Ein Klassenzimmer in Severograd.
Staub liegt auf den Pulten, als hätte ihn seit Wochen niemand mehr gestört.
An der Tafel Reste von Kreide, Linien ohne Bedeutung, Wörter ohne Abschluss.
Auf einem Tisch: zwei Motorradhelme.
Gelb.
Fahlgrün.
Beide gezeichnet von Zeit, von Wegen, die ihre Besitzer längst hinter sich gelassen haben.
Dazwischen eine Akte.
Fallakte 11
Ein Mann in Schweinemaske sitzt davor.
Ruhig genug, um nicht aufzufallen, würde man nicht genau hinsehen.
In seiner Hand eine Pistole.
Keine Spannung in der Haltung.
Kein Zielen.
Die Mündung tippt gegen den gelben Helm.
Ein dumpfes Geräusch, kaum mehr als ein Kontakt.
Dann wandert sie weiter.
Zum grünen.
Wieder.
Langsam.
Fast gleichmäßig.
Als würde etwas abgewogen, das nicht laut ausgesprochen werden muss.
Nicht wann.
Wie.
Der Lauf bleibt einen Moment zwischen beiden Helmen stehen.
Still.
Unentschlossen wirkt es nicht.
Bedacht.
Draußen zieht Wind über den Schulhof, bewegt loses Blech, irgendwo schlägt etwas gegen eine Wand.
Der Raum selbst bleibt unberührt davon.
Die Pistole senkt sich schließlich.
Ohne Eile.
Die Akte wird aufgenommen, verschwindet in einer Tasche.
Der Stuhl rückt ein Stück zurück, Holz über Beton.
Die Helme bleiben, wo sie sind.
Die Tür öffnet sich.
Ein kurzer Luftzug, der den Staub anhebt, nur für den Moment.
Dann schließt sie sich wieder.
Das Klassenzimmer bleibt.
Mit zwei Helmen
und einer Entscheidung,
die noch nicht gefallen ist.