Randnotizen eines Stabsadjutanten
Zwischen Akten, Waffen und Entscheidungen
Es gab Tage, an denen Segestes überzeugt war, daß die größte Bedrohung für seine - vor allem geistige - Gesundheit weder die Infizierten noch Banditen oder irgendwelche mutierten Monster waren.
Es waren Kameraden mit Zugang zur Waffenkammer.
Mit einem tiefen Seufzer stellte er das Sturmgewehr zurück ins Regal. Direkt daneben gehörten die zugehörigen Magazine und die Munition. Nicht auf die andere Seite des Raumes. Nicht in die Kiste für Scharfschützengewehre. Und schon gar nicht in die Kiste mit Handgranaten und sonstigen Sprengmitteln.
Er hatte längst aufgehört. sich zu fragen, wie eine solche Unordnung überhaupt zustande kommen konnte. Irgendwann hatte er akzeptiert, daß bewaffnete Männer offenbar ihre Fähigkeit verloren, Gegenstände an denselben Ort zurückzulegen, von dem sie sie entnommen hatten.
Bereits vor drei Tagen hatte er sämtlich Magazine sortiert. Gestern ebenfalls. Und heute fand er ein DMR-Magazin zwischen Pistolenmunition und einer Dose Bohnen. Weiß der Teufel, was die dort zu suchen hatte.
„Wie die Krähen“, murmelte er, während er das Magazin an seinen Platz brachte. „Nur daß Krähen wenigstens intelligent sind.“ Naja, zumindest einigermaßen. Das wußte er, seit er Sgt. Krächz kannte (obwohl ihm dieser eigenartige Vogel auch nicht geheuer war).
Die Waffenkammer von Arkadius war mittlerweile beinahe vollständig gefüllt: Regale, Kisten, Munitionsbehälter ,Waffenständer - alles sauber sortiert. Zumindest für die nächsten fünf Minuten. Bis irgendein Kamerad wieder beschloß, sich neu auszurüsten.
Segestes verschränkte die Arme. Sein Blick wanderte durch die Kammer. Hier arbeitete er normalerweise mit The Mighty Quin zusammen, der als verantwortlicher Offizier für die Waffenkammer fungiert. Seit einigen Wochen fand sich Segestes hier zunehmend allein bei der Arbeit wieder.
Mittlerweile sah die Realität so aus: Quin erteilte Befehle, Segestes erledigte sie. Und je länger er darüber nachdachte, desto auffälliger wurde es.
Der Leutnant war kaum noch hier. Ständig unterwegs. Ständig beschäftigt. Ständig irgendwo.
Nur nicht in der Waffenkammer. Dabei hatte Quin diesen Laden früher beinahe geliebt. Jede neue Waffe wurde begutachtet, gereinigt und gepflegt. Sarafiya_Nici hatte sich einmal tierisch darüber aufgeregt, daß Quin auch noch den allerletzten Schießprügel auf Hochglanz polierte und dabei eine Unmenge an Waffenpflegesets in den Orkus jagte. Er hatte jedes Magazin geprüft, jede Lieferung kontrolliert.
Heute landete stattdessen ein Zettel auf Segestes' Schreibtisch. "Mach das," hieß es dann, und damit verschwand Quin wieder.
Segestes wusste inzwischen ziemlich genau, womit der Leutnant seine Zeit verbrachte.
Patrouillen. Gespräche. Neue Richtlinien. Neue Ideen.
Neue Anhänger.
Segestes sortierte weiter: M300 zu den Präzisionsgewehren, Magazine in die richtigen Kisten, Munition nach Kaliber.
Dabei arbeitete er mechanisch. Seine Gedanken waren längst woanders. Bei den Entwicklungen in der Truppe, den neuen Einsatzrichtlinien, bei Quin, auch bei DOT, wie so oft in letzter Zeit
Bei den letzten Wochen eben.
Bei allem, was sich verändert hatte.
Er mochte DOT. Da gab es nichts dran zu rütteln. Es gab deutlich schlechtere Partner.
Und dennoch. Segestes legte einen Schalldämpfer zurück ins Regal. Irgendetwas störte ihn. Es war ja gar nicht DOT selbst. Vielleicht war es vielmehr die Wirkung, die DOT auf manche Leute in der 501st hatte.
