunter Cowboy.“

    Segestes nickte langsam. Und bemerkte erst danach, wie aufmerksam er eigentlich zugehört hatte.

    Vielleicht zu aufmerksam.

    Auf dem Rückweg durch den Flur wurde ihm plötzlich klar, dass er inzwischen genau das tat, was er eigentlich vermeiden wollte.

    Er hörte zu. Er fragte nach.
    Er achtete auf Aussagen.
    Er verglich Meinungen.

    Nicht aus Neugier. Sondern wegen Rannulfs Auftrag.

    Der Gedanke gefiel ihm überhaupt nicht.

    Er sollte ermitteln. Verstehen, was innerhalb der Einheit vorging. Herausfinden, woher bestimmte Entwicklungen kamen. Aber irgendwo auf dem Weg dorthin fühlte es sich plötzlich an, als würde er anfangen, die eigenen Leute auszuspionieren.

    Und das war eine Grenze, mit der er sich nicht wohlfühlte. Er verstand die Notwendigkeit, die den Marschall zu diesem Befehl gezwungen hatte. Aber er wollte unter keinen Umständen seine Kameraden bespitzeln.

    Er musste entscheiden, wie er mit dem Befehl umgehen wollte. Aber nicht heute. Dazu war er zu müde, außerdem drehten sich seine Gedanken längst im Kreis.

    Als er die Stube erreichte, war Nyarlathothep noch unterwegs. Irgendeine Sicherungspatrouille am Stadtrand. Segestes ließ sich schwer auf sein Bett fallen.

    Seine Gedanken wanderten zurück zu DOT. Und zu The Mighty Quin.

    Auf Segestes' eigenes Anraten hin hatte Quin sich vor kurzem einem DOT-Kommando bei einer KOTH-Operation angeschlossen. Der Einsatz war objektiv ein voller Erfolg gewesen. Gute Zusammenarbeit. Hochwertige Beute. Kaum Verluste.

    Eigentlich genau das, was man sich von gemeinschaftlichen Operationen versprach. Und trotzdem ließ ihn irgendetwas daran nicht los.

    Nicht wegen DOT. Sondern wegen Quin.

    Seit seiner Rückkehr von diesem Einsatz redete der Leutnant beinahe täglich von offensiverem Vorgehen:

    „...nicht lange fackeln...“

    „...immer in Bewegung bleiben...“

    „...aggressiv reingehen und aufräumen...“

    „Immer feste, reinen Tisch!“

    Manche hörten dabei deutlich zu aufmerksam zu. Vor allem Zwie8el schien regelrecht begeistert zu sein. Und genau das bereitete Segestes Bauchschmerzen.

    Denn zwischen „entschlossen handeln“ und „einfach schneller schießen“ lag oft nur ein verdammt schmaler Grat.

    Er starrte schweigend an die Decke. Natürlich hatten viele Gegner der 501st den Ärger verdient. Wegelagerer. Mörder. Irgendwelche Feiglinge, die nachts auf das Hauptquartier schossen, Sprengfallen platzierten oder versuchten, einzubrechen... und dann verschwanden wie Ratten.

    Aber irgendein Schaden blieb am Ende fast immer zurück - Wütende, Verletzte, Tote.

    Und die schossen irgendwann zurück. Erstaunlicherweise rächten sich besonders oft die Toten.

    Die Anschläge auf das Hauptquartier hatten jedenfalls in letzter Zeit bereits zugenommen. Immer wieder dieselben Gestalten. Dieselben Fahrzeuge. Dieselben feigen Schüsse aus sicherer Entfernung.

    Vielleicht hatte Quin recht. Vielleicht musste man solchen Leuten tatsächlich endgültig das Handwerk legen. Sie mit Stumpf und Stiel ausrotten.

    Oder vielleicht sorgte genau dieses aggressive Vorgehen erst dafür, dass einige Menschen glaubten, gegen die 501st kämpfen zu müssen.

    Segestes wusste es nicht.

  • Randnotizen eines Stabsadjutanten

    Von Hydraulikschläuchen, Wölfen und anderen Problemen


    Wenn es eine Sache gab, die Segestes in den vergangenen Monaten gelernt hatte, dann diese:

    Es existierten unzählige Wege, in Chernarus ums Leben zu kommen.

    Erschossen werden. Von Infizierten zerfleischt werden. Von einer Chimäre gefressen werden. Von Banditen überfallen werden. Oder den Fehler zu begehen, Luftlande-Feldwebel WeizenWarrior nach dem Zustand seines Fluggeräts zu fragen.

    Na gut, zugegeben, letzteres war selten unmittelbar tödlich, führte aber zuverlässig zu langen und äußerst ermüdenden Gesprächen über Ersatzteile.

    Wirklich sehr langen Gesprächen.

    Segestes saß an seinem Schreibtisch und betrachtete die Materialanforderungsliste, die vor ihm lag. Dann die zweite. Dann die dritte.

    Anschließend hob er langsam den Blick.

    „Weizen...“

    „Hm?“

    „Willst du den Hubschrauber instandsetzen oder eine eigene Luftwaffe aufbauen?“

    Der Pilot lehnte am Schrank, die Arme verschränkt. „Beides, wenn möglich.“

    Segestes musterte ihn einige Sekunden.

    WeizenWarrior erwiderte den Blick vollkommen ungerührt.

    Schließlich schob Segestes die Listen zusammen. „Das hier sind drei Seiten.“

    „Vier.“

    „Vier?“

    „Du hast die Rückseite noch nicht gesehen.“

    Segestes schloss kurz die Augen. „Natürlich habe ich die Rückseite noch nicht gesehen.“

    Weizen nickte zufrieden. „Dann heb dir die Überraschung für später auf.“

    Segestes stieß ein langgezogenes Seufzen aus. „ JJH wird mich hassen.“

    „Ach was.“

    Segestes beschaffte das Material nicht selbst. Dafür gab es Leute, die dafür deutlich besser geeignet waren. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, die Bedarfsanforderungen aufzunehmen, nach Dringlichkeit zu sortieren und an die zuständigen Stellen weiterzuleiten.

    In diesem Fall bedeutete das: JJ.

    Und JJ würde die Listen sehen, einmal nicken und sich anschließend aufmachen, das Zeug irgendwo aufzutreiben. Wenn dafür ein vergessenes Luftwaffendepot ausgegraben werden musste, würde JJ vermutlich schon nach einer Schaufel suchen.

    „Ich bin sicher, er wird eine große Freude daran haben...“

    „Davon gehe ich aus“, bestätigte Weizen trocken.

    Eine Weile blätterten beide noch durch die Unterlagen und gingen die einzelnen Materialanforderungen durch.

    Dann wurde Weizen etwas ernster. „Wie ist die Stimmung?“

    Segestes blickte auf. „In der Einheit?“

    „Ja.“

    Segestes dachte kurz nach. „Gemischt.“

    WeizenWarrior nickte. Offenbar hatte er nichts anderes erwartet.

    „Die neuen Richtlinien sorgen für Diskussionen.“

    „Das tun neue Richtlinien meistens.“

    „Und du?“

    Weizen ließ sich mit der Antwort Zeit.

    „Ich verstehe The Mighty Quin.“

    Das überraschte Segestes nicht im Geringsten. „Aber?“

    „Aber ich verstehe auch den Marschall.“ Der Feldwebel verschränkte die Arme. „Es gibt Situationen, da muss man schnell handeln. Entschlossen handeln. Wenn jemand unsere Leute angreift oder andere Überlebende abschlachtet, werde ich bestimmt keine philosophische Debatte anfangen.“

    Segestes nickte. Genau das entsprach seinem Bild von Weizen. „Aber?“, fragte er erneut.

    Weizen verzog leicht das Gesicht. „Man sollte aufpassen, dass man sich nicht irgendwann einredet, jeder Konflikt ließe sich durch mehr Aggressivität lösen.“

    Für einen Moment herrschte Schweigen.

    Dann deutete Weizen auf die Listen. „Ein Hubschrauber fliegt auch nicht besser, nur weil man mehr Gas gibt.“

    „Das ist jetzt hoffentlich eine Metapher.“

    „Vielleicht.“

    Segestes schnaubte. „Das war eine furchtbare Metapher.“

    „Ich bin Pilot, kein Dichter.“

    „Zum Glück.“

    Diesmal grinste WeizenWarrior tatsächlich. „Jedenfalls vertraue ich darauf, dass der Marschall weiß, was er tut.“

    „Das tue ich auch.“

    „Dann sind wir uns ja einig.“ Weizen nahm seine Unterlagen wieder auf. „Richte JJ aus, dass die Hälfte davon dringend ist.“

    „Welche Hälfte?“

    „Die schwer zu beschaffende!“

    „Natürlich.“

    Damit verabschiedete sich der Feldwebel und verschwand wieder Richtung Hangar.

    Segestes blickte noch einmal auf die vier Seiten Materialanforderungen. Dann griff er nach dem entsprechenden Formular für die Logistik.

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    Am späten Nachmittag begann Segestes' Wachdienst.

