Unbekanntes Datum – Polizeistation Chernogorsk
Das große Finale (4) - Eskalation
"These things you say
You make me weak but I have changed
No way, I am stronger than before"
Die Minuten schleichen dahin, als wäre die Zeit selbst gegen mich. Es ist beängstigend ruhig, abgesehen von gelegentlichen Geräuschen: Schritte, gedämpfte Stimmen und das monotone zirpen von abendlichen Grillen. Vielleicht gönnen sich beide Seiten eine taktische Pause. Vielleicht verdauen sie meine erzwungenen Worte. Ich sitze in meiner Ecke, meine Knie angezogen, und lausche auf jedes noch so leise Geräusch. Doch die Ruhe ist trügerisch.
Ein unachtsamer Moment meines Bewachers, und ich mache mir wieder am Schloss zu schaffen. Mein Herz rast, während ich eine Ziffer nach der anderen verstelle. Doch bevor ich eine Chance habe, den richtigen Code zu finden, ertönt der Knall einer AK. Die Kugel trifft den Boden vor mir und springt mit einem ohrenbetäubenden Surren ab. Nur mit unglaublichem Glück bleibt sie nicht in meinem Körper stecken. Ich reiße die Hände hoch, während Adrenalin durch meine Adern pumpt. Mein Bewacher wirft mir einen warnenden Blick zu, bevor er sich wieder seiner Stellung zuwendet.
Kaum hat er sich abgewendet, höre ich das laute Pfeifen eines Geschosses. Gas. Der erste Einschlag lässt mich zusammenzucken, gefolgt von weiteren Schüssen. Von unten dringen Rufe zu mir herauf. Sie haben das Tor zur Polizeistation aufgebrochen! Mein Bewacher feuert eine Salve nach der anderen in die Dunkelheit. Schüsse, Schreie, ein ständiger Wechsel von Chaos und Stille. Über die Lautsprecheranlage schallt plötzlich die ruhige, höhnische Stimme: „Sieht schlecht aus für eure Motivation, was?“
Ich kralle mich am kalten Metall meines Gitters fest. Meine Retter sind da, sie kämpfen, doch ich bin hier oben, eingesperrt und machtlos. Ich muss etwas tun, irgendetwas. Doch jedes Mal, wenn ich mich dem Schloss nähere, ist mein Bewacher da, seine AK immer auf mich gerichtet.
Ein dumpfer Aufprall reißt uns beide aus der Konzentration. Rauch breitet sich aus und brennt in meinen Augen. Ich huste, halte die Luft an, doch meine Lungen brennen. Dann der Knall einer weiteren Granate. Der Boden bebt unter mir. Mein Bewacher ist abgelenkt, und ich nutze die Gelegenheit, um an das Schloss zu gelangen. Zittrige Hände, unkontrollierbare Angst – doch ich darf jetzt nicht aufgeben.
Ich greife mein Wärmepad, inzwischen kalt und nutzlos, und werfe es mit aller Kraft auf den Boden. Der dumpfe Klang lässt meinen Bewacher zusammenzucken, und für einen kurzen Moment glaubt er wohl, es sei eine Granate. Panisch nimmt er seine Position ein, und ich setze meine Arbeit am Schloss fort. Doch die Zeit läuft mir davon. Explosionen und Schüsse füllen die Luft, die Schreie meiner Retter vermischen sich mit den Kommandos der Entführer.
Hunger und Erschöpfung drohen mich zu überwältigen. Ich gehe zum Fass, doch ohne Dosenöffner sind die Vorräte in Dosen nutzlos. Mein Magen knurrt, während ich mich wieder in die Ecke zurückziehe.
Als mein Bewacher nach mir sieht, frage ich ganz Beiläufig: „Du hast nicht zufällig einen Dosenöffner oder sowas, oder?“ Von unten kommt ein ungehaltenes „SCHNAUZE!“ von Trinity. Okay, das war deutlich. Sie ist also auch noch am Leben. „Man wird doch wohl noch fragen dürfen…“, entgegne ich etwas zu gespielt gekränkt. Plötzlich knallt ein Schokoriegel vor meine Zelle, ein erbärmlicher Versuch meines Bewachers, mich zu verhöhnen. Der Schokoriegel ist ruiniert. Ich gebe mich empört, da legt mein Entführer daneben einen zweiten Schokoriegel, aber natürlich gerade so weit entfernt, dass ich nicht mehr rankomme. Dieser kleine miese Sadist…
„Ihr seid wirklich Schweine, wisst ihr das?“, murmele ich, zu müde, um meine Wut richtig zu zeigen.
Die Nacht bricht herein, und der Hof unten wird von Flutlicht erhellt. Oben auf dem Dach jedoch herrscht Dunkelheit. Mein Bewacher weicht kurz zurück, und ich nehme all meinen Mut zusammen. Ich stelle eine neue Kombination ein, doch er kehrt zurück und schlägt nach mir. Schmerz durchzuckt meinen Körper, aber ich weiche nicht. Schließlich beginne ich mich zu wehren. Ich treffe ich ihn überraschend durch das Gitter, höre, wie er fluchend zurückweicht. Ein kleiner Boxkampf entbrennt zwischen uns und ich muss ordentlich einstecken, aber jeden Treffer, den ich lande, macht die Schmerzen erträglicher. Schließlich zieht er sich zurück.
Seine Stimme hallt durch den Lautsprecher: „Du wirst dein Prigorodki nie wiedersehen, wenn du dich nicht zusammenreißt.“ Was ist das? Eine Aussicht auf einen Ausweg? Nein, ein weiteres Spiel.
Meine Wut brodelt unter der Oberfläche. „Als ob _ihr_ mich gehenlassen würdet!“, rufe ich zurück, meine Stimme durchdringt das Chaos. Wieder sein Lachen, kalt und höhnisch: „In Prigorodki brauchen sie am Camp Essen! Wo bist du?“ Die Worte schneiden wie ein Messer, aber ich lasse mich nicht beirren.
„Tick. Tack. - Die Zeit läuft! Herz geht es immer schlechter. Sie bricht gleich zusammen, weil ich hab gehört da gibt es Bambis, denen sie nicht helfen kann!“, ertönt wieder die gleichgültige Bahnhofstimme. Oder höre ich da nun doch eine Spur von Genugtuung? Und wie aufs Stichwort Schüsse meiner Befreier von unten. Schritte, Granatenabwurf.
Die Explosion ist so heftig, dass der Boden unter mir schwankt. Ich falle zurück in die Ecke, mein Körper zittert unkontrolliert. Dann plötzlich ein Aufprall direkt neben mir. Ruhe und Schwärze umarmen mich, doch zuvor bekomme ich noch ein paar Gesprächsfetzen mit.
Die kühle, gleichgültige Bahnhofsansagerstimme verkündet durch die Lautsprecher: „Ihr habt Herz-aus-Gold getroffen. Gut gemacht… Wir ziehen ihr gerade nen Splitter raus.“


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