Von Herzen – Briefe aus Chernarus 1.30
I. Eine Woche nach dem Wipe (15.10.2026-23.10.2026)
Mein lieber Freund,
nun ich hoffe, es geht dir gut und du hast einen sicheren Platz für die Nacht gefunden. Ja ich weiß… ich hatte gesagt ich wollte nicht mehr viel schreiben und ich bleibe auch dabei. Meine Berichte sind erstmal Geschichte, zu viele Dinge verlangen gerade gleichzeitig meine Aufmerksamkeit. Dennoch geht mir einiges im Kopf rum, was ich unbedingt irgendwie loswerden muss. Gerade deshalb wollte ich dir schreiben. Bei all diesen Menschen, die kommen und gehen, bleibt manches ungesagt, und seit der letzten Season denke ich häufiger daran, wie schnell aus einem aufgeschobenen Gespräch eines werden kann, das man gar nicht mehr führt.
Ehrlich gesagt: Ich weiß nicht genau, wo ich anfangen soll.
Hier ein kleiner Zwischenstand: Ob du es glaubst oder nicht, eine Woche nach dem WIPE-Day ist hier in Prigorodki inzwischen wieder so etwas wie Alltag eingekehrt, sofern man den Aufbau, die Motorradunfälle und die regelmäßige Frage nach dem Verbleib unserer Vorräte als solchen bezeichnen möchte. Aber ich muss sagen… es ist seltsam ohne die anderen. Es fühlt sich komisch an. WhiskeyMixer, dakel, Jannnik, Blitzo, dreizehnzwoelf und X_Brummi_Xversuchen nun ihr Glück in Nasdara, und manchmal ertappe ich mich noch dabei, dass ich ganz selbstverständlich damit rechne, einer von ihnen könnte gleich hier auftauchen. Natürlich hat man noch per Funk Kontakt, aber man merkt deutlich, dass ihr neues Umfeld sie ganz und gar in Beschlag nimmt.
Mittlerweile gibt es Neuigkeiten: Uns erreichen Geschichten aus der heißen Wüste, von neuen Bekanntschaften und einem Leben, bei dem offenbar selbst die kleinste Verschnaufpause hart erkämpft werden muss. Erste Kontakte zu VCU und BBS aus dem anderen Chernarus soll es geben und sogar aus anfänglichen Gefechten mit DOT ist so etwas wie ein kameradschaftlicher Austausch geworden.
Tja…Was man hört, klingt aufregend, aber auch verdammt anstrengend…. Viel Gelegenheit, sich gemütlich einzurichten und das eigene Werk zu bewundern, scheint ihnen niemand einzuräumen.
Ebenfalls erwähnenswert: Auch die „Überbleibsel“ von CHAOS um Davus sind dort unterwegs; von Mora hört man ebenfalls, gerüchteweise auch von Greeny_29, und Teile von RAC sollen es ebenso in die Wüste geschafft haben. Man könnte beinahe meinen, jemand hätte einen beträchtlichen Teil unserer vertrauten Unruhe eingesammelt und nach Nasdara verfrachtet…. Tja willkommen in den „Badlands“. Sie machen ihrem Namen wohl alle Ehre. Aber: Sie fehlen mir. Selbst das Durcheinander, das sie zuverlässig mitbrachten, fehlt mir manchmal, auch wenn ich das vermutlich bereuen werde, sobald sie wieder vor mir stehen…
Und doch: ich gönne ihnen, dass sie dort ihre Wege gehen und etwas Eigenes aufbauen. Wir können schließlich schlecht jedem erzählen, er solle sein Glück suchen, und ihn dann am Ärmel festhalten, sobald er dann tatsächlich einmal loszieht. Außerdem bin ich überzeugt, dass sie irgendwann zurückkommen werden. Vielleicht nur auf einen Besuch, vielleicht mit neuen Plänen, ganz sicher aber mit reichlich Geschichten und vermutlich auch Sprengstoff…
Chernarus wird sich noch wundern. Bis dahin sollten sich die Leute hier besser ordentlich vorbereiten. Wenn unsere Wüstenurlauber schon jetzt unter solchem Druck lernen müssen, möchte ich nicht wissen, welche Gewohnheiten sie von dort mitbringen.
