Randnotizen eines Stabsadjutanten
Von Hydraulikschläuchen, Wölfen und anderen Problemen
Wenn es eine Sache gab, die Segestes in den vergangenen Monaten gelernt hatte, dann diese:
Es existierten unzählige Wege, in Chernarus ums Leben zu kommen.
Erschossen werden. Von Infizierten zerfleischt werden. Von einer Chimäre gefressen werden. Von Banditen überfallen werden. Oder den Fehler zu begehen, Luftlande-Feldwebel WeizenWarrior nach dem Zustand seines Fluggeräts zu fragen.
Na gut, zugegeben, letzteres war selten unmittelbar tödlich, führte aber zuverlässig zu langen und äußerst ermüdenden Gesprächen über Ersatzteile.
Wirklich sehr langen Gesprächen.
Segestes saß an seinem Schreibtisch und betrachtete die Materialanforderungsliste, die vor ihm lag. Dann die zweite. Dann die dritte.
Anschließend hob er langsam den Blick.
„Weizen...“
„Hm?“
„Willst du den Hubschrauber instandsetzen oder eine eigene Luftwaffe aufbauen?“
Der Pilot lehnte am Schrank, die Arme verschränkt. „Beides, wenn möglich.“
Segestes musterte ihn einige Sekunden.
WeizenWarrior erwiderte den Blick vollkommen ungerührt.
Schließlich schob Segestes die Listen zusammen. „Das hier sind drei Seiten.“
„Vier.“
„Vier?“
„Du hast die Rückseite noch nicht gesehen.“
Segestes schloss kurz die Augen. „Natürlich habe ich die Rückseite noch nicht gesehen.“
Weizen nickte zufrieden. „Dann heb dir die Überraschung für später auf.“
Segestes stieß ein langgezogenes Seufzen aus. „ JJH wird mich hassen.“
„Ach was.“
Segestes beschaffte das Material nicht selbst. Dafür gab es Leute, die dafür deutlich besser geeignet waren. Seine Aufgabe bestand lediglich darin, die Bedarfsanforderungen aufzunehmen, nach Dringlichkeit zu sortieren und an die zuständigen Stellen weiterzuleiten.
In diesem Fall bedeutete das: JJ.
Und JJ würde die Listen sehen, einmal nicken und sich anschließend aufmachen, das Zeug irgendwo aufzutreiben. Wenn dafür ein vergessenes Luftwaffendepot ausgegraben werden musste, würde JJ vermutlich schon nach einer Schaufel suchen.
„Ich bin sicher, er wird eine große Freude daran haben...“
„Davon gehe ich aus“, bestätigte Weizen trocken.
Eine Weile blätterten beide noch durch die Unterlagen und gingen die einzelnen Materialanforderungen durch.
Dann wurde Weizen etwas ernster. „Wie ist die Stimmung?“
Segestes blickte auf. „In der Einheit?“
„Ja.“
Segestes dachte kurz nach. „Gemischt.“
WeizenWarrior nickte. Offenbar hatte er nichts anderes erwartet.
„Die neuen Richtlinien sorgen für Diskussionen.“
„Das tun neue Richtlinien meistens.“
„Und du?“
Weizen ließ sich mit der Antwort Zeit.
„Ich verstehe The Mighty Quin.“
Das überraschte Segestes nicht im Geringsten. „Aber?“
„Aber ich verstehe auch den Marschall.“ Der Feldwebel verschränkte die Arme. „Es gibt Situationen, da muss man schnell handeln. Entschlossen handeln. Wenn jemand unsere Leute angreift oder andere Überlebende abschlachtet, werde ich bestimmt keine philosophische Debatte anfangen.“
Segestes nickte. Genau das entsprach seinem Bild von Weizen. „Aber?“, fragte er erneut.
Weizen verzog leicht das Gesicht. „Man sollte aufpassen, dass man sich nicht irgendwann einredet, jeder Konflikt ließe sich durch mehr Aggressivität lösen.“
Für einen Moment herrschte Schweigen.
Dann deutete Weizen auf die Listen. „Ein Hubschrauber fliegt auch nicht besser, nur weil man mehr Gas gibt.“
„Das ist jetzt hoffentlich eine Metapher.“
„Vielleicht.“
Segestes schnaubte. „Das war eine furchtbare Metapher.“
„Ich bin Pilot, kein Dichter.“
„Zum Glück.“
Diesmal grinste WeizenWarrior tatsächlich. „Jedenfalls vertraue ich darauf, dass der Marschall weiß, was er tut.“
„Das tue ich auch.“
„Dann sind wir uns ja einig.“ Weizen nahm seine Unterlagen wieder auf. „Richte JJ aus, dass die Hälfte davon dringend ist.“
„Welche Hälfte?“
„Die schwer zu beschaffende!“
„Natürlich.“
Damit verabschiedete sich der Feldwebel und verschwand wieder Richtung Hangar.
