Randnotizen eines Stabsadjutanten
Zwischen Akten und Frontlinien
Die Amtsstube war still.
Abgesehen vom gelegentlichen Rascheln von Papier und dem dumpfen Knacken des alten Holzofens hörte man nur den Wind draußen durch die Straßenschluchten von Novodmitrovsk ziehen. Irgendwo schlug ein loses Blech gegen eine Hauswand. Das ganze Rathaus klang nachts immer ein wenig so, als würde es sich jeden Moment entscheiden einzustürzen — bisher hatte es sich erfreulicherweise jedes Mal dagegen entschieden.
Segestes heftete die letzten Unterlagen sorgfältig in einen Ordner ein:
Diplomatische Zusammenkunft mit DOT.
Versorgungsabsprachen.
Funkfrequenzen.
Munitionsaustausch.
Mögliche gemeinsame Sicherungsoperationen.
Der Ordner war inzwischen dicker als mancher Einsatzbericht.
Crocodile Dendi war gemeinsam mit Iquitos und CohibaCastro nach Novo gekommen. Trotz des Anschlags auf das Treffen war die Zusammenkunft am Ende überraschend erfolgreich verlaufen. Zumindest gemessen an den üblichen Maßstäben von Chernarus, wo „erfolgreiche Diplomatie“ oft einfach bedeutete, dass am Ende weniger Leute erschossen worden waren als ursprünglich erwartet.
Segestes lehnte sich zurück und stieß langsam die Luft aus. Die Kooperation mit DOT war grundsätzlich ein Gewinn. Das sah in der Einheit fast jeder so, ihn selbst eingeschlossen.
DOT war aggressiver als die 501st. Teilweise deutlich aggressiver. Aber eben nicht kopflos. Nicht chaotisch. Nicht dieses stumpfe Rambo-Gehabe, das manche ihnen gern unterstellten.
Professionell.
Diszipliniert.
Integer.
Das war ein Unterschied, den viele in Chernarus entweder nicht verstanden oder absichtlich ignorierten.
Schon bevor Segestes sich der 501st angeschlossen hatte, hatte er von DOT gehört. Nicht viel — aber genug:
Faire Händler.
Verlässliche Absprachen.
Saubere Einsätze.
Und oft auch diese Geschichte:
Wenn sie Material übrig hatten, tauchten plötzlich irgendwo nahe der Küste vergrabene Versorgungstaschen auf. Verbandszeug, Essen, Werkzeug, einfache Waffen. Genug, damit irgendein halb verhungerter Küstenwanderer vielleicht noch eine Woche länger überlebte. Nicht viele Gruppen machten sich diese Mühe, so viel war sicher.
Während seiner Zeit bei der 501st hatte Segestes dann immer wieder von gelegentlichen gemeinsamen Operationen in der Vergangenheit gehört. Nie etwas Schlechtes. Im Gegenteil.
„Wenn DOT zusagt, dann steht das auch“, hatte Nyarlathothep irgendwann mal gesagt. Für Nyarlathothep war das vermutlich bereits ein Liebesbrief gewesen - und bisher hat sich dieser Eindruck auch für Segestes bestätigt.
Trotzdem blieb ein unangenehmes Ziehen irgendwo im Hinterkopf. Denn Kooperation bedeutete auch Einfluss. Und Einfluss funktionierte in beide Richtungen.
Gerade jetzt.
Gerade in einer Zeit, in der die neuen Einsatzrichtlinien ohnehin schon genug Unruhe in die Einheit brachten. Segestes schob den Gedanken beiseite. Grübeln sortierte die Akten nicht fertig.
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Als er alles beisammen hatte, stand er mit einem leisen Ächzen auf, nahm die Ordner und machte sich auf den Weg zu Rannulfs Büro. Der Flur war fast leer. Nur irgendwo weiter hinten diskutierten zwei Leute darüber, ob man Ravioli direkt kalt aus der Dose essen durfte oder ob das bereits als Kriegsverbrechen galt.
„Wenn sie warm wären, hätten wir sie längst gegessen“, stellte jemand sachlich fest. Das war nicht von der Hand zu weisen.
Segestes klopfte an Rannulfs Tür.
Keine Antwort.
Noch ein Klopfen.
Wieder nichts.
Er wartete einen Moment, trat dann ein. Das Büro war leer. Auf dem massiven Schreibtisch stapelten sich weiterhin Einsatzberichte, Protokolle und lose Notizzettel. Genau dieselben Unterlagen, die den Marschall seit Tagen beschäftigten.
Segestes blieb kurz stehen.
Er wusste inzwischen genug, um zu verstehen, warum. Sein Blick glitt über einige der Akten.
Manipulierte Berichte.
Geradegebogene Einsatzprotokolle.
Unterschriften, die keine waren.
Er zwang sich, nicht näher hinzusehen. Der Auftrag des Marschalls hing ihm ohnehin schon schwer genug im Nacken.
Also legte er die DOT-Unterlagen sauber ab und verließ das Büro wieder.
Anschließend machte er sich auf den Weg ins Lager, wo er eine Materialbedarfsliste der Waffenkammer für JJH hinterlegen wollte. Im Lager traf ihn sofort der vertraute Geruch aus Waffenöl, Holz, Metall und abgestandener Luft.
JJ war wider Erwarten anwesend, er stand zwischen mehreren Kisten und sortierte das Material mit der Konzentration eines Chirurgen bei einer Herzoperation. Seine Uniform sah – wie so oft – gewöhnungsbedürftig aus. Er erinnerte Segestes immer irgendwie an einen Waldläufer.