Auf Quin.
Auf Zwie8el.
Auf einige andere.
Der Erfolg ihrer gemeinsamen Einsätze hatte Eindruck hinterlassen. Mehr Eindruck als ihm lieb war.
„Aggressiver vorgehen.“
„Initiative übernehmen.“
„Nicht lange fackeln.“
„Reinen Tisch machen.“
Er hatte diese Sätze in den letzten Wochen oft genug gehört. Zu oft. Mit jedem gemeinsamen Einsatz schien diese Haltung langsam weiter auch in die 501st einzusickern. Nicht bei allen zwar, aber doch bei einigen.
Segestes schob die nächste Kiste an ihren Platz.
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In seinem Büro versuchte Rannulf gleichzeitig die Sicherheit der Einheit aufrechtzuerhalten, ihren Kernleitsatz nicht aufzugeben und die unruhige Stimmung wieder einzufangen. Das wusste Segestes, und er konnte sich vorstellen, wie schwer all das unter einen Hut zu bekommen war.
Hilfskorridore.
Sicherheitszonen.
Versorgungslinien.
Ordnung.
Kontrolle.
Schutz.
Und irgendwo dazwischen stand nun die Einheit.
Die 501st war gegründet worden, um Menschen zu schützen. Nicht um sie zu beherrschen. Zumindest glaubte Segestes das. Aber manchmal fiel es ihm zunehmend schwer, den Unterschied zu erkennen.
Sein Blick wanderte zum Fenster. Irgendwo dort draußen verlief nun der neue Sicherheitskorridor. Eine vernünftige Idee.
Eigentlich.
Vielleicht sogar eine notwendige. Die Gefährdungslage war real. Die Angriffe auf Arkadius, die sie zum Teil längst einer anderen Fraktion zuordnen konnten. Die Schüsse rund um Novo.
Niemand konnte behaupten, daß die Gefahr eingebildet wäre.
Und trotzdem.
Segestes kannte die Menschen da draußen. Nicht jeder hörte Funksprüche. Nicht jeder besaß überhaupt ein Funkgerät. Manche schleppten sich halbtot durch die Gegend. Manche hatten tagelang nichts gegessen. Manche krochen vermutlich auf den letzten Metern zum Hilfsdepot. Viele von denen werden die Einrichtung von Sicherheitszonen überhaupt nicht mitbekommen haben.
Und wenn so jemand nun außerhalb des Korridors auftauchte?
Dann würden manche seiner Kameraden sofort den Schießbefehl ausführen. Ohne zu zögern. Ohne eine Miene zu verziehen. Zwiebel würde vermutlich nicht einmal seinen Kaugummi aus dem Mund nehmen. Nyarlathothep ebenfalls nicht. Nicht aus Grausamkeit. Sondern weil beide ihre Befehle ernst nahmen. Dafür waren sie schließlich Soldaten, oder zumindest so etwas ähnliches.
Und genau das war das Problem.
Die Gefahr war real. Der Befehl war nachvollziehbar. Und trotzdem konnte das Ergebnis furchtbar falsch sein.
Hilfe anbieten.
Und gleichzeitig den Tod bringen.
Segestes rieb sich über das Gesicht. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger Antworten fand er. Stattdessen tauchte wieder das Bild von Rannulfs Schreibtisch vor seinem inneren Auge auf. Der Aktenberg. Und ganz oben:
Phase 1 – Sicherheitskorridor.
Er hatte die Akte nur kurz gesehen. Nicht gelesen. Nicht geöffnet. Nicht einmal berührt. Und dennoch ging ihm dieser Titel nicht mehr aus dem Kopf.
Phase 1.
Allein die Bezeichnung verriet bereits, daß weitere Phasen folgen würden. Die Frage war nur: Wohin führte dieser Weg? Und vor allem: Würde es später noch einen Weg zurück geben? Wenn die Gefährdungslage sich vielleicht beruhigen sollte, könnte man die einmal entfesselten Hunde wieder an die Kette legen?