Segestes blickte noch einmal auf die vier Seiten Materialanforderungen. Dann griff er nach dem entsprechenden Formular für die Logistik.
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Am späten Nachmittag begann Segestes' Wachdienst.
Gemeinsam mit Nyarlathothep und Zwie8el bezog er Stellung auf einem Dach in der Nähe des Rathauses. Ihre Schicht würde bis in die Nacht dauern, und Nyarlathothep hatte sein Nachtsichtgerät am Helm.
Von hier oben konnte man einen großen Teil von Novodmitrovsk überblicken:
Den Marktplatz.
Die Hauptstraße.
Die Zufahrten.
Den Brunnen hinter dem Rathaus.
Und das Hilfsdepot.
„Achtung, Bewegung!“
Zwie8el hatte als Erster etwas entdeckt. Fast zeitgleich lag sein Gewehr bereits an der Schulter.
„Ruhig“, sagte Segestes sofort.
„Zwei Personen. Südwestliche Zufahrt.“
„Ich sehe sie“, bestätigte Nyarlathothep.
Zwiebel beobachtete die Gestalten durch seine Optik. „Könnte feindliche Aufklärung sein.“
„Könnten auch einfach zwei Typen mit einem Rucksack sein“, entgegnete Segestes.
Nyarlathothep schnaubte.
„Sie nutzen den Korridor.“
Tatsächlich bewegten sich beide Personen exakt auf der festgelegten Route durch Novo. Der vom Marschall ausgewiesene Sicherheitskorridor war wohl inzwischen den meisten bekannt.
Wer Hilfe am Depot suchte, sollte diesen Weg nutzen.
Keine unnötigen Umwege.
Keine Annäherung an das Rathaus.
Keine Überraschungen für die Wachen.
Die beiden Gestalten hielten sich beinahe schulbuchmäßig daran.
„Außerdem“, ergänzte Nyarlathothep, „wenn das ein Angriffstrupp ist, dann der schlechteste, den ich je gesehen habe.“
Eine der beiden Gestalten humpelte sichtbar. Der andere trug offenbar mehr Verbandszeug am Körper als Munition.
Zwiebel ließ die Waffe wieder sinken. „Man wird ja wohl noch wachsam sein dürfen.“
„Darfst du“, sagte Segestes. „Musst deswegen aber nicht jeden Halbtoten für eine Spezialeinheit halten.“
Wenig später erreichten die beiden Typen das Hilfsdepot. Einer nahm einige Konservendosen an sich. Der andere stopfte sich Verbandszeug in den Rucksack.
Danach verschwanden beide wieder in der Dunkelheit.
Kein Ärger.
Keine Gegenleistung.
Keine Fragen.
Einfach Hilfe.
Genau so, wie es gedacht war.
„Schon verrückt“, murmelte Zwiebel.
„Was?“
„Dass man immer wieder überrascht ist, wenn einen mal jemand nicht überfällt.“
Nyarlathothep schnaubte.
„Die Messlatte in Chernarus liegt nicht besonders hoch.“
„Stimmt auch wieder.“
Eine Weile beobachteten sie schweigend die Stadt. Irgendwo in den Wäldern nördlich von ihnen jaulte ein Wolf. In der Ferne knatterte kurz ein Motor.
Dann wurde es wieder ruhig.
Zwiebel lehnte sein Gewehr gegen die Brüstung.
„Habt ihr schon gehört?“
Segestes kannte diesen Tonfall. Selten kam etwas Vernünftiges dabei heraus.
„Nein.“
„Quin sucht Leute.“
Nyarlathothep nickte.
„Das stimmt.“
Segestes sah zwischen beiden hin und her.
„Wofür?“
Zwiebels Grinsen wurde breiter, man konnte es sogar unter seiner Vermummung erkennen.
„Patrouillen.“
„Wir machen ständig Patrouillen.“
„Nicht solche Patrouillen.“
„Aha.“
„Regelmäßig. Größer. Weiter draußen.“
Nyarlathothep ergänzte ruhig: „Schnelle Eingreifkräfte.“
„Also doch Patrouillen.“
„Mit mehr Schießen.“
„Ach.“
Nun ergab es Sinn.