    Gemeinsam mit Nyarlathothep und Zwie8el bezog er Stellung auf einem Dach in der Nähe des Rathauses. Ihre Schicht würde bis in die Nacht dauern, und Nyarlathothep hatte sein Nachtsichtgerät am Helm.

    Von hier oben konnte man einen großen Teil von Novodmitrovsk überblicken:

    Den Marktplatz.

    Die Hauptstraße.

    Die Zufahrten.

    Den Brunnen hinter dem Rathaus.

    Und das Hilfsdepot.

    „Achtung, Bewegung!“

    Zwie8el hatte als Erster etwas entdeckt. Fast zeitgleich lag sein Gewehr bereits an der Schulter.

    „Ruhig“, sagte Segestes sofort.

    „Zwei Personen. Südwestliche Zufahrt.“

    „Ich sehe sie“, bestätigte Nyarlathothep.

    Zwiebel beobachtete die Gestalten durch seine Optik. „Könnte feindliche Aufklärung sein.“

    „Könnten auch einfach zwei Typen mit einem Rucksack sein“, entgegnete Segestes.

    Nyarlathothep schnaubte.

    „Sie nutzen den Korridor.“

    Tatsächlich bewegten sich beide Personen exakt auf der festgelegten Route durch Novo. Der vom Marschall ausgewiesene Sicherheitskorridor war wohl inzwischen den meisten bekannt.

    Wer Hilfe am Depot suchte, sollte diesen Weg nutzen.

    Keine unnötigen Umwege.

    Keine Annäherung an das Rathaus.

    Keine Überraschungen für die Wachen.

    Die beiden Gestalten hielten sich beinahe schulbuchmäßig daran.

    „Außerdem“, ergänzte Nyarlathothep, „wenn das ein Angriffstrupp ist, dann der schlechteste, den ich je gesehen habe.“

    Eine der beiden Gestalten humpelte sichtbar. Der andere trug offenbar mehr Verbandszeug am Körper als Munition.

    Zwiebel ließ die Waffe wieder sinken. „Man wird ja wohl noch wachsam sein dürfen.“

    „Darfst du“, sagte Segestes. „Musst deswegen aber nicht jeden Halbtoten für eine Spezialeinheit halten.“

    Wenig später erreichten die beiden Typen das Hilfsdepot. Einer nahm einige Konservendosen an sich. Der andere stopfte sich Verbandszeug in den Rucksack.

    Danach verschwanden beide wieder in der Dunkelheit.

    Kein Ärger.

    Keine Gegenleistung.

    Keine Fragen.

    Einfach Hilfe.

    Genau so, wie es gedacht war.

    „Schon verrückt“, murmelte Zwiebel.

    „Was?“

    „Dass man immer wieder überrascht ist, wenn einen mal jemand nicht überfällt.“

    Nyarlathothep schnaubte.

    „Die Messlatte in Chernarus liegt nicht besonders hoch.“

    „Stimmt auch wieder.“

    Eine Weile beobachteten sie schweigend die Stadt. Irgendwo in den Wäldern nördlich von ihnen jaulte ein Wolf. In der Ferne knatterte kurz ein Motor.

    Dann wurde es wieder ruhig.

    Zwiebel lehnte sein Gewehr gegen die Brüstung.

    „Habt ihr schon gehört?“

    Segestes kannte diesen Tonfall. Selten kam etwas Vernünftiges dabei heraus.

    „Nein.“

    „Quin sucht Leute.“

    Nyarlathothep nickte.

    „Das stimmt.“

    Segestes sah zwischen beiden hin und her.

    „Wofür?“

    Zwiebels Grinsen wurde breiter, man konnte es sogar unter seiner Vermummung erkennen.

    „Patrouillen.“

    „Wir machen ständig Patrouillen.“

    „Nicht solche Patrouillen.“

    „Aha.“

    „Regelmäßig. Größer. Weiter draußen.“

    Nyarlathothep ergänzte ruhig: „Schnelle Eingreifkräfte.“

    „Also doch Patrouillen.“

    „Mit mehr Schießen.“

    „Ach.“

    Nun ergab es Sinn.

    Zwiebels Augen strahlten. „Endlich versteht er's.“

    Segestes ignorierte ihn. „Und wer soll da mit?“

    „Die Harten.“

    „Die Harten?“

    „Genau.“

    „Das klingt dumm.“

    „Das klingt großartig.“

    Nyarlathothep lachte leise. „Die Formulierung stammt von Zwiebel. Nicht von Quin.“

    „Das beruhigt mich ungemein.“

    „Mich auch“, sagte Nyarlathothep.

    Zwiebel wirkte beleidigt. Ungefähr drei Sekunden lang. Dann fiel ihm bereits das nächste Thema ein.

    „Jedenfalls reden einige schon wieder von den Wölfen.“

    Segestes wurde aufmerksam.

    „Den Wölfen von Chernarus?“

    „Jawohl.“

    „Die gibt es doch gar nicht mehr.“

    „Im Moment.“ Zwiebel grinste wieder. „Aber vielleicht bald wieder.“

    Segestes schwieg.

    Die Wölfe. Allein der Name war in der Einheit noch immer bekannt.

    Eine Art Legende.

    Eine Spezialeinheit.

    Schnelle Kräfte.

    Gefährliche Einsätze.

    Und meist genau dort unterwegs, wo es unangenehm wurde.

    „Dafür bräuchte Quin Befugnisse, die er gar nicht hat“, bemerkte Segestes schließlich.

    „Vielleicht.“

    „Nicht vielleicht.“

    Nyarlathothep hob beschwichtigend die Hand.

    „Im Moment ist es ohnehin nur Gerede.“

    „Noch,“ meinte Zwiebel vielsagend.

    „Noch“, bestätigte Nyarlathothep.

    Wieder trat Schweigen ein.

    Unten am Depot tauchte inzwischen eine weitere Gestalt auf.

    Ein mit Lumpen bekleideter Mann. Langsam. Vorsichtig. Offenbar allein.

    Er nahm sich eine Dose Bohnen. Mehr nicht.

    Dann verschwand auch er wieder.

    Segestes sah ihm nach.

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    Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass Nyarlathothep ihn beobachtete.

    „Übrigens.“

    „Hm?“

    „Ich habe deinen Namen vorgeschlagen.“

    Segestes runzelte die Stirn. „Meinen?“

    „Für die Patrouillen.“

    „Warum?“

    Nyarlathothep sah ihn an, als wäre die Antwort offensichtlich. „Weil du einen kühlen Kopf bewahren kannst.“

    „Das ist keine Antwort.“

    „Doch.“

    „Eine schlechte.“

    Nyarlathothep schmunzelte. „Dann hier eine bessere,“ er deutete auf die Stadt unter ihnen, „du vergisst nie, warum wir das hier machen.“

    Segestes sagte nichts.

    „Quin braucht Leute, die denken können.“

    „Und trotzdem schlägt er Zwiebel vor?“

    Nyarlathothep kicherte.

    „Ich sitze direkt neben euch, ihr Ärsche!“, murrte Zwiebel und trat Segestes mit gespieltem Ärger ans Schienbein.

    „Rede mit Quin,“ fuhr Nyarlathothep an Segestes gewandt fort.

    „Vielleicht.“

    „Mach es!“

    „Vielleicht.“

    „Du bist unmöglich.“

    „Das sagt ausgerechnet jemand, der regelmäßig bewaffnet und in einem Busch sitzend seine Freizeit verbringt.“

    „Das nennt man Aufklärung.“

    „Das nennt man merkwürdig.“

    Zwiebel lachte laut auf. In der Regel ließ er sich seine gute Laune selten lange vermiesen, und oft genug war sie ansteckend.

    Nyarlathothep verdrehte die Augen.

    Und für einen kurzen Moment fühlte sich alles wieder normal an.

    Fast.

    Doch als Segestes erneut über die nächtliche Stadt blickte, blieb ein Gedanke zurück.

    Unten holten sich Menschen Essen aus dem Hilfsdepot.

    Hier oben sprachen sie über Eliteeinheiten.

    Über härteres Vorgehen.

    Über schnelle Eingreifkräfte.

    Und irgendwo dazwischen musste die 501st entscheiden, was sie eigentlich sein wollte.

    Vielleicht war genau das die eigentliche Frage.

    Und vielleicht war sie schwieriger zu beantworten als jede Patrouille, jeder Feuerkampf und jede Materialliste, die WeizenWarrior jemals auf seinen Schreibtisch legen würde.

  • Die Schatten von Novo

    Rannulf stapfte durch das Gelände nordwestlich von Novo. Das Tarnnetz hing über seinen Schultern, die Waffe im Anschlag. Vor ihm bewegte sich das Unterholz im Wind.

    Jede falsche Bewegung konnte die letzte sein.

    Zumindest war das der Gedanke, den ein Soldat in so einer Situation haben sollte.

    Rannulfs tatsächlicher Gedanke war deutlich wichtiger.

    Boah... jetzt ein Kaffee. Oder der selbstgebrannte Rum von JJH. Ist zwar offiziell fürs Feldlazarett bestimmt, aber zwei Schluck würden bestimmt niemandem auffallen...

