PRAECEPTA CHERNARUSSIAE - Unterweisungen aus Chernarus

  • Kapitel 1: Mordax

    I. QUI GLADIO FERIT, GLADIO PERIT.

    Küste.

    Wasser. Steine. Möwen.

    Chernogorsk in der Ferne.

    Schon wieder.

    Mordax lag eine Weile im Sand und betrachtete den Himmel.

    Grau.

    Nicht hässlich.

    Grau konnte schön sein.

    Warum dieser Gedanke wichtig war, konnte Mordax nicht sagen.

    Steh auf! Ein Waffe. Du brauchst eine Waffe.

    Warum? Keine Ahnung.

    Aber los ging die Reise.


    Später fielen Schüsse.

    Nicht ungewöhnlich für Chernogorsk.

    Mordax blieb stehen und lauschte.

    Kopf leicht schief.

    Einer.

    Noch einer.

    Pausen dazwischen.

    Die ersten Schüsse galten niemandem. Einfach Lärm. Vielleicht Übermut. Vielleicht Langeweile. Menschen machten Lärm aus erstaunlich vielen Gründen.

    Dann antwortete jemand.

    Der Klang änderte sich.

    Jetzt schoss jemand auf jemanden. Knochen knackten. Blut floss.

    Mordax folgte den Geräuschen, dem Geruch.

    Nicht hastig, beobachtend.

    Sah Bewegung zwischen den Häusern. Sah einen Mann. Sah eine Waffe. Eine Tür, die sich gerade schließen wollte. Ein Knie.

    Mordax hob die eigene.

    Schoss.

    Traf.

    Stille.

    Hrrr.

    Da war dieser Gedanke.

    Ganz plötzlich.

    So selbstverständlich, dass Mordax nicht wusste, ob er gerade erst gedacht oder einfach intuitiv gewusst worden war.

    "Wer das Schwert erhebt, wird durch das Schwert umkommen."

    Mordax blieb erst noch eine Weile stehen... und verschwand dann im Wald.


    Später fand Mordax Papier, setzte sich auf den Boden, den Rücken gegen eine Wand, und schrieb den Satz ersten auf.

    Nicht auf Deutsch. Warum nicht?

    Keine Ahnung. Aber... Latein. Latein gefiel Mordax.

    Die Buchstaben waren klar. Hart. Alt. QUI GLADIO FERIT, GLADIO PERIT.

    Mordax betrachtete die Worte.

    Etwas fehlte.

    Den Stift wieder in die Hand.

    Eine Linie.

    Noch eine.

    Einen Rahmen darum.

    Schwarz. Grün.

    Rot.... Das Zielfernrohr.

    Die Stelle, von der der Schuss erfolgt war.

    Die Stelle, an der der andere gestanden hatte. Das Knie des anderen.

    Dann, fast ohne darüber nachzudenken, einen Wolf.

    Zähne. Ein Biss.
    Eine Stadt... Novodimitrovsk? Warum? Keine Ahnung. Und eine Hafenstadt. Interessant.
    Und Wald. Natürlich.


    001-QUI%20GLADIO%20FERIT%20GLADIO%20PERIT.png

    Schön.

    Nicht schön im gewöhnlichen Sinne.

    Aber irgendwie doch...schön.

    Mordax mochte schöne Dinge.

    Formen. Symmetrie. Bilder, bei denen nichts zufällig an seinem Platz zu sein schien. Den Kontrast von Schwarz und Grün. Die feinen roten Linien eines Fadenkreuzes.

    Warum? Keine Ahnung... Man muss nicht alles wissen.

    Mordax betrachtete das fertige Blatt lange. Dann strich der Daumen über die drei kleinen Kratzer, die zuletzt ihren Weg auf das Bild gefunden hatten. Klauen.

    Rrrh.

    Gut.

    Das erste Emblem.

    Die Hände falteten es sorgfältig zusammen.

    Die Reise geht weiter.


    Danach kamen andere Menschen.

    Andere Orte, andere Fehler.

    Und manchmal blieb am Ende einer Begegnung ein Satz zurück.

    Mordax begann, sie zu sammeln.

    Nicht als Regeln.