Zwiebels Augen strahlten. „Endlich versteht er's.“
Segestes ignorierte ihn. „Und wer soll da mit?“
„Die Harten.“
„Die Harten?“
„Genau.“
„Das klingt dumm.“
„Das klingt großartig.“
Nyarlathothep lachte leise. „Die Formulierung stammt von Zwiebel. Nicht von Quin.“
„Das beruhigt mich ungemein.“
„Mich auch“, sagte Nyarlathothep.
Zwiebel wirkte beleidigt. Ungefähr drei Sekunden lang. Dann fiel ihm bereits das nächste Thema ein.
„Jedenfalls reden einige schon wieder von den Wölfen.“
Segestes wurde aufmerksam.
„Den Wölfen von Chernarus?“
„Jawohl.“
„Die gibt es doch gar nicht mehr.“
„Im Moment.“ Zwiebel grinste wieder. „Aber vielleicht bald wieder.“
Segestes schwieg.
Die Wölfe. Allein der Name war in der Einheit noch immer bekannt.
Eine Art Legende.
Eine Spezialeinheit.
Schnelle Kräfte.
Gefährliche Einsätze.
Und meist genau dort unterwegs, wo es unangenehm wurde.
„Dafür bräuchte Quin Befugnisse, die er gar nicht hat“, bemerkte Segestes schließlich.
„Vielleicht.“
„Nicht vielleicht.“
Nyarlathothep hob beschwichtigend die Hand.
„Im Moment ist es ohnehin nur Gerede.“
„Noch,“ meinte Zwiebel vielsagend.
„Noch“, bestätigte Nyarlathothep.
Wieder trat Schweigen ein.
Unten am Depot tauchte inzwischen eine weitere Gestalt auf.
Ein mit Lumpen bekleideter Mann. Langsam. Vorsichtig. Offenbar allein.
Er nahm sich eine Dose Bohnen. Mehr nicht.
Dann verschwand auch er wieder.
Segestes sah ihm nach.
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Als er sich umdrehte, bemerkte er, dass Nyarlathothep ihn beobachtete.
„Übrigens.“
„Hm?“
„Ich habe deinen Namen vorgeschlagen.“
Segestes runzelte die Stirn. „Meinen?“
„Für die Patrouillen.“
„Warum?“
Nyarlathothep sah ihn an, als wäre die Antwort offensichtlich. „Weil du einen kühlen Kopf bewahren kannst.“
„Das ist keine Antwort.“
„Doch.“
„Eine schlechte.“
Nyarlathothep schmunzelte. „Dann hier eine bessere,“ er deutete auf die Stadt unter ihnen, „du vergisst nie, warum wir das hier machen.“
Segestes sagte nichts.
„Quin braucht Leute, die denken können.“
„Und trotzdem schlägt er Zwiebel vor?“
Nyarlathothep kicherte.
„Ich sitze direkt neben euch, ihr Ärsche!“, murrte Zwiebel und trat Segestes mit gespieltem Ärger ans Schienbein.
„Rede mit Quin,“ fuhr Nyarlathothep an Segestes gewandt fort.
„Vielleicht.“
„Mach es!“
„Vielleicht.“
„Du bist unmöglich.“
„Das sagt ausgerechnet jemand, der regelmäßig bewaffnet und in einem Busch sitzend seine Freizeit verbringt.“
„Das nennt man Aufklärung.“
„Das nennt man merkwürdig.“
Zwiebel lachte laut auf. In der Regel ließ er sich seine gute Laune selten lange vermiesen, und oft genug war sie ansteckend.
Nyarlathothep verdrehte die Augen.
Und für einen kurzen Moment fühlte sich alles wieder normal an.
Fast.
Doch als Segestes erneut über die nächtliche Stadt blickte, blieb ein Gedanke zurück.
Unten holten sich Menschen Essen aus dem Hilfsdepot.
Hier oben sprachen sie über Eliteeinheiten.
Über härteres Vorgehen.
Über schnelle Eingreifkräfte.
Und irgendwo dazwischen musste die 501st entscheiden, was sie eigentlich sein wollte.
Vielleicht war genau das die eigentliche Frage.
Und vielleicht war sie schwieriger zu beantworten als jede Patrouille, jeder Feuerkampf und jede Materialliste, die WeizenWarrior jemals auf seinen Schreibtisch legen würde.