    Er schob den Gedanken beiseite und erreichte seine Beobachtungsposition. Vorsichtig kniete er sich ins Gebüsch und legte das Gewehr auf sein Knie.

    Dann begann die übliche Suche.

    Wo zum Teufel ist dieses verflixte Ding...

    Er tastete seine Taschen ab.

    Ah!

    Der Entfernungsmesser kam zum Vorschein.

    Über Funk hörte er die Stimmen seiner Kameraden.

    Nyarlathothep.

    Zwie8el.

    ElGabbo.

    Alle nahmen ihre Positionen ein und begannen das Gebiet zu beobachten.

    Dann knackte das Funkgerät.

    Sichtung bewaffneter Überlebender. Südöstlich Novo.

    Nyarlathothep.

    Rannulf richtete sich etwas auf.

    Verstanden. Ich verlege für besseren Blickwinkel.

    Vorsichtig wechselte er seine Position.

    Die anderen meldeten zunächst nichts.

    Dann kam die nächste Meldung.

    Kontakt verloren.

    Rannulf fluchte leise.

    Verdammt... der ist uns durchs Netz geschlüpft.

    Er hob erneut den Entfernungsmesser.

    Und da war er.

    Eine einzelne Gestalt auf dem Skolo-Berg.

    Kontakt auf Skolo! Position 24!

    Kaum war die Meldung raus, hallten die ersten Schüsse durch die Wälder.

    Wer schießt?!“ fragte Zwie8el sofort.

    Negativ. Nicht von uns.

    Dann meldete Nyarlathothep:

    Schwarzer Gunter unter Beschuss! Fahrzeug setzt sich ab!

    Der Wagen verschwand mit quietschenden Reifen.

    Ich habe freies Schussfeld!

    Zwie8els Stimme klang bereits deutlich motivierter.

    Kurz darauf krachte sein Gewehr.

    Der Angreifer auf Position 24 geriet unter Beschuss und verschwand den Hang hinunter Richtung südöstliches Novo.

    Er versucht zu flankieren!

    Rannulf erhob sich.

    Jetzt ging es nicht mehr nur um irgendeinen Schützen.

    Jetzt ging es um Novo.

    Ihre Heimat.

    Und die Heimat vieler friedlicher Überlebender.

    Die Truppe bewegte sich vorwärts.

    Hausblock für Hausblock.

    Straße für Straße.

    Das Adrenalin schoss durch die Adern.

    Der Funk blieb größtenteils still.

    Nur gelegentlich hörte man kurze Positionsmeldungen.

    Dann brach plötzlich die Hölle los.

    Schüsse hallten durch die Straßen von Novo.

    Mehrere Waffen gleichzeitig.

    ElGabbo wurde erwischt!

    Zwie8els Stimme klang deutlich angespannter als sonst.

    Das Feuer wurde erwidert.

    Sekunden wurden zu Minuten.

    Dann kam die Meldung.

    Zwei Ziele neutralisiert!

    Kurze Pause.

    Dann deutlich leiser:

    ElGabbo hat das Strandticket gewonnen.

    Niemand antwortete sofort.

    Die Worte hingen schwer im Funk.

    Während Zwie8el die Umgebung sicherte, überprüfte er die Gefallenen.

    Kurz darauf meldete er:

    Dogtags gesichert. Namen lauten Vizekanzler und B4ck.

    Gut gemacht“, antwortete Nyarlathothep.

    Keine weiteren Kontakte festgestellt.

    Langsam kehrte Ruhe ein.

    Die Garnison begann die Spuren des Gefechts zu beseitigen.

    Dann hörte man erneut ein Motorengeräusch.

    Schwarzer Gunter auf Anfahrt Richtung Novo.“ meldete Nyarlathothep.

    Sofort gingen wieder alle in Alarmbereitschaft.

    Doch diesmal folgte keine Schießerei.

    Stattdessen knackte der öffentliche Funkkanal.

    lioncast.

    Er bat um ein diplomatisches Gespräch.

    Rannulf griff zum Funkgerät.

    Einfahrt ausschließlich über den Sicherheitskorridor. Fahrt bis zum Rathausplatz vor. Dort werdet ihr gesichert empfangen. Achtung: Feindkontakt im Gebiet. Wir hatten heute bereits ungebetenen Besuch.

    Dabei musste er grinsen.

    Kurze Zeit später rollte der schwarze Gunter auf den Rathausplatz.

    Als Lioncast ausstieg, begrüßte er die Anwesenden und zog unmittelbar einen Joint hervor.


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    Kommt. Lasst uns gemeinsam einen rauchen.

    Er zündete ihn an.

    Rannulf betrachtete das Schauspiel kurz.

    Hm. Eine Art Friedenspfeife also. Na gut. Dann lass mal ziehen.

    Zwie8el war sofort begeistert.

    Endlich mal Diplomatie, die ich verstehe!

    Bereits Sekunden später hatte er seinen eigenen Joint hervorgezogen.

    Nyarlathothep schien ohnehin vorbereitet gewesen zu sein und zog bereits entspannt an seinem.

    Die Stimmung lockerte sich merklich.

    Dann wurde das eigentliche Thema angesprochen.

    Wir sind gekommen, um die Situation mit ZombieSnack direkt zu klären“, sagte Lioncast.


    Sicherheitsbewertung betreffend der Person „ZombieSnack"

    An die Führung von DR,

    der 501st ist in den vergangenen Tagen wiederholt die Person „ZombieSnack“ aufgefallen. Diese Person zeigte mehrfach feindseliges Verhalten gegenüber unseren Stellungen und wir haben Berichte erhalten, dass sich diese Person regelmäßig im Umfeld eurer Kräfte beziehungsweise eurer bekannten Operationsräume aufhält.

    Bevor aus einzelnen Zwischenfällen unnötige Spannungen entstehen, möchten wir die Lage direkt mit euch klären.

    Handelt diese Person eigenständig oder steht sie in Verbindung mit euren Interessen beziehungsweise eurem Schutz? Sollte diese Person nicht in eurem Auftrag handeln, wären wir zudem daran interessiert zu erfahren, ob DR bereit wäre, mit der 501st zu kooperieren, um „ZombieSnack“ festzusetzen und ihn der Gerichtsbarkeit der 501st zu übergeben.

    Die 501st bevorzugt klare Verhältnisse statt unnötiger Gerüchte oder voreiliger Reaktionen. Sollte eine Fraktion dauerhaft Personen decken oder dulden, die gezielt Angriffe auf unsere Sicherungszonen durchführen, wird die 501st dies bei zukünftigen Sicherheitsbewertungen und regionalen Stabilitätsmaßnahmen entsprechend berücksichtigen.


    Mit Respekt und in Erwartung einer klaren Stellungnahme,

    — Rannulf, Marschall der 501st


    Rannulf nickte.

    Lioncast fuhr fort.

    Wir bestätigen, dass ZombieSnack Mitglied von DR ist. Eine Auslieferung an eure Gerichtsbarkeit kommt deshalb nicht infrage.

    Das war zu erwarten“, antwortete Rannulf ruhig.

    Wir wussten außerdem von den Angriffen“, sagte Lioncast weiter. „Das war eine Reaktion auf eure Zusammenarbeit mit DOT.

    Rannulf dachte kurz nach.

    Wenn das die Begründung ist, müsste halb Chernarus brennen. Angefangen bei Tishina bis runter nach Chernogorsk. Fast jeder hat irgendwann mal mit DOT gehandelt.

    Laut sagte er jedoch nur:

    Wir handeln mit jedem, der offen auftritt und fair handelt. Neutralität bedeutet für uns, mit jedem reden zu können.

    Lioncast nickte.

    Fair genug.

    Eine Weile wurde noch gesprochen.

    Dann erhob sich Lioncast.

    Zeit für uns aufzubrechen.

    Man schüttelte sich die Hände.

    Kommt gut heim“, sagte Rannulf.

    Tun wir immer“, antwortete Lioncast grinsend.

    Die DRler stiegen wieder in ihren Gunter.

    Allerdings nicht ohne zuvor noch einige spektakuläre Drifts um den Rathausplatz zu ziehen.

    Die ziehen die ganzen Zombies an!

    hörte man Zwie8el über Funk rufen.

    Aus dem Gunter kam nur ein sarkastisches:

    Neeeein.

    Dann verschwanden sie in der Dunkelheit.

    Wieder kehrte Ruhe ein.

    Der restliche Abend verlief ereignislos.

    Lediglich ein Hubschrauber wurde beobachtet, der westlich von Novo landete.

    Hoffen wir mal, dass es unseren Nachbarn gut geht“, hörte man noch über Funk.

    Danach schaltete Rannulf sein Funkgerät aus.

    Zurück in Arkadius öffnete er die Tür zu seinem Büro.

    Er blieb stehen.

    Vor ihm wartete bereits der nächste Gegner.

    Ein Berg aus Akten.

    Gefährlich.

    Unübersichtlich.

    Und mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich für seine Motivation.

    Das ist das nächste Gefecht, das auf mich zukommt...

    murmelte er.

    Er legte seine Ausrüstung ab.

    Goss sich einen frischen Kaffee ein.

    Nahm die oberste Akte vom Stapel.