    Regeln wurden von Menschen geschrieben, die glaubten, andere Menschen würden sich daran halten.

    Hrrm.

    Nein.

    Es waren Beobachtungen. Lektionen. Unterweisungen... PRAECEPTA.

    Dinge, die sich wiederholten.

    Menschen logen.

    Menschen nahmen, was ihnen nicht gehörte.

    Menschen waren mutig, wenn sie sich sicher fühlten.

    Und sie wurden erstaunlich schnell, wenn sie es plötzlich nicht mehr waren.

    Zu manchen Beobachtungen zeichnete Mordax ein Emblem.

    Zu anderen nicht.

    Manchmal erschien der Wolf, manchmal nicht.

    Aber immer wurden die Linien sorgfältig gezogen.

    Immer musste das Bild stimmen.

    Das war wichtig.

    Warum? Keine Ahnung.


    Irgendwann würde jemand die Blättersammlung finden.

    Vielleicht würde jemand versuchen, darin eine Botschaft zu erkennen.

    Vielleicht würden Menschen darüber reden, wer sie gezeichnet hatte. Warum. Was dieser Jemand wollte. Ob er gut war oder böse, Freund oder Feind, Beschützer oder Gefahr.

    Mordax stellte sich diese Menschen vor.

    Redend.

    Urteilend.

    Sehr überzeugt von ihren Urteilen.

    Die Mundwinkel bewegten sich kaum merklich.

    Hrrrh.

    Der Griff nach einem neuen Bogen Papier.

    Die hand zeichnete wieder einen Wolf. Darunter die Buchstaben: NUM LUPUS CURAT QUID OVES DE EO SENTIANT?

    Das Blatt muss ganz nach oben.

    Floskel.png

    ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
    "So you can throw me to the wolves
    Tomorrow I will come back, leader of the whole pack
    Beat me black and blue
    Every wound will shape me, every scar will build my throne"
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    20 Mal editiert, zuletzt von Mordax (6. September 2026 um 12:35)

  • II. CANES PERCUSSI LATRANT

    Etwas zog Mordax fort von der Stadt.

    Hinaus zwischen Hallen, Schornsteine und rostendes Metall.

    Weiter.

    Immer weiter.

    Bis zu einem Camp.

    Eine Fahne bewegte sich im Wind.

    REFUGE.

    Mordax blieb stehen.

    Die Camps waren bekannt.

    Vertraut.

    Und doch irgendwie...fremd.

    Ein Schritt auf den Eingang zu.

    Stillstand.

    Nein.

    Hier war kein Platz.

    Warum? Keine Ahnung.

    Bilder.

    Ein LKW.

    Ein Mann mit einer Schweinemaske.

    Keine Worte.

    Nur Blicke.

    Stille.

    Hrrm.

    Weg damit!


    Bewegung zwischen den Zelten.

    Ein Fremder.

    Von Zelt zu Zelt. Suchend. Wühlend. Verdorbener Kürbis auf der Straße.

    Mordax beobachtete.

    Es ist noch okay.

    Warum? Keine Ahnung.

    Der Fremde fand Essen.

    Aß.

    Gut.

    Dann Blut.

    Ein Beutel verschwand aus dem Zelt.

    Die Nadel stach.

    Blut floss.

    Mordax sah zu.

    Noch ein Griff ins Zelt.

    Noch etwas.

    Und noch etwas.

    Die Finger begannen mitzuzählen.

    Eins.

    Zwei.

    Drei.

    ...

    Hrrm.

    Etwas stimmte nicht.

    Etwas passte nicht.

    Erst danach kam der Test. Blutgruppe bestimmen.

    Mordax betrachtete die leere Stelle, an der vorher der Blutbeutel gelegen hatte.

    Zu spät.

    Oder?

    Ahnungslosigkeit?

    Gier?

    Vielleicht beides.

    Schieß!

    Der Gedanke war plötzlich da.

    Klar.

    Einfach.

    Mordax blieb stehen, tat nichts.

    Beobachtete nur weiter.

    Aufmerksam.


    Ein Kran ragte über das Industriegebiet.

    Hoch.

    Sehr hoch.