Segestes wußte es nicht - und er hatte langsam das Gefühl, dass überhaupt niemand mehr wusste, wohin sich die 501st eigentlich bewegte.
Nicht einmal die Leute, die sie führten.
Später saß Segestes in seinem Büro. Vor ihm stapelten sich Formulare. Inventarlisten, Versorgungsanträge, Materialanforderungen. Der übliche Papierkrieg.
Ganz oben lag ein neuer Befehl.
Von Quin.
Materialbedarfsliste für den nächsten DOT-Handel. Segestes betrachtete das Blatt einige Sekunden.
Dann legte er es beiseite.
Zuerst der Rest.
Es war bereits spät, als er schließlich mit dem ausgefüllten Formular die Waffenkammer betrat. Er war bereits völlig erledigt, und eigentlich wollte er nur noch die angehängte Liste ausfüllen und dafür den Bestand überprüfen. Später dann etwas essen. Danach sterben. Oder schlafen. Die Reihenfolge war verhandelbar.
Doch kaum hatte er die Tür geöffnet, blieb er stehen.
Quin war da.
Der Leutnant saß auf einer Munitionskiste. Ein Gewehr lag auf seinen Knien, Quin spielte mit dem Verschluß herum. Seine Hände wollten offenbar beschäftigt sein.
Als Segestes eintrat, blickte Quin auf. Und lächelte. Nicht breit. Nicht freundlich. Eher wissend. Als hätte er genau gewusst, dass dieser Moment kommen würde.
„Da bist du ja.“
Segestes hob die Materialliste. „Offenbar. Mit deiner Liste.“
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Quin warf einen Blick auf das Formular, interessierte sich aber eigentlich überhaupt nicht dafür. "Setz dich“, meinte er schließlich.
Das klang nicht wie eine Bitte.
Quin betrachtete ihn einen Moment schweigend. Fast wirkte es, als würde er überlegen, wie er anfangen sollte. Was ungewöhnlich war. Normalerweise sprach Quin einfach drauflos.
Heute nicht. Heute wirkte er beinahe vorsichtig. Dann legte er das Gewehr beiseite, und es wurde still.
Nicht unangenehm.
Aber aufmerksam.
Wie zwischen zwei Scharfschützen, die beide wussten, dass der andere ebenfalls lauerte.
„Nyarlathothep hält große Stücke auf dich", meinte Quin irgendwann wie zufällig.
Aber es war nicht zufällig. Das war die erste Sonde.
Segestes bemerkte sie sofort. „Er hält von vielen Leuten große Stücke.“
„Nein.“ Quin schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht.“ Das stimmte sogar. Nyarlathothep war nicht gerade verschwenderisch mit Lob. „Er meint, du solltest öfter mit rauskommen.“
Segestes antwortete nicht.
Quin beobachtete ihn. „Er meinte sogar, ich solle mit dir reden.“
„Dann hat er seinen Fehler inzwischen wahrscheinlich bereut.“
„Nein.“ Ein Grinsen. „Er kennt dich besser als das.“
Wieder Stille.
Dann legte Quin den Kopf leicht schief. „Du hast dich verändert.“
Segestes hob eine Augenbraue. „Das glaube ich kaum.“
Quin verschränkte die Arme. „Früher hast du dich für Waffen interessiert.“ Er deutete in die Regale. „Für Ausrüstung, für Einsätze, für Ergebnisse.“ Kurze Pause. „Heute interessierst du dich für Menschen.“
Segestes spürte sofort, dass auch das kein zufälliger Satz war. „Ist das ein Vorwurf?“
„Nein.“ Quin schüttelte ruhig den Kopf. „Eine Beobachtung.“ Er sah Segestes direkt an. „Du hörst mehr zu, du fragst mehr. Du denkst mehr nach.“ Quin lächelte beiläufig und lehnte sich zurück. Dann wechselte er scheinbar das Thema: „Der Marschall hält dich beschäftigt.“
Da war die nächste Sonde. Eleganter diesmal.
„Er hält alle beschäftigt.“
„Dich besonders.“
„Ich arbeite für den Stab. Auch für dich, du hälst mich auch beschäftigt. In letzter Zeit sogar etwas zu sehr, wie mir scheint, zumindest in der Waffenkammer.“
„Ja.“ Quin nickte. "Mag sein." Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht.