    Phase 1 – Sicherheitskorridor

    Langsam ließ er sich in seinen Sessel fallen.

    Er betrachtete den Titel einige Sekunden.

    Dann murmelte er leise:

    Es ist soweit...

    Draußen lag Novo ruhig unter dem Nachthimmel.

    Doch Rannulf wusste inzwischen:

    Die wirklich gefährlichen Kämpfe begannen selten auf dem Schlachtfeld.

    Sondern auf dem Schreibtisch.

    :ak: "Loyal in Service, Fierce in Battle" :m4:

    Einmal editiert, zuletzt von Rannulf (1. Juni 2026 um 23:24)

  • Randnotizen eines Stabsadjutanten

    Zwischen Akten, Waffen und Entscheidungen

    Es gab Tage, an denen Segestes überzeugt war, daß die größte Bedrohung für seine - vor allem geistige - Gesundheit weder die Infizierten noch Banditen oder irgendwelche mutierten Monster waren.

    Es waren Kameraden mit Zugang zur Waffenkammer.

    Mit einem tiefen Seufzer stellte er das Sturmgewehr zurück ins Regal. Direkt daneben gehörten die zugehörigen Magazine und die Munition. Nicht auf die andere Seite des Raumes. Nicht in die Kiste für Scharfschützengewehre. Und schon gar nicht in die Kiste mit Handgranaten und sonstigen Sprengmitteln.

    Er hatte längst aufgehört. sich zu fragen, wie eine solche Unordnung überhaupt zustande kommen konnte. Irgendwann hatte er akzeptiert, daß bewaffnete Männer offenbar ihre Fähigkeit verloren, Gegenstände an denselben Ort zurückzulegen, von dem sie sie entnommen hatten.

    Bereits vor drei Tagen hatte er sämtlich Magazine sortiert. Gestern ebenfalls. Und heute fand er ein DMR-Magazin zwischen Pistolenmunition und einer Dose Bohnen. Weiß der Teufel, was die dort zu suchen hatte.

    „Wie die Krähen“, murmelte er, während er das Magazin an seinen Platz brachte. „Nur daß Krähen wenigstens intelligent sind.“ Naja, zumindest einigermaßen. Das wußte er, seit er Sgt. Krächz kannte (obwohl ihm dieser eigenartige Vogel auch nicht geheuer war).

    Die Waffenkammer von Arkadius war mittlerweile beinahe vollständig gefüllt: Regale, Kisten, Munitionsbehälter ,Waffenständer - alles sauber sortiert. Zumindest für die nächsten fünf Minuten. Bis irgendein Kamerad wieder beschloß, sich neu auszurüsten.

    Segestes verschränkte die Arme. Sein Blick wanderte durch die Kammer. Hier arbeitete er normalerweise mit The Mighty Quin zusammen, der als verantwortlicher Offizier für die Waffenkammer fungiert. Seit einigen Wochen fand sich Segestes hier zunehmend allein bei der Arbeit wieder.

    Mittlerweile sah die Realität so aus: Quin erteilte Befehle, Segestes erledigte sie. Und je länger er darüber nachdachte, desto auffälliger wurde es.

    Der Leutnant war kaum noch hier. Ständig unterwegs. Ständig beschäftigt. Ständig irgendwo.

    Nur nicht in der Waffenkammer. Dabei hatte Quin diesen Laden früher beinahe geliebt. Jede neue Waffe wurde begutachtet, gereinigt und gepflegt. Sarafiya_Nici hatte sich einmal tierisch darüber aufgeregt, daß Quin auch noch den allerletzten Schießprügel auf Hochglanz polierte und dabei eine Unmenge an Waffenpflegesets in den Orkus jagte. Er hatte jedes Magazin geprüft, jede Lieferung kontrolliert.

    Heute landete stattdessen ein Zettel auf Segestes' Schreibtisch. "Mach das," hieß es dann, und damit verschwand Quin wieder.

    Segestes wusste inzwischen ziemlich genau, womit der Leutnant seine Zeit verbrachte.

    Patrouillen. Gespräche. Neue Richtlinien. Neue Ideen.

    Neue Anhänger.

    Segestes sortierte weiter: M300 zu den Präzisionsgewehren, Magazine in die richtigen Kisten, Munition nach Kaliber.

    Dabei arbeitete er mechanisch. Seine Gedanken waren längst woanders. Bei den Entwicklungen in der Truppe, den neuen Einsatzrichtlinien, bei Quin, auch bei DOT, wie so oft in letzter Zeit

    Bei den letzten Wochen eben.

    Bei allem, was sich verändert hatte.

    Er mochte DOT. Da gab es nichts dran zu rütteln. Es gab deutlich schlechtere Partner.

    Und dennoch. Segestes legte einen Schalldämpfer zurück ins Regal. Irgendetwas störte ihn. Es war ja gar nicht DOT selbst. Vielleicht war es vielmehr die Wirkung, die DOT auf manche Leute in der 501st hatte.

    Auf Quin.

    Auf Zwie8el.

    Auf einige andere.

    Der Erfolg ihrer gemeinsamen Einsätze hatte Eindruck hinterlassen. Mehr Eindruck als ihm lieb war.

    „Aggressiver vorgehen.“

    „Initiative übernehmen.“

    „Nicht lange fackeln.“

    „Reinen Tisch machen.“

    Er hatte diese Sätze in den letzten Wochen oft genug gehört. Zu oft. Mit jedem gemeinsamen Einsatz schien diese Haltung langsam weiter auch in die 501st einzusickern. Nicht bei allen zwar, aber doch bei einigen.

    Segestes schob die nächste Kiste an ihren Platz.

    ">

    In seinem Büro versuchte Rannulf gleichzeitig die Sicherheit der Einheit aufrechtzuerhalten, ihren Kernleitsatz nicht aufzugeben und die unruhige Stimmung wieder einzufangen. Das wusste Segestes, und er konnte sich vorstellen, wie schwer all das unter einen Hut zu bekommen war.

    Hilfskorridore.

    Sicherheitszonen.

    Versorgungslinien.

    Ordnung.

    Kontrolle.

    Schutz.

    Und irgendwo dazwischen stand nun die Einheit.

    Die 501st war gegründet worden, um Menschen zu schützen. Nicht um sie zu beherrschen. Zumindest glaubte Segestes das. Aber manchmal fiel es ihm zunehmend schwer, den Unterschied zu erkennen.

    Sein Blick wanderte zum Fenster. Irgendwo dort draußen verlief nun der neue Sicherheitskorridor. Eine vernünftige Idee.

    Eigentlich.

    Vielleicht sogar eine notwendige. Die Gefährdungslage war real. Die Angriffe auf Arkadius, die sie zum Teil längst einer anderen Fraktion zuordnen konnten. Die Schüsse rund um Novo.

    Niemand konnte behaupten, daß die Gefahr eingebildet wäre.

    Und trotzdem.

    Segestes kannte die Menschen da draußen. Nicht jeder hörte Funksprüche. Nicht jeder besaß überhaupt ein Funkgerät. Manche schleppten sich halbtot durch die Gegend. Manche hatten tagelang nichts gegessen. Manche krochen vermutlich auf den letzten Metern zum Hilfsdepot. Viele von denen werden die Einrichtung von Sicherheitszonen überhaupt nicht mitbekommen haben.

    Und wenn so jemand nun außerhalb des Korridors auftauchte?

    Dann würden manche seiner Kameraden sofort den Schießbefehl ausführen. Ohne zu zögern. Ohne eine Miene zu verziehen. Zwiebel würde vermutlich nicht einmal seinen Kaugummi aus dem Mund nehmen. Nyarlathothep ebenfalls nicht. Nicht aus Grausamkeit. Sondern weil beide ihre Befehle ernst nahmen. Dafür waren sie schließlich Soldaten, oder zumindest so etwas ähnliches.

    Und genau das war das Problem.

    Die Gefahr war real. Der Befehl war nachvollziehbar. Und trotzdem konnte das Ergebnis furchtbar falsch sein.

    Hilfe anbieten.

    Und gleichzeitig den Tod bringen.

    Segestes rieb sich über das Gesicht. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger Antworten fand er. Stattdessen tauchte wieder das Bild von Rannulfs Schreibtisch vor seinem inneren Auge auf. Der Aktenberg. Und ganz oben:

    Phase 1 – Sicherheitskorridor.

    Er hatte die Akte nur kurz gesehen. Nicht gelesen. Nicht geöffnet. Nicht einmal berührt. Und dennoch ging ihm dieser Titel nicht mehr aus dem Kopf.

    Phase 1.

    Allein die Bezeichnung verriet bereits, daß weitere Phasen folgen würden. Die Frage war nur: Wohin führte dieser Weg? Und vor allem: Würde es später noch einen Weg zurück geben? Wenn die Gefährdungslage sich vielleicht beruhigen sollte, könnte man die einmal entfesselten Hunde wieder an die Kette legen?

    Segestes wußte es nicht - und er hatte langsam das Gefühl, dass überhaupt niemand mehr wusste, wohin sich die 501st eigentlich bewegte.

    Nicht einmal die Leute, die sie führten.