Häufig geht mir das durch den Kopf. Ich hab es die letzten Tage oft gesagt: DeerIsle, unser Chernarus und das der anderen waren noch nie so eng verbunden, wie in diesen Tagen. Und ich freue mich sehr darüber! Es gibt so viel, was wir gerade voneinander lernen. Allen voran natürlich: Geduld.
Ich meine das mit der Geduld übrigens ernst: Die brauchen wir gerade reichlich, denn der Sturm hat einiges durcheinandergewirbelt.
Nun aber wieder der Reihe nach. Mein eigener Neuanfang verlief übrigens zunächst ausgesprochen vertraut: Ich fand mich in Berezhki wieder. Ja… ausgerechnet Berezhki. Wenn ich nach Prigorodki möchte, legt Chernarus offenbar Wert darauf, dass ich mir vorher noch einmal die gesamte Küste ansehe. Von Norden bis Süden. Also nichts wie los… In Svetlojarsk fand ich ein Motorrad und sogar eine passende Zündkerze, was mich für einen kurzen, leichtsinnigen Moment glauben ließ, diesmal könnte etwas unkompliziert werden. Anschließend fehlte mir ein Gefäß für Benzin, und die Welt war wieder in Ordnung.
Am Ende klappte es doch. Irgendwann bekam ich die Maschine tatsächlich zum Laufen, und dann saß ich zum ersten Mal auf einem Motorrad, fuhr die Küste hinunter und wusste vor lauter Freude kaum, wohin mit mir. Der Wind, die Straße, endlich wieder vorankommen, ohne jeden einzelnen Schritt selbst machen zu müssen…. es war herrlich! Lediglich Pinkys Warnung, diese Dinger seien fahrende Todesfallen, begleitete mich so hartnäckig, als hätte er persönlich hinter mir auf dem Sitz Platz genommen.
Chernarus hatte aber noch eine Überraschung für mich: In Solnichniy stand dann ein roter Gunter bei der Klinik.
Hier musste ich lange überlegen, aber du ahnst vermutlich, wie diese Entscheidung ausging… Meine Abenteuerlust ist durchaus vorhanden und ich liebe die Motorräder, aber ich musste auch an die Samariter denken und ein Auto war einfach unentbehrlich in diesen Zeiten, wenn es um den Transport von Hilfsgütern ging. Und du weißt ja… der rote Gunter ist für mich seit jeher etwas Besonderes. Das Motorrad fand später einen anderen Fahrer, ich glaube es war ein Besucher aus dem anderen Chernarus, während ich weiter nach Süden fuhr, dorthin, wo aus ein paar Unterständen und ziemlich viel Arbeit wieder unser Zuhause werden sollte.
Tatkräftige Hilfe gab es auch. Khoal23 von den Dead Rabbits aus dem anderen Chernarus hatte daran übrigens von Anfang an einen erheblichen Anteil. Ich weiß nicht, wie dieser Mann es anstellt, aber während andere noch nach einem brauchbaren Messer suchen, scheint er bereits Zelte aus dem Boden zu ziehen. Dank seiner Spenden standen schon am ersten Tag zwei davon neben unseren beiden Unterständen, und plötzlich sah Prigorodki wieder nach einem Ort aus, an dem man bleiben wollte.
Verlass war auf unsere Leute. janinesta (Selina) und Pinky packten mit an, Jammet und s-tlk besorgten Material, und SebastianThe1st. schaute ebenfalls vorbei. Ja wirklich.. du kennst unseren Basti doch noch? Den Feuerwehrmann, der vor einigen Seasons „Last Hope“ betreut hatte und dann weitergezogen war? Genau der.
