Teil XV - die Fährte
Der Morgen bricht farblos über dem Wald herein.
Oscar geht langsam, vorsichtig. Die Isolation steckt noch in jedem seiner Schritte.
Der Boden ist kühl, trocken.
Vor ihm: frische Spuren, tief genug für ein schweres Tier.
Er bleibt stehen.
Hinter ihm raschelt es, leise, nur ein kurzer Hauch von Bewegung.
Oscar dreht sich nicht sofort um.
Der Mann mit dem netten Lächeln tritt zwischen zwei Stämmen hervor.
Er wirkt wach, aufmerksam, aber nicht aufgekratzt.
Sein Blick fällt auf die Abdrücke vor Oscar, und er nickt nur kurz – als hätte er gehofft, der andere würde genau das finden.
Keine großen Gesten.
Nur ein kurzes, anerkennendes Lächeln.
Oscar zeigt wortlos auf die Fährte.
Der Mann geht in die Hocke, betrachtet die Einkerbung am Boden, die verwischte Kante an einem Abdruck.
Er tippt mit dem Finger daneben, fast beiläufig.
Ein verletztes Hinterbein.
Oscar sieht es ebenfalls.
Der Mann richtet sich auf, klopft sich die Hände an der Hose ab.
Ein kurzer Blick zu Oscar – fragend, aber ohne ein einziges Wort zu verlangen.
Oscar nickt.
Der Mann lächelt erneut, leicht, fast zufrieden.
Dann verschwindet er seitlich im Unterholz, um den Kreis zu schließen.
Oscar folgt weiter der Spur. Sein Atem steigt ruhig in die kalte Luft.
Keine Eile.
Nur die Spur.
Nur die Aufgabe.
Ein leises Zeichen vom anderen Ende des Waldes – ein kurzer, gedämpfter Ton, der nur bedeutet: Jetzt.
Der Hirsch bricht durchs Unterholz.
Oscar hebt die Waffe, nicht hastig, sondern wie jemand, der gelernt hat,
dass Ruhe mehr tötet als Geschwindigkeit.
Ein Schuss.
Sauber.
Der Körper des Tieres sackt in sich zusammen.
Der Mann mit dem netten Lächeln tritt wenig später aus den Bäumen,
vergräbt die Hände in den Hosentaschen und betrachtet das Resultat mit der Gelassenheit eines Menschen,
der einfach nur froh ist, dass etwas funktioniert hat.
Er sagt etwas – kurz, beinahe beiläufig.
Oscar versteht die Geste, nicht die Worte.
Er braucht sie auch nicht.
Gemeinsam ziehen sie den Hirsch zu einer Stelle, an der die Äste tief genug hängen, um ihn aufzuhängen.
Der Mann arbeitet zügig und routiniert. Oscar langsamer, aber konzentriert.
Zweimal greift der Mann wortlos ein, stützt, hält, korrigiert.
Nicht bevormundend.
Nicht wertend.
Einfach… hilfreich.
Als das Fleisch schließlich über dem leichten Rauch hängt, sitzt der Mann mit dem netten Lächeln auf einem umgestürzten Stamm.
Oscar steht.
Er kaut auf einem Stück getrocknetem Fleisch aus seinem eigenen Vorrat.
Der andere sieht kurz zu ihm hoch, lächelt.
Dieses leise, warme Lächeln, das Oscar inzwischen zuordnen kann:
Zufriedenheit.
Vertrauen.
keine Forderung.
Nur Ruhe.
Und ein stilles: Wir könnten das öfter machen.
Oscar antwortet mit Stille.
Der Mann akzeptiert es - wie immer.