Aus einem zerknitterten Notizbuch, gefunden auf einem Tisch in einer verlassenen Hütte am Waldrand in der Nähe von Dubrovka:
Papier urteilt nicht. Papier vergisst nicht. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich angefangen habe zu schreiben. Vielleicht an dem Tag, als ich verstanden habe, dass sich niemand je an mich erinnern würde, dass meine Worte alles sind, was eines Tages von mir in dieser Welt bleibt. Also schreibe ich. Dies ist mein Vermächtnis.
Sie nennen mich den Fremden, schon seit vielen Jahren. Ich habe diesen Namen nicht gewählt. Aber er passt. Denn niemals bleibe ich länger als eine Nacht. Weil ich gelernt habe, was passiert, wenn man bleibt: Man beginnt, sich einzurichten. Man legt Dinge ab: zuerst den den Rucksack. Dann die Weste und mit ihr die Vorsicht. Später die Waffe und mit ihr das Misstrauen. Und als letztes die Distanz und mit ihr die Fremde. Vor vielen Jahren ist es mir passiert, in einem kleinen Dorf an der Küste. Es gab noch drei Häuser, die nicht geplündert waren, mit einem Brunnen, der noch Wasser führte und einen Mann, der nicht sofort zur Waffe griff, als er mich sah. Wir haben zwei Tage lang gesprochen, zusammen gegessen, am Feuer gesessen. Gesungen und gelacht. Für einen Moment fühlte es sich an wie früher. Wie ein Leben, das noch möglich wäre.
Am dritten Tag war er tot.
Getötet von Plünderern, denen das Leben eines Menschen weniger wert war, als das Jagdmesser und den Apfel, den er in seiner Hosentasche trug. Ich konnte gerade so fliehen, aber die Welt sah ich fortan mit anderen Augen.
Früher hatte ich einen richtigen Namen und ein richtiges Leben. Ein Haus, eine Arbeit, eine Tochter. Meine kleine Sarah. Ich hatte einen Ort, an dem ich wusste, wer ich bin. Das war vor dem Ende. Jetzt gibt es nur noch Straßen, die ins Nichts führen und Wälder voller Schatten. Wer lange genug durch diese Welt geht, weiß, wovon ich spreche. Mein Hut gehörte meinem Vater, den ich vor vielen, vielen Jahren verlor. Ich fand ihn eines Tages in einer Hütte tief im Wald. Er lag neben dem Ofen, als würde er schlafen. Ich habe ihn begraben. Seit dem ist der Hut das letzte, was mir von ihm geblieben ist. Ich beschütze ihn mit meinem Leben.
Manche sagen, diese Welt mache einen Menschen zu einem Monster. Ich glaube, sie zeigt nur, was man schon immer war. Ich versuche jedenfalls, keines zu sein. Mich aus all dem rauszuahlten, niemandem zu nahe zu kommen. Niemanden an mich ran zu lassen. Eben der Fremde zu sein. Das Einzige, was mir aus der alten Welt geblieben ist, ist mein Bruder Tommy. Ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr gesehen, als vor kurzer Zeit einfach auftauchte. Er hatte die Welt auf die eine Art gesehen, ich auf die andere. Und so trennten uns unsere Wege. Doch nun führt uns das Schicksal wieder zusammen. Mein kleiner Bruder ist eine herzensgute Seele, nur scheint ihm diese Welt viel abverlangt zu haben. Er hat sich verändernt, fragt sich nur ... zum Guten? – in Chernarus wohl kaum.
Heute bin ich durch ein Dorf gegangen, das ich noch nie gesehen habe. Es war so still, wie ich diese Welt lange nicht erlebt hatte: Kein Geräusch, keine Infizierten, keine Spuren von Überlebenden. Nur ein Wind, der durch die kaputten Fenster zog. Auf einem Tisch lag ein Foto. Eine Familie. Drei Menschen, die glaubten, morgen würde genauso sein wie heute. Ich habe das Foto wieder hingelegt. Diese Welt ist verloren. Was bleibt mir hier noch? Außer mit meinem roten Flitzer durch verlassene Straßen zu fahren und das allernötigste beisammenzuhalten, um... zu überleben?
Wenn jemand diese Notizen findet und ich nicht mehr da bin, dann soll er eines wissen: Ich habe nicht überlebt, weil ich stärker war als andere, sondern weil ich weitergegangen bin. Immer weiter. Und nun schreibe ich meine Worte nieder. Vielleicht ist sind unsere Worte alles, was von uns übrig bleibt.
— Der Fremde