Ohne Fleiß kein Camp...Wir bauten also, schleppten und räumten, suchten zwischendurch etwas zu essen und machten das beste aus der Situation. Aber man merkte schon: Die Stimmung war… merkwürdig. Viele Fremde Gesichter, nicht jedes davon freundlich gesinnt… bei Kamyshovo grüßte ich ein Bambi, dass dann auf mich einprügelte, aber so leicht ließ ich mich nicht beirren und stand am Ende als Siegerin über ihm… ein seltsames Gefühl, aber ich habe vermutlich in der letzten Season einiges dazugelernt, was die Selbstverteidigung angeht.
Richtig schön in Erinnerung geblieben ist mir aber .chantal2000. Ich traf sie an diesem ersten Tag mehrfach als Bambi an der Küste, und sie sprach mich an, ohne überhaupt zu wissen, wer ich war. Später erzählte sie stolz davon, dass sie sich endlich getraut hatte, einen fremden Menschen anzusprechen. Und ich muss sagen… wie sie so überzeugt von dieser Sache erzählte, sah sie sogar noch ein Stück besser aus als sonst.
Bei solchen Begegnungen geht mir das Herz auf. Es war so schön mitzuerleben, wie jemand ein kleines Stück mutiger wurde.
Langweilig wurde es jedenfalls nicht. Am Abend kamen DarkG und Timo dazu, zwei Neuankömmlinge mit ausgesprochen unterschiedlichem Temperament. Timo suchte nach längerer Abwesenheit wieder Anschluss und fand ihn bei Vinaheal (Sophie) und Ali-Alex, während DarkG genug Übermut für mehrere Reisende mitbrachte. Dass Khoal23 und ich ihm nach einem Motorradunfall helfen mussten, dürfte Pinkys Ansicht über diese Fahrzeuge kaum erschüttert haben. Und das, obwohl ich erst abgelehnt hatte, für ihn Taxi zu spielen. Ich hatte genug am Camp zu tun und er kam hierher und dachte das sei selbstverständlich… war es nicht. Trotzdem halfen wir am Ende.
Arbeit gab es also genug. Überhaupt waren wir mit der Versorgung verunglückter Motorradfahrer recht bald beschäftigt. Ich möchte diese neue Form der Fortbewegung wirklich nicht schlechtreden, aber sie scheint ein bemerkenswert zuverlässiges Verfahren zu sein, uns Samariter kennenzulernen.
Chaos hatten wir allerdings nicht nur auf den Straßen.
Mit Maurice, janinesta (Selina) s ehemaligem Kollegen, hatten wir ebenfalls alle Hände voll zu tun. „Waffe weg, Maurice!“ wurde ziemlich schnell zu einem dieser Sätze, die man häufiger sagt, als einem lieb ist. Ihm saß offenbar der Schalk im Nacken, allerdings hätte ich es begrüßt, wenn er sich dafür etwas anderes ausgesucht hätte, als am Camp herumzuschießen und dabei auch auf Menschen anzulegen. Wir mussten ihn jedenfalls mehrfach daran erinnern, dass seine Waffe dort eingesteckt bleiben sollte. Irgendwann stellte sich dann auch noch heraus, dass er Menschenfleisch gegessen hatte. Wie genau es dazu gekommen war, wusste nicht einmal er selbst, aber die Folgen waren leider unüberhörbar. Am Ende erlöste Selina ihren ehemaligen Kollegen mit seinem ausdrücklichen Einverständnis von seinem Leiden. Eine einvernehmliche „Hinrichtung“… auch etwas, von dem ich früher nicht gedacht hätte, dass es einmal zu unserem Alltag gehören würde. Immerhin schien diese reichlich endgültige Behandlung bei ihm zu wirken, während wir bei Nr. 371 damals bekanntlich weniger Erfolg damit gehabt hatten. Ich hätte trotzdem gerne irgendwann einen Tag, an dem „Waffe weg, Maurice!“ unsere größte Sorge bleibt.