    Später saß Segestes in seinem Büro. Vor ihm stapelten sich Formulare. Inventarlisten, Versorgungsanträge, Materialanforderungen. Der übliche Papierkrieg.

    Ganz oben lag ein neuer Befehl.

    Von Quin.

    Materialbedarfsliste für den nächsten DOT-Handel. Segestes betrachtete das Blatt einige Sekunden.

    Dann legte er es beiseite.

    Zuerst der Rest.



    Es war bereits spät, als er schließlich mit dem ausgefüllten Formular die Waffenkammer betrat. Er war bereits völlig erledigt, und eigentlich wollte er nur noch die angehängte Liste ausfüllen und dafür den Bestand überprüfen. Später dann etwas essen. Danach sterben. Oder schlafen. Die Reihenfolge war verhandelbar.

    Doch kaum hatte er die Tür geöffnet, blieb er stehen.

    Quin war da.

    Der Leutnant saß auf einer Munitionskiste. Ein Gewehr lag auf seinen Knien, Quin spielte mit dem Verschluß herum. Seine Hände wollten offenbar beschäftigt sein.

    Als Segestes eintrat, blickte Quin auf. Und lächelte. Nicht breit. Nicht freundlich. Eher wissend. Als hätte er genau gewusst, dass dieser Moment kommen würde.

    „Da bist du ja.“

    Segestes hob die Materialliste. „Offenbar. Mit deiner Liste.“

    ">

    Quin warf einen Blick auf das Formular, interessierte sich aber eigentlich überhaupt nicht dafür. "Setz dich“, meinte er schließlich.

    Das klang nicht wie eine Bitte.

    Quin betrachtete ihn einen Moment schweigend. Fast wirkte es, als würde er überlegen, wie er anfangen sollte. Was ungewöhnlich war. Normalerweise sprach Quin einfach drauflos.

    Heute nicht. Heute wirkte er beinahe vorsichtig. Dann legte er das Gewehr beiseite, und es wurde still.

    Nicht unangenehm.

    Aber aufmerksam.

    Wie zwischen zwei Scharfschützen, die beide wussten, dass der andere ebenfalls lauerte.

    „Nyarlathothep hält große Stücke auf dich", meinte Quin irgendwann wie zufällig.

    Aber es war nicht zufällig. Das war die erste Sonde.

    Segestes bemerkte sie sofort. „Er hält von vielen Leuten große Stücke.“

    „Nein.“ Quin schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht.“ Das stimmte sogar. Nyarlathothep war nicht gerade verschwenderisch mit Lob. „Er meint, du solltest öfter mit rauskommen.“

    Segestes antwortete nicht.

    Quin beobachtete ihn. „Er meinte sogar, ich solle mit dir reden.“

    „Dann hat er seinen Fehler inzwischen wahrscheinlich bereut.“

    „Nein.“ Ein Grinsen. „Er kennt dich besser als das.“

    Wieder Stille.

    Dann legte Quin den Kopf leicht schief. „Du hast dich verändert.“

    Segestes hob eine Augenbraue. „Das glaube ich kaum.“

    Quin verschränkte die Arme. „Früher hast du dich für Waffen interessiert.“ Er deutete in die Regale. „Für Ausrüstung, für Einsätze, für Ergebnisse.“ Kurze Pause. „Heute interessierst du dich für Menschen.“

    Segestes spürte sofort, dass auch das kein zufälliger Satz war. „Ist das ein Vorwurf?“

    „Nein.“ Quin schüttelte ruhig den Kopf. „Eine Beobachtung.“ Er sah Segestes direkt an. „Du hörst mehr zu, du fragst mehr. Du denkst mehr nach.“ Quin lächelte beiläufig und lehnte sich zurück. Dann wechselte er scheinbar das Thema: „Der Marschall hält dich beschäftigt.“

    Da war die nächste Sonde. Eleganter diesmal.

    „Er hält alle beschäftigt.“

    „Dich besonders.“

    „Ich arbeite für den Stab. Auch für dich, du hälst mich auch beschäftigt. In letzter Zeit sogar etwas zu sehr, wie mir scheint, zumindest in der Waffenkammer.“

    „Ja.“ Quin nickte. "Mag sein." Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.

    Kurze Pause.

    „Du verbringst mittlerweile jedenfalls mehr Zeit mit Akten als mit Munition“, fuhr der Leutnant schließlich fort.

    „Jemand muss die Akten schließlich ordnen.“

    Quin warf ihm einen lauernden Blick zu, fragte aber nicht direkt. Das musste er auch nicht. Segestes verstand die eigentliche Frage auch so:

    Wie viel wusste er? Wie viel wusste Rannulf?

    Quin war zu klug, um das offen anzusprechen.

    Und Segestes war zu klug, um freiwillig Antworten zu liefern.

    Das Spiel lief auf beiden Seiten. Seit mehreren Minuten. Und beide wussten es.

    Dann entspannten sich Quins Gesichtszüge urplötzlich, und er wechselte erneut das Thema, direkt zum Punkt:

    „Bist du noch derselbe? Können wir einander noch vertrauen?“

    Segestes runzelte die Stirn, diese Offenheit überraschte ihn. "Ja", antwortete er schließlich und hoffte, dass es die Wahrheit war.

    „Ich glaube trotzdem, du hast dich verändert." Quin musterte ihn, und wirkte plötzlich ebenfalls müde. "Aber das ist gut so. Menschen, die sich nicht verändern, lernen nichts."

    Segestes runzelte erneut die Stirn. Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte, ob das eine Weisheit oder eine Warnung gewesen war.

    Vielleicht beides.

    Draußen schlug irgendwo eine Tür. Gedämpfte Stimmen hallten kurz durch die Garnison.

    Dann wurde es wieder still. Die Waffenkammer lag im schwachen Licht der Deckenlampen vor ihnen. Reihen aus Waffen. Munitionskisten. Ausrüstung. Die materielle Wehrhaftigkeit der 501st, ordentlich gestapelt und katalogisiert.

    Ein seltsamer Ort für ein Gespräch wie dieses. Und vielleicht gerade deshalb genau der richtige.

    Quin stand auf. Langsam. Er nahm das Gewehr wieder in die Hände und begann gedankenverloren, damit zu hantieren. Manche Menschen konnten wohl einfach besser nachdenken, wenn ihre Hände beschäftigt waren. „Weißt du, was ich an dir immer geschätzt habe?“

    Segestes hob eine Augenbraue. „Da bin ich gespannt.“

    „Du bist keiner von den Leuten, die alles glauben, was man ihnen erzählt.“

    „Das klingt jetzt nicht unbedingt nach einer soldatischen Tugend.“

    „Ist es auch nicht.“ Quin grinste leicht. „Zumindest nicht immer. Aber es macht dich nützlich.“

    Segestes lehnte sich zurück. „Nützlich wofür?“

    „Um Entscheidungen zu hinterfragen.“

    „Korrigier mich, aber das mögen Offiziere normalerweise doch nicht besonders gern.“

    „Schlechte Offiziere nicht.“ Quin legte das Gewehr wieder beiseite. „Gute Offiziere brauchen Leute, die ihnen widersprechen können.“

    „Und wann hast du zuletzt jemandem erlaubt, dir zu widersprechen?“

    „Vor ungefähr fünf Minuten.“ Erneut huschte ein kurzes Grinsen über Quins Gesicht. Dann wurde er wieder ernst. „Du machst dir Sorgen.“

    „Das ist keine Neuigkeit.“

    „Nein.“ Quin nickte. "Aber die Frage ist: Worum?“

    Segestes antwortete zunächst nicht. Er blickte zu den Regalen, zu den Waffen, zu den Kisten. Zu den tausend Dingen, die in letzter Zeit durch seinen Kopf gingen. Schließlich sagte er: „Um die Richtung.“

    Quin sagte nichts.

    Also fuhr Segestes fort. „Um die robusten Einsätze mit DOT. Um die Angriffe. Um die neuen Richtlinien. Um Novo. Um die Sicherheitszonen. Um alles eigentlich.“

    Der Leutnant hörte aufmerksam zu. Ohne zu unterbrechen. Ohne zu kommentieren.

    „Ich habe das Gefühl, dass wir uns verändern“, fügte Segestes an.

    „Natürlich tun wir das.“

    „Vielleicht zu sehr.“

    „Vielleicht nicht genug.“

    Segestes sah ihn an. „Das ist genau die Antwort, die ich von dir erwartet habe.“

    Quin lächelte. „Weil sie stimmt.“

    Einige Sekunden sagte niemand etwas.

    Dann trat Quin an eines der Regale. Sein Blick wanderte über die Waffen. „Weißt du, was ich glaube?“

    Segestes schüttelte den Kopf.