Kurze Pause.
„Du verbringst mittlerweile jedenfalls mehr Zeit mit Akten als mit Munition“, fuhr der Leutnant schließlich fort.
„Jemand muss die Akten schließlich ordnen.“
Quin warf ihm einen lauernden Blick zu, fragte aber nicht direkt. Das musste er auch nicht. Segestes verstand die eigentliche Frage auch so:
Wie viel wusste er? Wie viel wusste Rannulf?
Quin war zu klug, um das offen anzusprechen.
Und Segestes war zu klug, um freiwillig Antworten zu liefern.
Das Spiel lief auf beiden Seiten. Seit mehreren Minuten. Und beide wussten es.
Dann entspannten sich Quins Gesichtszüge urplötzlich, und er wechselte erneut das Thema, direkt zum Punkt:
„Bist du noch derselbe? Können wir einander noch vertrauen?“
Segestes runzelte die Stirn, diese Offenheit überraschte ihn. "Ja", antwortete er schließlich und hoffte, dass es die Wahrheit war.
„Ich glaube trotzdem, du hast dich verändert." Quin musterte ihn, und wirkte plötzlich ebenfalls müde. "Aber das ist gut so. Menschen, die sich nicht verändern, lernen nichts."
Segestes runzelte erneut die Stirn. Er wußte nicht, was er darauf antworten sollte, ob das eine Weisheit oder eine Warnung gewesen war.
Vielleicht beides.
Draußen schlug irgendwo eine Tür. Gedämpfte Stimmen hallten kurz durch die Garnison.
Dann wurde es wieder still. Die Waffenkammer lag im schwachen Licht der Deckenlampen vor ihnen. Reihen aus Waffen. Munitionskisten. Ausrüstung. Die materielle Wehrhaftigkeit der 501st, ordentlich gestapelt und katalogisiert.
Ein seltsamer Ort für ein Gespräch wie dieses. Und vielleicht gerade deshalb genau der richtige.
Quin stand auf. Langsam. Er nahm das Gewehr wieder in die Hände und begann gedankenverloren, damit zu hantieren. Manche Menschen konnten wohl einfach besser nachdenken, wenn ihre Hände beschäftigt waren. „Weißt du, was ich an dir immer geschätzt habe?“
Segestes hob eine Augenbraue. „Da bin ich gespannt.“
„Du bist keiner von den Leuten, die alles glauben, was man ihnen erzählt.“
„Das klingt jetzt nicht unbedingt nach einer soldatischen Tugend.“
„Ist es auch nicht.“ Quin grinste leicht. „Zumindest nicht immer. Aber es macht dich nützlich.“
Segestes lehnte sich zurück. „Nützlich wofür?“
„Um Entscheidungen zu hinterfragen.“
„Korrigier mich, aber das mögen Offiziere normalerweise doch nicht besonders gern.“
„Schlechte Offiziere nicht.“ Quin legte das Gewehr wieder beiseite. „Gute Offiziere brauchen Leute, die ihnen widersprechen können.“
„Und wann hast du zuletzt jemandem erlaubt, dir zu widersprechen?“
„Vor ungefähr fünf Minuten.“ Erneut huschte ein kurzes Grinsen über Quins Gesicht. Dann wurde er wieder ernst. „Du machst dir Sorgen.“
„Das ist keine Neuigkeit.“
„Nein.“ Quin nickte. "Aber die Frage ist: Worum?“
Segestes antwortete zunächst nicht. Er blickte zu den Regalen, zu den Waffen, zu den Kisten. Zu den tausend Dingen, die in letzter Zeit durch seinen Kopf gingen. Schließlich sagte er: „Um die Richtung.“
Quin sagte nichts.
Also fuhr Segestes fort. „Um die robusten Einsätze mit DOT. Um die Angriffe. Um die neuen Richtlinien. Um Novo. Um die Sicherheitszonen. Um alles eigentlich.“
Der Leutnant hörte aufmerksam zu. Ohne zu unterbrechen. Ohne zu kommentieren.
„Ich habe das Gefühl, dass wir uns verändern“, fügte Segestes an.
