„Das Leuchtfeuer von Novo“
Die Nacht war ruhig gewesen.
Zu ruhig eigentlich.
Eine gewöhnliche Abendpatrouille der 501st bewegte sich durch die südlichen Randgebiete von Novo. Der Wind strich durch die Ruinen, irgendwo knarrte Metall, und wie so oft roch die Luft nach Regen, Diesel und möglichen Fehlentscheidungen.
Dann wurde plötzlich der Himmel über dem Industriegebiet von Novo hell erleuchtet.
Ein gewaltiges Feuer loderte zwischen den dunklen Fabrikgebäuden empor.

Rannulf blieb stehen und starrte in die Ferne.
„Kann das sein…?“ murmelte er leise.

Neben ihm blickte ein Kamerad irritiert zum Himmel.
„ Crocodile Dendi?“ fragte Rannulf mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst.

Dann grinste er plötzlich schief.
„Die Leuchtfeuer von Gondor…“
Der junge Kamerad neben ihm zog hektisch ein zerfleddertes Notizbuch hervor und begann panisch darin zu blättern.
„Ähm… Marschall… ich finde weder eine Fraktion noch eine Doktrin mit der Bezeichnung Gondor…“
Rannulf starrte ihn einige Sekunden schweigend an.
„Junge…“ seufzte er schließlich. „Du bist definitiv zu jung für alte Filme und gute Bücher. Das war ’ne Metapher.“
Der Kamerad wirkte danach nicht weniger verwirrt.
„ Crocodile Dendihat unseren letzten Funkspruch verstanden. Das ist sein Signal.“
Rannulf richtete seinen Blick wieder auf das Feuer.
„Geh zurück zum HQ. Bereitet alles für die Ankunft von DOT vor. Ich versuch Crocodile Dendientgegenzugehen.“
Der Kamerad nickte sofort, drehte sich um — und kam keine zehn Schritte weit.
Ein Schuss durchschnitt die Nacht.
Der Soldat brach während des Laufens zusammen.
Rannulfs Gesicht verhärtete sich sofort.
„Nicht jetzt… nicht schon wieder…“ murmelte er und hechtete hinter einen dunklen Felsen, während weitere Schüsse über das nordwestliche Gelände peitschten.
Raider.
Wieder diese verdammten Schatten, die Chernarus langsam ins Chaos treiben wollten.
Die gleichen Bastarde, die Sprengfallen legten, Konvois angriffen und Überlebende terrorisierten.
Und irgendwo im Hinterkopf dachte Rannulf bereits an die Berichte.
An die Hardliner innerhalb der 501st.
An Männer, die glaubten, man könne Chaos nur mit noch mehr Gewalt beantworten.
„Die… und diese Wiesenzaun-Gang… irgendwann bluten sie alle dafür…“ murmelte er, während er versuchte, die Schützen auszumachen.
Er griff nach seinem Funkgerät und sendete auf der letzten bekannten Frequenz von DOT.
„Hier Rannulf an DOT… falls ihr in der Nähe seid — wir haben Kontakt. Mehrere Schützen nordwestlich Novo.“
Ein paar Sekunden lang war nur Rauschen zu hören.
Dann antwortete tatsächlich eine Stimme.
Crocodile Dendi.
Rannulf atmete erleichtert aus.
Kurz darauf meldeten sich auch Iquitos und CohibaCastro. Schnell wurde ein Rendezvouspunkt festgelegt, während die verbliebenen Kräfte der 501st Stellung bezogen.
WeizenWarrior und JJH gingen sofort in Sicherungspositionen.
„Kontakt auf den Felsen!“ meldete WeizenWarrior plötzlich.
Ein Schuss krachte.
Dann noch einer.
„Treffer! Der Bastard lebt aber noch!“
Man sah eine Gestalt zwischen den Bäumen verschwinden.
Kurz darauf konnte Rannulf selbst einen weiteren Schützen nahe dem Funkturm erkennen. Doch bis der Sicherungstrupp dort eintraf, war auch dieser bereits im Wald verschwunden.
Gemeinsam durchkämmten DOT und die 501st das Gebiet.
Lichtkegel schnitten durch die Dunkelheit.
Schritte knirschten auf nassem Schotter.
Doch außer Patronenhülsen und Fußspuren fanden sie nichts mehr.