    „Ich glaube, dass wir lange Zeit Glück hatten.“

    Das überraschte Segestes. Nicht die Antwort, die er erwartet hatte. „Glück?“

    „Ja.“ Quin nickte. „Die meisten Leute erzählen sich gern Geschichten.“

    „Welche Geschichten?“

    „Dass Ordnung selbstverständlich ist.“ Er deutete nach draußen. „Dass Arkadius sicher ist. Dass Novo sicher ist. Dass die Handelswege sicher sind. Dass man freundlich sein kann und die Welt es einem dankt.“ Seine Stimme blieb ruhig. Fast sachlich. „Aber das stimmt nicht.“ Er sah Segestes direkt an. „Das alles existiert nur, weil irgendjemand bereit ist, es zu verteidigen.“

    „Das tun wir doch.“

    „Tun wir?“ Quin ließ die Frage im Raum stehen. „Oder reagieren wir nur auf das, was andere tun?“

    Segestes spürte, wie sich sein Magen leicht zusammenzog. Das war genau die Argumentation, die er befürchtet hatte. Weil sie nicht völlig falsch war. Und gerade deshalb gefährlich. „Du willst offensiver vorgehen.“

    „Ich will verhindern, dass wir ständig hinterherlaufen.“

    „Das ist nicht dasselbe?“

    „Nein.“

    „Für manche Leute schon.“

    „Für manche Leute ist auch ein Rohr aus irgendeinem Schuppen schon eine Waffe.“

    Das ergab wenig Sinn, und Segestes musste wider Willen schmunzeln.

    Quin bemerkte es. „Siehst du?“

    „Das macht es nicht richtiger.“

    „Vielleicht.“ Der Leutnant verschränkte die Arme. Dann wechselte er plötzlich erneut das Thema. Nicht abrupt diesmal. Eher wie jemand, der eine neue Stellung auf einem Schachbrett bezog. „Nyarlathothep hat regelrecht von dir geschwärmt.“

    „Das klingt beunruhigend.“

    „Nicht auf die Art, du Idiot.“

    Beide grinsten kurz.

    „Er meint, du wärst genau die Sorte Mann, die man bei einer richtigen Patrouille braucht.“

    Da war sie wieder. Die Sache mit den Patrouillen. Die Sache, über die inzwischen halb Arkadius tuschelte.

    Segestes beobachtete ihn aufmerksam. „Was ist eine richtige Patrouille?“

    Quin lächelte. „Interessante Frage.“

    „Dann beantworte sie.“

    „Eine Patrouille, die tatsächlich etwas erreicht.“

    „Das sagt gar nichts.“

    „Ich denke, doch.“

    Dieses verdammte Ausweichen. Und dennoch bemerkte Segestes etwas: Quin sprach nicht wie jemand, der einen Plan entwickelte. Er sprach wie jemand, der längst einen hatte. Der nur nicht bereit war, ihn auszusprechen.

    ">

    Der Leutnant ging einige Schritte durch die Kammer. Langsam. Nachdenklich. „Die Wölfe damals konnten das.“ Da war das Thema endlich. Nicht durch eine direkte Frage. Sondern weil Quin selbst darauf kam. Fast unbewusst.

    „Von den Wölfen habe ich die letzten Tage öfter gehört.“ Die Spezialeinheit innerhalb der 501st war aufgelöst worden, bevor Segestes der Truppe beigetreten war. Quin war ihr Kommandant gewesen.

    „Weil sie gut waren.“

    „Du idealisierst sie, und das ist auch verständlich.“

    „Nein, nein!“ Quin schüttelte den Kopf. „Die meisten Leute erinnern sich nur an ihre Fehler. Aber ich erinnere mich auch daran, was sie leisten konnten.“ Er blieb vor einem Regal mit Präzisionsgewehren stehen. „Sie waren schnell, selbstständig, entschlossen. Und sie brauchten keine zwanzig Besprechungen, um ein Problem zu lösen.“

    „Sie haben aber auch Probleme verursacht.“

    „Natürlich.“ Quin zuckte mit den Schultern. „Jede schlagkräftige Einheit verursacht Probleme.“

    „Das ist eine ziemlich dünne Rechtfertigung.“

    „Das ist Realität.“

    Wieder Stille.

    Dann drehte sich Quin langsam um. Sein Blick ruhte jetzt fest auf Segestes. „Weißt du, worüber ich mir Sorgen mache?“

    „Worüber?“

    Wieder wirkte der Leutnant müde. Nicht körperlich. Anders. Älter vielleicht. „Dass wir vergessen, warum wir hier sind.“

    Segestes runzelte die Stirn. „Das musst du erklären.“

    Quin zog sich eine weitere Munitionskiste heran und setzte sich. Seine Stimme wurde ruhiger, fast väterlich. So als würde er nicht argumentieren wollen. Sondern etwas erklären. „Die meisten glauben, was wir hier tun, sollte moralisch überlegen sein.“

    „Na, ganz so einfach ist es wohl nicht.“

    „Richtig.“ Quin faltete die Hände. „Denn wir sind hier, damit die Menschen, die hinter diesen Mauern leben, morgen noch atmen.“ Der Satz blieb einen Moment stehen. „Mehr nicht.“

    „Und wenn dafür andere sterben müssen?“

    „Dann sterben sie.“

    Segestes verzog das Gesicht. „Du machst es dir erschreckend einfach.“

    „Weil es erschreckend einfach ist.“ Quin blickte zur Decke. „Du glaubst, ich mache mir keine Gedanken darüber?“

    „Ich weiß es nicht.“

    „Doch.“ Seine Stimme wurde etwas härter. „Jedes Mal. Bei jedem Einsatz. Bei jeder Entscheidung. Bei jedem verdammten Schuss.“ Er atmete langsam aus. Dann war die Härte wieder verschwunden. „Aber am Ende muss trotzdem jemand entscheiden.“

    Die Worte trafen Segestes härter, als er erwartet hatte. Weil er genau wusste, dass darin Wahrheit lag. Nicht die ganze Wahrheit zwar, aber genug davon.

    Und Quin wusste das ebenfalls. Deshalb drängte er nicht weiter. Er ließ den Gedanken wirken. Dann stand er auf. „Ich glaube nicht, dass du mein Gegner bist, Segestes.“

    Das kam überraschend. „Das hoffe ich doch.“

    „Ich auch.“ Quin nickte. „Aber ich glaube, du solltest langsam herausfinden, auf welcher Seite du stehst.“

    Segestes antwortete nicht sofort. "Haben wir hier mittlerweile Seiten?"

    Der Leutnant lächelte schwach. "Nein, nicht hier. Nicht innerhalb der Truppe." Er trat näher, und legte Segestes eine Hand auf die Schulter. Nicht drohend, nicht einschüchternd. Sondern kameradschaftlich, fast väterlich. „Aber du machst dir zu viele Gedanken über die Leute da draußen.“

    „Über die Unschuldigen.“

    „Über die Verirrten.“

    „Über die Kollateralschäden.“

    „Das ehrt dich.“ Quins Stimme war leise geworden. „Wirklich.“ Dann sah er Segestes direkt in die Augen. „Aber wenn irgendwann die Entscheidung kommt...“ Kurze Pause. „...dann frag dich nicht, wen du gern retten würdest.“ Eine weitere Pause. „Frag dich, wem du verpflichtet bist.“

    Segestes spürte, wie sich sein Magen erneut zusammenzog.

    Quin nickte langsam. „Nyarlathothep. WeizenWarrior. Nici. JJH... das sind unsere Leute. Die Leute auf den Mauern. Die Leute in Arkadius.“ Er warf Segestes einen Blick zu. „Die Leute, die neben dir kämpfen.“ Seine Hand ruhte noch immer auf Segestes' Schulter. „Überleg dir einfach, wessen Überleben dir wichtiger ist.“

    Dann nahm er die Hand weg.

    Drehte sich um.

    Und ging zur Tür.

  • Der Preis der Stabilität


    Es war noch dunkel über Novo.

    Nur vereinzelte Lichter brannten in Arkadius, während der Großteil der Garnison noch schlief oder zumindest so tat, als würde er schlafen.

    Rannulf saß in seinem Büro und sortierte Akten.

    Zumindest versuchte er es.

    Seine Gedanken waren längst woanders.

    Seit seiner Rückkehr ging ihm vieles nicht mehr aus dem Kopf.

    Die gefälschten Feldberichte.

    Die Aussagen von Überlebenden.

    Gerüchte über Vertreibungen.

    Beschlagnahmungen.

    Nicht registrierte Einsätze.

    Und immer wieder dieselbe Frage:

    Wer?

    Wer führte Operationen durch, die nie befohlen worden waren?

    Wer glaubte im Namen der 501st handeln zu dürfen?

    Und vor allem:

    Warum?

    Es hat sich viel verändert...

    murmelte Rannulf leise.

    Die Tür öffnete sich.

    Na, so früh schon wach für einen alten Mann?“

    Sarafiya_Nici.

    Natürlich.

    Sie lehnte lässig im Türrahmen und musterte sofort den gepackten Rucksack.

    Was hast du jetzt schon wieder vor?

    Ich muss etwas erledigen.

    Das klingt verdächtig nach einer Aufgabe für Anwärter.

    Diesmal nicht.

    Nici verschränkte die Arme.

    Was ist los?

    Rannulf schwieg einen Moment.

    Ich muss allein nachdenken.

    Das überraschte sie sichtbar.

    Und wie kann ich helfen?

    Rannulf lächelte kurz.