    Gut!

    Metall unter den Händen. Sprosse um Sprosse. Der Wind wurde stärker.

    Oben war die Welt übersichtlicher, beinahe... ordentlicher.

    Das Camp lag unter Mordax wie eine Zeichnung.

    Zelte.

    Wege.

    Zäune.

    Alles an seinem Platz.

    Geradezu...schön.

    Rrrh.

    Der Fremde war noch da.

    Und aß.

    ...

    Aß.

    ...

    Und aß.

    Grrm.

    Bilder kamen.

    Ein Bambi.

    Tabletten.

    Eine.

    Noch eine.

    Noch eine.

    Hände, die nahmen.

    Leere Unterstände.

    Nichts für den Nächsten.

    Hämisches Lachen. Es schwoll an.

    Der Wind pfiff durch das Metall des Krans.

    Ein Ächzen und Stöhnen.

    Die Finger schlossen sich fester darum.

    Grrr.


    Der Fremde streifte weiter durch das Camp.

    Dann blieb die Bewegung stehen.

    Am Turm.

    Eine Hand hob sich.

    Ein Zahlenschloss.

    Finger auf den Rädchen.

    Eine Zahl.

    Die nächste.

    Noch eine.

    Mordax sah hinunter.

    Nicht das eigene Revier.

    Nicht der eigene Bau.

    Nicht das eigene Schloss.

    Also?

    ...

    Der Blick wanderte über das Camp.

    Die Fahne.

    Die Zelte.

    Die leeren Stellen. Die verfaulten Kürbisse auf der Straße.

    Zurück zum Schloss.

    Eine Zahl weiter.

    Grrr.

    Nein.

    Das passte nicht.

    Das ganze Bild hatte gestimmt.

    Nicht perfekt, aber....ausreichend.

    Jetzt nicht mehr.

    Jetzt war da etwas darin, das nicht dorthin gehörte.

    Das Bild war ...

    hässlich.


    Die Waffe fand die Hand.

    Das Zielfernrohr das Ziel.

    Einatmen.

    Ausatmen.

    Ein Schuss.

    Daneben.

    Absichtlich.

    Eine Warnung.

    Lauf´.

    Der Fremde zuckte.

    Blieb.

    Lauf!

    Keine Bewegung.

    Keine Flucht.

    Stattdessen wieder der Blick zum Schloss.

    Grrr.

    Noch ein Schuss.

    Keine Warnung mehr.

    Stille.


    Später.

    Offener Kommunikationskanal.

    Mordax las.

    Jemand bedankte sich.

    Für den Tod am Camp.

    Die Worte waren höflich.

    Fast.

    Die Ironie darunter weniger.

    Mordax las die Zeilen noch einmal.

    Frust.

    Unglaube.

    Überraschung.

    Der Kopf neigte sich ein wenig zur Seite.

    Die Mundwinkel bewegten sich.

    Hrrrh.

    Natürlich.

    Ein Satz kam in den Sinn.

    Alt.

    Passend.

    Getroffene Hunde bellen.


    Papier.

    Stift.

    Schwarz.

    Grün.

    Das Camp.

    Das Zielfernrohr. Rot.

    Der Fremde hinter am Turm.

    Wieder das Wort aus dem Nichts: Novodimitrovsk.

    ...

    Warum eigentlich immer Novodimitrovsk?

    Hrrm.

    Egal.

    Noch etwas fehlte.

    Der Stift verharrte über dem Papier.

    Dann eben wieder der Wolf.

    Ein Auge zuerst.

    Die Schnauze.

    Zähne.

    Gefletscht.

    Der Biss.

    Ja.

    Rrrh.

    Darunter die Worte:

    CANES PERCUSSI LATRANT.

    Mordax betrachtete das fertige Emblem.

    Lange.

    Die drei Kratzer darunter.

    Einer.

    Zwei.

    Drei.

    Jetzt stimmte das Bild wieder.

    Schön.



    002-CANES PERCUSSI LATRANT.png

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    "So you can throw me to the wolves
    Tomorrow I will come back, leader of the whole pack
    Beat me black and blue
    Every wound will shape me, every scar will build my throne"
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