Nach einiger Zeit wurde die Suche eingestellt.
Erst dann trat Rannulf schließlich vor Crocodile Dendiund seine Leute.
Crocodile Dendiwar ungewöhnlich schlicht ausgerüstet — leichte Ausrüstung, kaum schwere Bewaffnung. Passend für ein diplomatisches Gespräch.
Hinter ihm wirkten Iquitos und CohibaCastro dagegen wie das genaue Gegenteil: voll ausgerüstet, bewaffnet und ganz die typischen DOTler, die aussahen, als könnten sie jederzeit entweder einen Konvoi absichern oder einen Häuserblock stürmen.
Rannulf grinste trocken.
„Willkommen in Novo“, sagte er ruhig.
„Wo die Kugeln tief regnen und es immer was zum Tanzen gibt.“
Selbst Crocodile Dendimusste leicht schmunzeln.
Kurz darauf verschwanden beide Gruppen im Schutz von Arkadius.
Dort schilderte Crocodile Dendi die Lage von DOT.
Von Terroristen.
Von Raketenwerfern.
Von Sprengfallen in friedlichen Dörfern.
Von Angriffen auf Zivilfahrzeuge.
Und schließlich sprach er offen aus, was längst jeder dachte:
Chernarus zerfiel.
DOT plante die Ausweitung kontrollierter Sicherungsrouten entlang der Haupttransportwege Richtung Osten.
Gemeinsam mit der 501st.
Kontrollen.
Sicherungspunkte.
Überwachung der Handelswege.
Stabilität durch bewaffnete Präsenz.
Crocodile Dendilegte schließlich ein beschriebenes Dokument auf den Tisch — seine vollständige Stellungnahme.
Der Hammer des Nordens
Rannulf las schweigend einige Zeilen, nickte langsam und reichte die Unterlagen anschließend weiter an Segestes.
„Mach daraus eine saubere Abschrift. Vollständig archivieren.“
Segestes nickte sofort und nahm das Dokument an sich.
Crocodile Dendierhob sich langsam vom Tisch, rückte seine leichte Ausrüstung zurecht und blickte noch einmal durch den Raum. Hinter ihm standen Iquitos und CohibaCastro weiterhin in ihrer typischen DOT-Ausrüstung — schwer bewaffnet, aufmerksam und bereit, falls die Nacht doch noch unangenehmer werden sollte.
„Dann hoffen wir, dass eure Entscheidung die richtige ist“, sagte Crocodile Dendiruhig.
Rannulf nickte knapp.
„Und wir hoffen, dass eure Straßen bald weniger Sprengfallen enthalten.“
Ein kurzes trockenes Schmunzeln ging durch den Raum.
Danach verabschiedeten sich die DOTler und machten sich wieder auf den Heimweg durch die dunkle Nacht von Chernarus.
Erst als die schweren Schritte verklungen und die Türen von Arkadius wieder geschlossen waren, wurde die Stimmung im Raum deutlich ernster.
Doch als der Adjutant gehen wollte, hielt Rannulf ihn noch einmal zurück.
Seine Stimme wurde leiser.
Ernst.
„Und noch etwas.“
Segestes blieb stehen.
Rannulf blickte kurz zur Tür, stellte sicher, dass niemand mehr lauschte, und sprach dann weiter:
„Finde heraus, wer innerhalb der 501st diese Hardliner sind.“
Segestes runzelte leicht die Stirn.
„Die Berichte… das Verhalten… irgendwer drängt die Truppe in eine Richtung, die mir nicht gefällt.“
Rannulf verschränkte langsam die Arme.
„Wir brauchen Ordnung. Härte, wenn nötig. Aber keine kopflosen Fanatiker.“
Er trat näher an Segestes heran.
„Ermittel im Geheimen. Namen. Kontakte. Gespräche. Alles.“
Kurzes Schweigen.
„Wir müssen diese Gruppe finden… bevor sie unwiderruflichen Schaden anrichtet.“
Segestes nickte langsam.
„Verstanden, Marschall.“
Dann verschwand er mit den Dokumenten im Flur von Arkadius.
Rannulf blieb allein zurück.
Draußen brannte das Feuer von Novo immer noch gegen den Nachthimmel.
Und irgendwo in der Dunkelheit beobachtete bereits jemand die Lichter von Arkadius.