„Natürlich tun wir das.“
„Vielleicht zu sehr.“
„Vielleicht nicht genug.“
Segestes sah ihn an. „Das ist genau die Antwort, die ich von dir erwartet habe.“
Quin lächelte. „Weil sie stimmt.“
Einige Sekunden sagte niemand etwas.
Dann trat Quin an eines der Regale. Sein Blick wanderte über die Waffen. „Weißt du, was ich glaube?“
Segestes schüttelte den Kopf.
„Ich glaube, dass wir lange Zeit Glück hatten.“
Das überraschte Segestes. Nicht die Antwort, die er erwartet hatte. „Glück?“
„Ja.“ Quin nickte. „Die meisten Leute erzählen sich gern Geschichten.“
„Welche Geschichten?“
„Dass Ordnung selbstverständlich ist.“ Er deutete nach draußen. „Dass Arkadius sicher ist. Dass Novo sicher ist. Dass die Handelswege sicher sind. Dass man freundlich sein kann und die Welt es einem dankt.“ Seine Stimme blieb ruhig. Fast sachlich. „Aber das stimmt nicht.“ Er sah Segestes direkt an. „Das alles existiert nur, weil irgendjemand bereit ist, es zu verteidigen.“
„Das tun wir doch.“
„Tun wir?“ Quin ließ die Frage im Raum stehen. „Oder reagieren wir nur auf das, was andere tun?“
Segestes spürte, wie sich sein Magen leicht zusammenzog. Das war genau die Argumentation, die er befürchtet hatte. Weil sie nicht völlig falsch war. Und gerade deshalb gefährlich. „Du willst offensiver vorgehen.“
„Ich will verhindern, dass wir ständig hinterherlaufen.“
„Das ist nicht dasselbe?“
„Nein.“
„Für manche Leute schon.“
„Für manche Leute ist auch ein Rohr aus irgendeinem Schuppen schon eine Waffe.“
Das ergab wenig Sinn, und Segestes musste wider Willen schmunzeln.
Quin bemerkte es. „Siehst du?“
„Das macht es nicht richtiger.“
„Vielleicht.“ Der Leutnant verschränkte die Arme. Dann wechselte er plötzlich erneut das Thema. Nicht abrupt diesmal. Eher wie jemand, der eine neue Stellung auf einem Schachbrett bezog. „Nyarlathothep hat regelrecht von dir geschwärmt.“
„Das klingt beunruhigend.“
„Nicht auf die Art, du Idiot.“
Beide grinsten kurz.
„Er meint, du wärst genau die Sorte Mann, die man bei einer richtigen Patrouille braucht.“
Da war sie wieder. Die Sache mit den Patrouillen. Die Sache, über die inzwischen halb Arkadius tuschelte.
Segestes beobachtete ihn aufmerksam. „Was ist eine richtige Patrouille?“
Quin lächelte. „Interessante Frage.“
„Dann beantworte sie.“
„Eine Patrouille, die tatsächlich etwas erreicht.“
„Das sagt gar nichts.“
„Ich denke, doch.“
Dieses verdammte Ausweichen. Und dennoch bemerkte Segestes etwas: Quin sprach nicht wie jemand, der einen Plan entwickelte. Er sprach wie jemand, der längst einen hatte. Der nur nicht bereit war, ihn auszusprechen.
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Der Leutnant ging einige Schritte durch die Kammer. Langsam. Nachdenklich. „Die Wölfe damals konnten das.“ Da war das Thema endlich. Nicht durch eine direkte Frage. Sondern weil Quin selbst darauf kam. Fast unbewusst.
„Von den Wölfen habe ich die letzten Tage öfter gehört.“ Die Spezialeinheit innerhalb der 501st war aufgelöst worden, bevor Segestes der Truppe beigetreten war. Quin war ihr Kommandant gewesen.