    Gar nicht. Die 501st braucht wenigstens einen fähigen Anführer, falls ich wieder glorreich von einem Wachturm falle.

    Nici zog eine Augenbraue hoch.

    Hoffen wir mal nicht. Für alte Männer gibt es keine Ersatzteile. Nur den Chop-Shop.

    Rannulf musste grinsen.

    Nici drehte sich bereits um.

    Und vergiss diesmal dein Funkgerät nicht.

    Sie blieb noch einmal stehen.

    Damit ich dir persönlich in den Arsch treten kann, wenn du wieder irgendeinen Unsinn anstellst.

    Dann verschwand sie.

    Ihre Schritte hallten durch den Flur.

    Wie ein Sturm, der sich langsam über dem Norden zusammenbraute.

    Rannulf nahm die letzten Schlucke Kaffee.

    Blickte noch einmal durch sein Büro.

    Dann griff er nach seinem Rucksack.

    Und ging.


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    Die Stunden vergingen.

    Wälder.

    Felder.

    Verlassene Straßen.

    Zeit genug zum Nachdenken.

    Und genau das wurde zunehmend unangenehm.

    Die neue Doktrin.

    Die Direktive 501-Delta.

    Damals hatte alles logisch geklungen.

    Sicherheit.

    Stabilität.

    Abschreckung.

    Klare Regeln für eine Welt ohne Regeln.

    Doch mittlerweile hatten einige Kameraden bereits das Strandticket gewonnen.

    War die Doktrin zu weit gegangen?

    Oder nicht weit genug?

    Hatte die 501st zu lange gezögert?

    Oder war sie bereits dabei, genau das zu werden, wogegen sie einst angetreten war?

    Rannulf wusste es nicht.

    Und genau das machte ihm Sorgen.


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    Seine Gedanken wanderten weiter.

    Zu den Wölfen von Chernarus.

    Offiziell existierten sie nicht mehr.

    Die Entscheidung zur Auflösung war bewusst getroffen worden.

    Zu viele Probleme.

    Zu viele Eigenmächtigkeiten.

    Zu viele Risiken.

    Und trotzdem fragte sich Rannulf heute, ob die Entscheidung richtig gewesen war.

    Damals hatten sie Fehler gemacht.

    Viele Fehler.

    Aber sie hatten auch Zusammenhalt gehabt.

    Eine Idee.

    Eine Richtung.

    Heute schien die Truppe langsam auseinanderzudriften.

    Manche grüßten noch den Mann.

    Andere nur noch den Rang.

    Und das war ein Unterschied, den nur erfahrene Soldaten bemerkten.

    Dann dachte er wieder an den Plan.

    Den großen Plan.

    Von dem bislang nur wenige wussten.

    Phase 1 - Sicherheitskorridor.

    Handelsrouten.

    Stabilisierung.

    Zusammenarbeit.

    Ein Plan, der funktionieren konnte.

    Vielleicht sogar Chernarus verändern konnte.

    Aber nur wenn die 501st geschlossen dahinterstand.

    Und genau daran zweifelte Rannulf mittlerweile.


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    Gegen Mittag erreichte er sein Ziel.

    Ein alter Außenposten.

    Einer der ehemaligen Stützpunkte der Wölfe.

    Offiziell hatte dieser Ort nie existiert.

    Inoffiziell hatte einst ein Wolf zu viel geredet.

    Und Rannulf hatte zu gut zugehört.

    Er bezog Stellung auf einer Anhöhe.

    Von dort konnte er das gesamte Lager beobachten.

    Still.

    Geduldig.

    Stunde um Stunde.

    Doch nichts geschah.

    Keine Patrouillen.

    Keine Feuer.

    Keine Bewegung.

    Nur Wind.

    Vielleicht doch aufgegeben...

    murmelte er.


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    Für einen Moment glaubte er sogar, noch das alte Lachen einiger Wölfe zu hören.

    Die Stimmen von Männern, die längst andere Wege gegangen waren oder ihr Strandticket bereits eingelöst hatten.

    Damals war nicht alles besser gewesen.

    Aber einfacher.

    Damals wusste man wenigstens noch, wer neben einem stand.

    Oder wer einem in den Rücken schießen würde.

    Beides hatte seinen Wert.

    Oder vielleicht hatten sich tatsächlich nur ein paar Überlebende dort eingenistet.

    Die Sonne begann bereits zu sinken.

    Rannulf blickte auf seine Uhr.

    Zeit zurückzukehren.

    Bevor seine eigene Abwesenheit Fragen aufwarf.

    Während des Rückwegs dachte er erneut an Segestes.

    Noch immer kein Bericht.

    Keine Ergebnisse.

    Keine Namen.

    Vielleicht bildete er sich alles nur ein.

    Doch jedes Mal, wenn er einen dieser Berichte erneut las, blieb dieses Gefühl.

    Als würde jemand die Uniform der 501st tragen.

    Aber nicht mehr ihre Werte.

    Vielleicht waren die Berichte tatsächlich nur schlecht geschrieben.

    Vielleicht hatte die Apokalypse die Truppe einfach müde gemacht.

    Vielleicht.

    Doch tief in seinem Inneren glaubte er selbst nicht daran.

    Der Weg nach Arkadius wurde länger.

    Und seine Gedanken wanderten weiter.


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    Zu Kameraden, die nicht mehr da waren.

    Zu besseren Tagen.

    Zu Lagerfeuern.

    Zu gemeinsamen Patrouillen.

    Zu einer Zeit, in der Hoffnung noch selbstverständlich gewesen war.

    Heute war Hoffnung etwas Seltenes geworden.

    Etwas Zerbrechliches.

    Etwas, das langsam starb.

    Und ohne Hoffnung...

    Wer waren sie dann noch?

    Eine Stabilisierungseinheit?

    Eine Armee?

    Oder nur ein weiterer bewaffneter Haufen, der sich einredete, besser zu sein als die anderen?

    Rannulf blieb kurz stehen.

    Der Wind strich durch die Bäume.

    In der Ferne lag Novo.

    Arkadius.

    Seine Leute.

    Seine Verantwortung.

    Er ballte die Faust.

    Nein.

    Seine Stimme war fest.

    Das werde ich nicht zulassen.

    Nicht solange ich noch atme.

    Er zog den Rucksack fester.

    Und setzte seinen Weg nach Arkadius fort.


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    Als die ersten Lichter von Arkadius zwischen den Bäumen auftauchten,

    spürte Rannulf etwas, das er den ganzen Tag gesucht hatte.

    Keine Antworten.

    Keine Gewissheit.

    Aber einen Entschluss.

    Und eine Zukunft, die niemand vorhersagen konnte.

    Doch eines wusste Rannulf inzwischen sicher:

    Die neue Doktrin würde bleiben.

    Die Direktive würde bleiben.

    Denn die Welt hatte sich verändert.

    Doch eines durfte niemals verloren gehen:

    Der Grund, warum die 501st überhaupt gegründet worden war.

    Nicht Macht.

    Nicht Kontrolle.

    Nicht Angst.

    Sondern die Hoffnung, dass irgendwo in diesem kaputten Land noch Ordnung möglich war.

    Und genau deshalb durfte er jetzt nicht aufhören.

    Nicht heute.

    Nicht morgen.

    Und nicht, solange es noch etwas gab, das es wert war, beschützt zu werden.


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    Als Rannulf die Schleuse von Arkadius erreichte, wusste er noch immer nicht, wer hinter den gefälschten Berichten steckte.

    Er wusste nicht, ob die Wölfe tatsächlich verschwunden waren.

    Er wusste nicht, ob die neue Doktrin Chernarus retten oder die 501st verändern würde.

    Doch eines wusste er mit absoluter Sicherheit:

    Feinde vor den Mauern waren berechenbar.

    Feinde innerhalb der eigenen Reihen nicht.

    Und genau deshalb begann der gefährlichste Einsatz seines Lebens nicht irgendwo in den Wäldern von Chernarus.

    Sondern hier.

    Hinter den Mauern von Arkadius.

    Zwischen Kameraden.

    Zwischen Befehlen.

    Zwischen Loyalität und Überzeugung.

    :ak: "Loyal in Service, Fierce in Battle" :m4:

  • Der erste Stein


    Auf dem Vorplatz von Arkadius herrschte reges Treiben.

    Der Vodnik stand mitten auf dem Hof, während die letzten Wartungsarbeiten durchgeführt wurden. ElGabbo kroch halb unter dem Fahrzeug herum und kontrollierte zum dritten Mal alles, was sich kontrollieren ließ.

    Wenn du noch länger suchst, findest du irgendwann den Hersteller“, bemerkte Rannulf trocken und nahm einen Schluck Kaffee.

    Nyarlathothep sicherte den Bereich, während Sarafiya_Nici und The Mighty Quin Kisten mit Verpflegung und Ausrüstung einluden.

    Es sah fast aus wie eine gewöhnliche Patrouille.

    Fast.

    Denn heute ging es um deutlich mehr.

    Rannulf lehnte an der Tür zur Lobby und beobachtete das Treiben.


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    Dabei fiel ihm eine Gestalt auf, die sich auffällig unauffällig verhielt.

    Zwie8el.