Klein anzufangen nahmen sich immerhin manche vor. Auch andernorts wurde wieder aufgebaut. Der Bert kümmert sich in Solnichniy um sein Camp. „Green Rooster“, und der Hahn als Markenzeichen lässt mich jedes Mal schmunzeln. Ein bisschen Chicks bleibt eben doch an einem hängen… und damit meine ich nicht nur die Größe seines Camps. Wobei er beharrte „Nein Herz. Diese Season baue ich klein…“ Naja wir werden sehen.
lioncast von den Dead Rabbits war ebenfalls auf dem Motorrad unterwegs, still und bestens ausgerüstet, und schaute auch bei ihm und bei uns vorbei.
Immerhin gab es auch Vertrautes: Rio ließ sich mit einer Wolfsarmbinde wieder blicken, Vezir und ich trieben unsere Späße am Camp und janinesta (Selina) und Pinky machten einen gelben Sarka flott, der selbstverständlich wieder “PISSI“ heißt… ja frag nicht. Es schien ihnen wichtig zu sein. Sehr zum Leidwesen von Jammet. Noch immer. Aber es tut gut, dass gewisse Dinge selbst die gründlichsten Stürme überstehen.
Schritt für Schritt ging es voran. Unsere Leitstelle nahm unterdessen langsam Form an. Ich hatte neben meinem roten Gunter noch einen schwarzen fahrbereit gemacht, und die Jungs bekamen einen grünen Sarka gesponsert. Wie sie alle hießen? Der schwarze Gunter war „HELMUT“ und natürlich hatte Selina auch wieder einen „HERBERT“.
Tja, diese Namen… Wir Menschen machen den Autos nichts vor. Am dritten Tag lernte ich Jinny und Jimmy ( Monkey the Ruff) kennen. Ja, wirklich…. so heißen sie. Mit einem dritten Begleiter waren sie aus dem anderen Chernarus zu uns gekommen und wollten nun hierbleiben und sich eine neue Bleibe errichten. Jinny brauchte eine Zündkerze für einen roten Gunter, den sie an einer Tankstelle gefunden hatten und ich hatte tatsächlich eine bei mir, allerdings war die bereits Khoal versprochen, als Dank für seine Spenden und weitere Dinge, die er uns noch bringen wollte. Erst später sollte ich erfahren, dass sie bereits im Norden in Schießereien geraten waren und wohl ziemlich unfreundliche Nachbarn hatten.
Selbstverständlich half ich ihnen und sie bekam zunächst diese Kerze, und Khoal23 erhielt später meine eigene.
Ich wollte schließlich Wort halten. Ein Versprechen sollte schließlich auch dann noch gelten, wenn zwischenzeitlich jemand anderes freundlich fragt. Außerdem hatte Khoal23 inzwischen so viel für unser Camp getan, dass ich ihn schlecht mit einem bedauernden Schulterzucken neben seinem nicht fahrbereiten Motorrad stehen lassen konnte. Später sicherte er sich sogar noch einen Humvee und hatte wohl die Zeit seines Lebens… Aber auch er vermisste sein Chernarus und ich verstand ihn. Zu unterschiedlich waren unsere Welten, zu anders unsere Gewohnheiten. Aber es waren solche Begegnungen, die mir das Gefühl gaben, dass dieser Anfang gelingen konnte. Dann kam wieder eine jener Nächte, in denen wir daran erinnert wurden, wie wenig es manchmal braucht, um alles zu verändern. Am Ende überließ er DarkG den Humvee, der ihn dann im Westen nahe dem Militärcheckpoint bei "Last Hope" verunfallt stehen ließ.
Es wurde anschließend wieder ernst. janinesta (Selina) und ich arbeiteten an der Leitstelle, als vom Camp her Schüsse fielen. Sie gab mir Deckung, während ich beobachtete, und ich sah noch einen blauen Ada davonfahren. Zurück blieben zwei Leichen am Camp.
Sicher war leider längst nicht alles. Nach dem, was wir herausbekamen, hatte ein ausgerüsteter Mann ein kaum ausgestattetes Bambi erschossen und war anschließend selbst getötet worden, offenbar von dem Fahrer des Ada. So zumindest die Vermutung, denn die Position der Leichen deutete dies an. Im Inventar des ausgerüsteten Mannes lag eine pinke Armbinde; viel mehr ließ sich daraus zunächst nicht ableiten. Außerdem wussten wir nicht, wem diese Farben gehörte. Der Kirche von Morthana bestimmt nicht und auch die Schutztruppe hatte sich aufgelöst.