„Sag mir bitte, dass du diesmal wenigstens weißt, was in welcher Kiste liegt“, meinte Segestes.
JJ blickte nicht einmal auf.
„Natürlich.“ Kurze Pause. „Ungefähr.“
Segestes schnaubte leise.
Es war ohnehin unfassbar, was JJ alles auftreiben konnte. Egal ob Munition, Medikamente, Ersatzteile, Werkzeug oder sonst irgendein völlig obskures Zeug, das seit dem Zusammenbruch der Zivilisation niemand mehr hergestellt hatte — JJ schaffte es irgendwie trotzdem herbei.
Die Materiallisten waren schnell abgearbeitet.
Danach lungerten sie beide noch eine Weile zwischen den Regalen herum und redeten über dies und das. Irgendwann landeten sie wie von selbst bei der Stimmung in der Einheit und den neuen Einsatzrichtlinien.
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„Und?“, fragte Segestes beiläufig. „Was hältst du davon?“
JJ schob eine Kiste zurecht. „Davon, dass jetzt alles einen Namen bekommen hat?“
„Zum Beispiel.“
JJ dachte kurz nach. „Ich versteh schon, warum Rannulf das macht.“ Dann zuckte er mit den Schultern. „Aber wir sollten aufpassen, dass wir nicht anfangen, überall nur noch Bedrohungen zu sehen.“
Das überraschte Segestes nicht. JJ war keiner, der Streit suchte. Aber genauso wenig jemand, der davor zurückwich, wenn es ernst wurde. Gerade deshalb wirkte seine Meinung glaubwürdig.
„Robust reagieren, wenn nötig“, sagte JJ schließlich. „Aber dieses ganze dauernde Härte-Gerede…“ Er verzog leicht das Gesicht. „Irgendwann benimmt sich sonst jeder nur noch wie ein schlecht gelaunter Cowboy.“
Segestes nickte langsam. Und bemerkte erst danach, wie aufmerksam er eigentlich zugehört hatte.
Vielleicht zu aufmerksam.
Auf dem Rückweg durch den Flur wurde ihm plötzlich klar, dass er inzwischen genau das tat, was er eigentlich vermeiden wollte.
Er hörte zu. Er fragte nach.
Er achtete auf Aussagen.
Er verglich Meinungen.
Nicht aus Neugier. Sondern wegen Rannulfs Auftrag.
Der Gedanke gefiel ihm überhaupt nicht.
Er sollte ermitteln. Verstehen, was innerhalb der Einheit vorging. Herausfinden, woher bestimmte Entwicklungen kamen. Aber irgendwo auf dem Weg dorthin fühlte es sich plötzlich an, als würde er anfangen, die eigenen Leute auszuspionieren.
Und das war eine Grenze, mit der er sich nicht wohlfühlte. Er verstand die Notwendigkeit, die den Marschall zu diesem Befehl gezwungen hatte. Aber er wollte unter keinen Umständen seine Kameraden bespitzeln.
Er musste entscheiden, wie er mit dem Befehl umgehen wollte. Aber nicht heute. Dazu war er zu müde, außerdem drehten sich seine Gedanken längst im Kreis.
Als er die Stube erreichte, war Nyarlathothep noch unterwegs. Irgendeine Sicherungspatrouille am Stadtrand. Segestes ließ sich schwer auf sein Bett fallen.
Seine Gedanken wanderten zurück zu DOT. Und zu The Mighty Quin.
Auf Segestes' eigenes Anraten hin hatte Quin sich vor kurzem einem DOT-Kommando bei einer KOTH-Operation angeschlossen. Der Einsatz war objektiv ein voller Erfolg gewesen. Gute Zusammenarbeit. Hochwertige Beute. Kaum Verluste.
Eigentlich genau das, was man sich von gemeinschaftlichen Operationen versprach. Und trotzdem ließ ihn irgendetwas daran nicht los.
Nicht wegen DOT. Sondern wegen Quin.
Seit seiner Rückkehr von diesem Einsatz redete der Leutnant beinahe täglich von offensiverem Vorgehen:
„...nicht lange fackeln...“
„...immer in Bewegung bleiben...“
„...aggressiv reingehen und aufräumen...“
„Immer feste, reinen Tisch!“
Manche hörten dabei deutlich zu aufmerksam zu. Vor allem Zwie8el schien regelrecht begeistert zu sein. Und genau das bereitete Segestes Bauchschmerzen.
Denn zwischen „entschlossen handeln“ und „einfach schneller schießen“ lag oft nur ein verdammt schmaler Grat.
Er starrte schweigend an die Decke. Natürlich hatten viele Gegner der 501st den Ärger verdient. Wegelagerer. Mörder. Irgendwelche Feiglinge, die nachts auf das Hauptquartier schossen, Sprengfallen platzierten oder versuchten, einzubrechen... und dann verschwanden wie Ratten.
Aber irgendein Schaden blieb am Ende fast immer zurück - Wütende, Verletzte, Tote.
Und die schossen irgendwann zurück. Erstaunlicherweise rächten sich besonders oft die Toten.
Die Anschläge auf das Hauptquartier hatten jedenfalls in letzter Zeit bereits zugenommen. Immer wieder dieselben Gestalten. Dieselben Fahrzeuge. Dieselben feigen Schüsse aus sicherer Entfernung.
Vielleicht hatte Quin recht. Vielleicht musste man solchen Leuten tatsächlich endgültig das Handwerk legen. Sie mit Stumpf und Stiel ausrotten.
Oder vielleicht sorgte genau dieses aggressive Vorgehen erst dafür, dass einige Menschen glaubten, gegen die 501st kämpfen zu müssen.
Segestes wusste es nicht.