„Weil sie gut waren.“
„Du idealisierst sie, und das ist auch verständlich.“
„Nein, nein!“ Quin schüttelte den Kopf. „Die meisten Leute erinnern sich nur an ihre Fehler. Aber ich erinnere mich auch daran, was sie leisten konnten.“ Er blieb vor einem Regal mit Präzisionsgewehren stehen. „Sie waren schnell, selbstständig, entschlossen. Und sie brauchten keine zwanzig Besprechungen, um ein Problem zu lösen.“
„Sie haben aber auch Probleme verursacht.“
„Natürlich.“ Quin zuckte mit den Schultern. „Jede schlagkräftige Einheit verursacht Probleme.“
„Das ist eine ziemlich dünne Rechtfertigung.“
„Das ist Realität.“
Wieder Stille.
Dann drehte sich Quin langsam um. Sein Blick ruhte jetzt fest auf Segestes. „Weißt du, worüber ich mir Sorgen mache?“
„Worüber?“
Wieder wirkte der Leutnant müde. Nicht körperlich. Anders. Älter vielleicht. „Dass wir vergessen, warum wir hier sind.“
Segestes runzelte die Stirn. „Das musst du erklären.“
Quin zog sich eine weitere Munitionskiste heran und setzte sich. Seine Stimme wurde ruhiger, fast väterlich. So als würde er nicht argumentieren wollen. Sondern etwas erklären. „Die meisten glauben, was wir hier tun, sollte moralisch überlegen sein.“
„Na, ganz so einfach ist es wohl nicht.“
„Richtig.“ Quin faltete die Hände. „Denn wir sind hier, damit die Menschen, die hinter diesen Mauern leben, morgen noch atmen.“ Der Satz blieb einen Moment stehen. „Mehr nicht.“
„Und wenn dafür andere sterben müssen?“
„Dann sterben sie.“
Segestes verzog das Gesicht. „Du machst es dir erschreckend einfach.“
„Weil es erschreckend einfach ist.“ Quin blickte zur Decke. „Du glaubst, ich mache mir keine Gedanken darüber?“
„Ich weiß es nicht.“
„Doch.“ Seine Stimme wurde etwas härter. „Jedes Mal. Bei jedem Einsatz. Bei jeder Entscheidung. Bei jedem verdammten Schuss.“ Er atmete langsam aus. Dann war die Härte wieder verschwunden. „Aber am Ende muss trotzdem jemand entscheiden.“
Die Worte trafen Segestes härter, als er erwartet hatte. Weil er genau wusste, dass darin Wahrheit lag. Nicht die ganze Wahrheit zwar, aber genug davon.
Und Quin wusste das ebenfalls. Deshalb drängte er nicht weiter. Er ließ den Gedanken wirken. Dann stand er auf. „Ich glaube nicht, dass du mein Gegner bist, Segestes.“
Das kam überraschend. „Das hoffe ich doch.“
„Ich auch.“ Quin nickte. „Aber ich glaube, du solltest langsam herausfinden, auf welcher Seite du stehst.“
Segestes antwortete nicht sofort. "Haben wir hier mittlerweile Seiten?"
Der Leutnant lächelte schwach. "Nein, nicht hier. Nicht innerhalb der Truppe." Er trat näher, und legte Segestes eine Hand auf die Schulter. Nicht drohend, nicht einschüchternd. Sondern kameradschaftlich, fast väterlich. „Aber du machst dir zu viele Gedanken über die Leute da draußen.“
„Über die Unschuldigen.“
„Über die Verirrten.“
„Über die Kollateralschäden.“
„Das ehrt dich.“ Quins Stimme war leise geworden. „Wirklich.“ Dann sah er Segestes direkt in die Augen. „Aber wenn irgendwann die Entscheidung kommt...“ Kurze Pause. „...dann frag dich nicht, wen du gern retten würdest.“ Eine weitere Pause. „Frag dich, wem du verpflichtet bist.“
Segestes spürte, wie sich sein Magen erneut zusammenzog.
Quin nickte langsam. „Nyarlathothep. WeizenWarrior. Nici. JJH... das sind unsere Leute. Die Leute auf den Mauern. Die Leute in Arkadius.“ Er warf Segestes einen Blick zu. „Die Leute, die neben dir kämpfen.“ Seine Hand ruhte noch immer auf Segestes' Schulter. „Überleg dir einfach, wessen Überleben dir wichtiger ist.“
Dann nahm er die Hand weg.
Drehte sich um.
Und ging zur Tür.