Ich wollte trotzdem nicht ewig darüber grübeln.
Nun blieb uns nur, uns um die beiden zu kümmern. Wir beerdigten die beiden und sicherten, was an Ausrüstung zurückgeblieben war. Als das Auto später wieder auftauchte, blieb ich auf Abstand und beobachtete weiter. Ich hatte wenig Bedürfnis, mich ohne ein klareres Bild mitten in diese Geschichte zu stellen.
Damit war es allerdings noch nicht vorbei. Auch um ASSAULTxHDx herum wurde es unruhig. Eine ominöse Gruppierung namens "Blacklist" hatte ihn und seine Freunde geraidet, und was man über die zerschossenen Reifen und die mutwillig zerstörten Dinge hörte, machte mich wütend. Es ist bitter genug, ausgeraubt zu werden; anschließend noch möglichst viel unbrauchbar zu machen, damit der andere auch ja nichts mehr davon hat, ist eine Gemeinheit, für die mir jedes Verständnis fehlt.
Unübersichtlich war schon die Vorgeschichte; zuvor waren bereits Anschuldigungen durch den Funk gegangen, seit die Gruppe um Tomi (TomGuuner) und AJSmalls187 herausfinden wollte, wer ihre Leute angegriffen hatte. Vinaheal (Sophie) sollte angeblich einen Namen verraten haben, was sie nach allem, was wir erfuhren, gar nicht getan hatte. Es sei wohl ASSAULTxHDx gewesen, der Tomi (TomGuuner) vom Motorrad geschossen hatte und einen roten Sarka entwendet oder geschrottet hatte. So genau konnte ich das nicht ausmachen. Aber er schwor als Sprachrohr der „Blacklist“ jedem aus unserem Chernarus den Krieg. Das machte mich fassungslos. Wie konnte man so leichtfertig alle Leute vorverurteilen? Kein Wunder, dass das bei der Gruppe um @Assault bestehend aus Nelli_3011, Cypress, Supdude und T.S.Clown auf wenig Begeisterung stieß. Man hielt das für ganz schön vermessen.
Noch einer steckte mittendrin: Timothy aus dieser Gruppierung stand ebenfalls knietief in diesem Durcheinander und wollte sich von "Blacklist" abwenden und zog teilweise mit Kallele oder anderen aus unserem Funkkanal durch die Gegend.
Trotz allem gab es auch noch etwas zu schmunzeln: ASSAULTxHDx brachte mir im Laufe der Woche auch einen taktischen Rucksack, einen blauen AN-Helm sowie ein Nachtsichtgerät und deutete bei der Gelegenheit grinsend an, er könne ja wieder „Baumstämme“ zur Wiedergutmachung schleppen, falls er irgendwann erneut Unsinn am Camp anstelle. Ich erklärte ihm, dass sich auf diese Weise leider kein Vorrat an Vergebung anlegen lässt, auch wenn wir uns über freundschaftliche Geschenke selbstverständlich freuen.
Ein Besuch sorgte dann wieder für Abwechslung. Heute kamen er und Nelli_3011 ausgesprochen gut gelaunt im grünen Ada vorbei und präsentierten stolz eine Piratenfahne. Ob da bereits eine Rückeroberung stattgefunden hatte, kann ich dir nicht sicher sagen; ich war nicht dabei, und ihre gute Laune allein ist noch kein vollständiger Einsatzbericht. Der „Nellynator“ jedenfalls war wohlauf und gut gelaunt, was nach ihrem praktischen Unterricht im Minenentschärfen bei Cypress durchaus schon eine Besonderheit ist. Soweit ich hörte, war die Lektion ausgesprochen… eindrücklich gewesen. Ich hoffe nur, sie hält bei der nächsten Mine wirklich einen vernünftigen Abstand ein.