    Der Angehörige des Strafbataillons stand im Schatten eines Baumes und warf immer wieder sehnsüchtige Blicke auf den Vodnik.

    Laut Vorschrift war es Strafbataillonsangehörigen nicht gestattet, mit dem Fahrzeug mitzufahren.

    Der Blick verriet jedoch eindeutig, dass Zwie8el gerade darüber nachdachte, wie man Vorschriften möglichst kreativ auslegen konnte.

    Hey Zwie8el!

    Der Angesprochene zuckte zusammen.

    Ja?

    Komm mal her. Ich hab eine Sonderaufgabe für dich.

    Zwie8el war innerhalb weniger Sekunden quer über den Platz gesprintet.

    Ja? Was denn?

    Rannulf grinste.

    Ich brauche einen Bordschützen. Besorg dir etwas Großes. Du fährst mit.

    Für einen Moment blieb Zwie8el stehen.

    Dann begannen seine Augen zu leuchten.

    Jawohl! Das wird ein Spaß!

    Noch bevor er die Waffenkammer erreicht hatte, meldete er sich bereits über Funk.

    Frage: Reicht ein Magazin für die RPD oder soll ich noch ein Ersatzmagazin mitnehmen?

    Es entstand kurzes Schweigen.

    Dann antwortete Nici:

    Willst du eine Zombiehorde zusammenschießen?

    Kurz darauf meldete sich Quin:

    Das Ding hat hundert Schuss. Das sollte reichen.

    Man kann nie vorbereitet genug sein!“, kam die empörte Antwort von Zwie8el.

    Wenig später saßen alle im Vodnik.

    Rannulf ließ den Motor an.

    Das tiefe Brummen des gepanzerten Fahrzeugs erfüllte den Hof.

    Er musste unwillkürlich grinsen.

    Es gab viele schöne Geräusche in Chernarus.

    Aber nur wenige klangen so beruhigend wie ein funktionierender Vodnik.

    Auf die neue Zukunft“, murmelte er leise.

    Dann setzte sich der Konvoi in Bewegung.

    Über Sevyerino.

    An Severograd vorbei.

    Durch die Wälder des Nordens.

    Bis schließlich die Landebahn des NWA vor ihnen auftauchte.

    Dort wurden sie bereits erwartet.

    Endlich seid ihr hier!

    Crocodile Dendi trat ihnen entgegen.

    Macht das Tor auf! Wir bekommen Besuch!

    Die schweren Tore öffneten sich.

    Der Vodnik rollte hinein.

    Drinnen warteten bereits Inquitos, Cohiba und Kerems.

    Na? Was haltet ihr davon?

    Dendi grinste breit.

    Könnte unser neuer Operationsposten werden.

    Die 501st ließ die Blicke schweifen.

    Nicht schlecht“, murmelte Rannulf.

    Ein bisschen mehr Deko und es könnte sogar gemütlich werden“, bemerkte Nici.

    Dann kommt mal mit“, lachte Dendi.

    Wir zeigen euch den Rest.

    Gemeinsam zog die Gruppe durch die Anlage.

    Raum für Raum.

    Gang für Gang.

    Werkstätten.

    Lagerräume.

    Unterkünfte.

    Besprechungsräume.

    Selbst Büroräume für die 501st waren bereits vorbereitet.

    Bezugsfertig.

    Man merkte schnell, dass DOT hier nicht nur plante.

    Sie bauten bereits.

    Als die Besichtigung beendet war, blieb Rannulf schließlich stehen.

    Er sah Dendi an.

    Jetzt gibt es nur noch eine Sache zu tun.

    Dendi nickte.

    Das dachte ich mir auch.

    Rannulf öffnete seinen Rucksack.

    Zwischen Karten, Unterlagen und halb zerknitterten Einsatzberichten lag eine Akte.

    WEPO


    W2bWpqe.png


    Der Name war schlicht.

    Die Bedeutung dagegen nicht.

    Er öffnete die Akte.

    Darin lag ein einziges Dokument.

    Hier.

    Rannulf reichte es Dendi.

    Lies es dir durch. Sollte alles enthalten, was wir besprochen haben. Falls nicht, können wir es anpassen.

    Dendis Blick wanderte über die Seiten.

    Langsam erschien ein zufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht.

    Ich denke, das passt.

    Er nickte.

    Die Rohentwürfe kenne ich bereits.

    Er zog einen Stift hervor.

    Dann machen wir es offiziell.

    Die Anwesenden wurden still.

    Dendi setzte seine Unterschrift unter das Dokument.

    Anschließend reichte er den Stift an Rannulf weiter.

    Dieser unterschrieb ebenfalls.

    Danach folgten die übrigen Anwesenden von DOT

    Iquitos

    CohibaCastro

    KeremS

    und der 501st.

    Mit jedem Namen wurde aus einer Idee Realität.

    Aus Gesprächen wurde Zusammenarbeit.

    Aus Plänen wurde Zukunft.

    Anschließend entstand ein gemeinsames Gruppenfoto.


    RySGmoM.jpg


    Es wurde gelacht.

    Gewitzelt.

    Über alte Geschichten gesprochen.

    Und für einen kurzen Moment fühlte sich die Zukunft tatsächlich greifbar an.

    Dann trat Dendi erneut an Rannulf heran.


    4rzgZSo.jpg


    Sollten wir nicht direkt mit Phase 1 beginnen?

    Rannulf grinste.

    Ich hatte gehofft, dass du das fragst.

    Er zog einen weiteren Ordner hervor.

    Unterlagen sind fertig. Ich brauche nur noch deine Unterschrift.

    Dendi überflog das Dokument.

    Dann runzelte er die Stirn.

    Da fehlt das Datum.

    Rannulf schaute ebenfalls auf die Seite und nickte.

    Ja, ist mir auch aufgefallen.

    Dendi hob fragend eine Augenbraue.

    Und das stört dich nicht?

    Rannulf grinste.

    Doch. Aber inoffiziell starten wir heute mit Phase 1 und offiziell eben morgen.

    Er zuckte mit den Schultern.

    Wir müssen ja nicht heute gleich eine glorreiche Entscheidung nach der anderen treffen.

    Dendi lachte kurz auf und schüttelte den Kopf.

    Das ist vermutlich die vernünftigste unvernünftige Erklärung, die ich heute gehört habe.

    Dafür bin ich bekannt.

    Dendi setzte seine Unterschrift unter das Dokument.

    Dann los.

    Dann los“, bestätigte Rannulf.

    Als die Sonne langsam tiefer sank, machte sich die 501st auf den Rückweg.

    Der Vodnik brummte durch die Wälder des Nordens.

    Selbst Zwie8el wirkte für einige Minuten ungewöhnlich ruhig.

    Woran denkst du?“, fragte Quin schließlich.

    Daran, dass ich offiziell mit dem Vodnik fahren durfte.

    Das erklärt alles.

    Das war der schönste Tag meines Strafbataillons.

    Gelächter erfüllte den Innenraum.


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    Zurück in Novo wurde der Vodnik verstaut.

    Ausrüstung ausgeladen.

    Waffen gereinigt.

    Routine.

    Doch für Rannulf war der Tag noch nicht vorbei.

    Mit der Akte unter dem Arm machte er sich direkt auf den Weg zu Segestes.

    Der Adjutant blickte auf, als Rannulf sein Büro betrat.

    Die Akte landete vor ihm auf dem Tisch.

    Es geht los.

    Segestes sah auf den Ordner.

    Dann wieder zu Rannulf.

    Phase 1?

    Rannulf nickte.

    Bereite eine Besprechung vor.

    Für die gesamte Truppe?

    Für die gesamte Truppe.

    Segestes griff bereits nach Stift und Notizblock.

    Rannulf blieb einen Moment stehen.

    Dann wanderte sein Blick durch das Fenster hinaus auf die Lichter von Novo.

    Noch wusste kaum jemand, was heute unterschrieben worden war.

    Noch wusste kaum jemand, welche Auswirkungen diese Vereinbarung auf den Norden haben würde.

    Doch irgendwo zwischen Arkadius und dem NWA war an diesem Tag mehr entstanden als ein Operationsposten.

    Es war der Beginn von etwas Neuem.

    Etwas Größerem.

    Und während draußen die Nacht über Novo hereinbrach, wanderte die unterschriebene Akte bereits durch die Hände derjenigen, die ihre Bedeutung verstanden.

    Noch war WEPO nur ein Name auf Papier.

    Noch.

    Doch irgendwo zwischen dem Westen und dem Osten von Chernarus hatte an diesem Tag etwas begonnen, dessen Folgen noch niemand vollständig abschätzen konnte.


    Fazit

    Manche Tage bringen Beute.

    Manche bringen neue Verbündete.

    Und manche verändern die Zukunft einer ganzen Region.

    An diesem Tag wurde kein Schuss abgegeben, kein Feind bekämpft und kein Rover versenkt.

    Und genau deshalb könnte er einer der wichtigsten Tage in der Geschichte der 501st gewesen sein.

    :ak: "Loyal in Service, Fierce in Battle" :m4:

    4 Mal editiert, zuletzt von Rannulf (12. Juni 2026 um 14:25)