Ruhiger wurde es leider auch danach nicht. Schließlich erreichten uns die Nachrichten aus Tishina.
Und nun fehlen mir beinahe die Worte. Ich habe lange überlegt, wie ich dir davon schreiben soll, weil ich merke, dass mir schon beim Gedanken daran die Hand schwerer wird.
Neuanfänge sollten doch eigentlich Hoffnung machen. Cable98 , unser Tom, kümmert sich dort wieder als Bürgermeister um das Dorf, und Pinky, janinesta (Selina) und unser zurückgekehrter Brite Crippsy77 waren hinaufgefahren, um beim Aufbau zu helfen. Sie wollten Material bringen, mit anpacken und dazu beitragen, dass dort wieder Menschen zusammenkommen konnten.
So schnell kann das alles zerbrechen. Am Brunnen bedrohten zwei Fremde Pinky mit ihren Waffen. Er hob die Hände, wollte reden und sie erschossen ihn trotzdem. Einfach so.
Hände oben, tot. Als ich das erfuhr, musste ich an dieser Stelle immer wieder hängen bleiben. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie er dort stand, mit leeren Händen über dem Kopf, und merkte zugleich, wie sich ein anderes Bild dazwischenschob, eines, von dem ich geglaubt hatte, es inzwischen weit genug hinter mir gelassen zu haben.
Alter Freund, du weißt, was mir damals in Tishina geschehen ist. Die Wolfgang-Gang, die Wolfsmaske, dieses Heulen, das ich noch lange danach im Schlaf hörte. Ich erinnere mich an die Axt und an den Moment, in dem ich begriff, dass ich nichts mehr tun konnte. Danach kam die Gefangenschaft, und aus ihr wurde schließlich all das, was heute den Namen „Operation: Herzblut“ trägt...
Längst hatte ich gehofft, das all das hinter mir lag. Doch als ich nun von Pinky hörte, war diese alte Hilflosigkeit wieder da, so unvermittelt, dass ich mich beinahe dafür schämte. Er war derjenige gewesen, der dort am Brunnen gestanden hatte, und trotzdem saß ich hier und musste mich erst vergewissern, dass ich frei war, dass ich aufstehen und hinausgehen konnte.
Tja…ich weiß, dass es andere Menschen waren und ein anderer Tag. Wer die beiden Täter sind, wissen wir nicht, und ich werde ihnen keine Namen geben, nur weil die Gerüchteküche bereits genug davon bereithält. Aber das Gefühl, das ihre Tat in mir hinterlassen hat, kenne ich nur zu gut.
Er hatte die Hände gehoben; Pinky hatte ihnen gezeigt, dass er sich nicht wehren würde, und sie hatten trotzdem abgedrückt. In unserem Community-Dorf.
Ich empfinde dafür eine tiefe Verachtung. Wer einen Menschen in dieser Lage erschießt, trifft diese Entscheidung ganz bewusst, und ich bin es leid, nach Erklärungen suchen zu sollen, die sie irgendwie erträglicher machen.
Tapfer versuchte janinesta (Selina) unseren todesmutigen Crippsy77 in Sicherheit zu lotsen, aber unser heißblütiger Brite dachte nicht daran und wollte sich wehren. Er wurde ebenfalls getötet. janinesta (Selina) gelang es wenigstens noch, das Auto zu retten. Ich bin so erleichtert, dass sie entkam, und zugleich tut es mir weh, daran zu denken, was sie dort mit ansehen oder im Funk musste.
Dann, ein oder zwei Tage später, war auch noch das Community-Dorf, das sich im Aufbau befand, verwüstet worden. Vandalismus. Zerstörte Unterstände. Nur das Militärzelt blieb noch stehen. Und wieder gab es Namen im Funk, aber ich schüttelte den Kopf. Es war zu früh, um mit dem Finger auf andere zu zeigen.
Ich weiß nicht…vielleicht ist es das, was mich neben der Sorge um unsere Leute so sehr aufwühlt: dass Cable98 dort gerade versucht, etwas aufzubauen, das andere mitbenutzen dürfen, und nun wieder vor den Trümmern dieser Arbeit stand. Ich kenne diese Müdigkeit, wenn man aufhebt und einsammelt und dabei überlegt, wie oft man das wohl noch tun kann.
Ein Teil von mir wollte sofort nach Norden. Ein anderer hätte den Namen Tishina an diesem Abend am liebsten gar nicht mehr gehört. Es fällt mir schwer, dir das zu gestehen, aber so war es nunmal…
Aber dann trat Sueda wieder auf den Plan. Unser Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 machte sich schließlich auf den Weg. Ihre geplante Abreise ins andere Chernarus musste ohnehin warten, weil der Sturm dort noch immer alles durcheinandergebracht hatte. Also zog Sueda nach Tishina, brachte ein mittelgroßes Zelt mit und half Cable beim Wiederaufbau.
Und ich war ihr sehr dankbar dafür, auch wenn sie sich vermutlich jede allzu herzliche Bemerkung mit einem schiefen Blick und einem Hinweis auf ihre Ersetzbarkeit verbeten hätte. Sie fuhr hin und packte an, während ich hier noch versuchte, meine Gedanken zu ordnen.
Gedenken ordnen… ja. Wer Pinky und Crippsy77 erschossen hat, bleibt offen. Ich hoffe, dass wir es erfahren. Bis dahin werde ich mich an das halten, was wir wissen, auch wenn mir das Schweigen über manche Vermutung gerade schwerfällt.
Erstmal ging hier in Prigorodki die Arbeit weiter, und gegen Ende dieser ersten Woche fuhren Selina und eine Sanitäterin in Blau zu Assault, um gegen ein paar Packungen Nägel ein Partyzelt, einen Vorschlaghammer, ein Wagenzelt und eine Refuge-Fahne abzuholen.
Nun inzwischen ist die Leitstelle aufgebaut, der Fahnenmast steht, und über unserem Camp weht wieder die vertraute REFUGE-Fahne. Wenn ich von der Straße her zurückkomme und sie sehe, bin ich jedes Mal ein wenig erleichtert.
Oh ja, wir sind noch da, mein lieber Freund, auch wenn ich nach dieser Woche müder bin, als ich es nach sieben Tagen eigentlich sein möchte. Trotzdem geht es mir gut und ich merke, dass es mich unheimlich entspannt, nicht immer überall mitten im Geschehen sein zu müssen. Manche mögen diesen Rückzug vielleicht persönlich nehmen, aber ich benötige einfach etwas Abstand von den ganzen Stimmen.
So wie ich es sehe, tut das nicht nur mir gut, sondern auch den anderen. Jeder packt mit an und nicht alles hängt daran, dass einer beginnt und die Verantwortung verteilt.
Freiwillige Helfer wie Khoal23 und Rio brachten Zelte und Nägel, die anderen schleppten Material heran, .chantal2000 fand ihren Mut, Der Freundliche Vagabund grüßte mich in Prigorodki und irgendwo in Tishina baut Cable98 mit Suedas Hilfe weiter. Daran halte ich mich gerade fest.
Freund, ich hoffe, du kommst irgendwann wieder an unserem Feuer vorbei. Ich habe dir ja gesagt, dass immer ein Platz für dich frei sein wird. Dann erzählst du mir afu deine Art, wie es dir ergangen ist, und ich werde versuchen, einmal eine Weile zuzuhören, ohne zwischendurch aufzustehen, weil noch irgendetwas dringend ins richtige Zelt geräumt werden muss oder jemand sich ein Bein gebrochen hat…
Erm.. ja. Versprechen möchte ich allerdings nur das Zuhören. Bei den Notrufen kenne ich mich inzwischen zu gut... Ich springe vermutlich sofort. Noch immer.
Nun denn: Pass auf dich auf, mein Freund. Wo immer du bist und denk an uns, wenn du kannst.
Von Herzen
gez. Herz-Aus-Gold/Cor Auri 💛