Aus einem abgegriffenen Notizbuch, gefunden zwischen Handelslisten und leeren Patronenhülsen in einer verlassenen Hütte nahe Gorka:
Ich habe einmal geschrieben, dass ein Mensch niemals bleiben darf. Dass Nähe gefährlich ist. Dass Sesshaftigkeit einen verändert, lange bevor man es selbst bemerkt. Damals glaubte ich, diese Erkenntnis würde mich retten. Heute weiß ich, dass sie mich nur vorbereitet hat.
Denn irgendwann tat ich genau das, wovor ich mich immer geschützt hatte: Ich blieb. Es begann mit einer Begegnung in Orlovets. Ein Gesicht, das seine Waffen nicht sofort auf mich richtete. Es ging weiter mit den wohlgesonnenen Seelen in Prigorodki und Stimmen an einem Feuer, die nicht nach Drohungen klangen. Dann Männer und Frauen, die fragten, ob man miteinander handeln könne, statt sich gegenseitig auszurauben. Vielleicht war es die Müdigkeit vieler einsamer Jahre. Vielleicht die Erinnerung daran, dass ich einmal ein Leben hatte, in dem Vertrauen nichts Besonderes war. Vielleicht verlor ich mich in den Augen derer, die mir Nähe schenkten, vor der ich mich so sehr fürchtete. Und dann: ein Händler in einer Scheune, der zu einem Freund wurde... Und zu einem Partner:
Wir begannen klein. Ein paar Fahrzeuge. Ein paar Kisten. Benzin gegen Munition. Nahrung gegen Medikamente. Während andere Krieg spielten, versuchten wir etwas anderes aufzubauen. Handel. Ordnung. Vielleicht sogar so etwas wie Verlässlichkeit. Und für eine Weile funktionierte es. Doch diese Welt duldet keine Hoffnung, ohne dafür einen Preis zu verlangen.
Erst verschwand Ware. Dann Fahrzeuge. Danach Menschen. Männer, mit denen man am Abend noch am Feuer gesessen hatte, lagen am nächsten Morgen tot im Gras, getötet für Dinge, die weniger wert waren als ein Menschenleben. Immer wieder sagte ich mir, es sei nur ein weiterer Rückschlag, nur eine weitere Lektion darüber, wem man nicht vertrauen darf.
Doch Enttäuschung arbeitet langsam. Bis irgendwann etwas in einem Menschen bricht.
Ich begriff, dass Güte in dieser Welt nur so lange existiert, bis jemand erkennt, dass sie unbewehrt ist. Menschen respektieren keine Freundlichkeit. Sie respektieren Konsequenzen. Wer Versorgung kontrolliert, kontrolliert Entscheidungen. Wer Schutz bietet, kontrolliert Loyalität. Und wer bereit ist, Gewalt anzuwenden, wird irgendwann nicht mehr gejagt, sondern gefürchtet.
Vielleicht starb der Fremde nicht an einem bestimmten Tag. Vielleicht verschwand er langsam, ein Stück weit mit jeder Enttäuschung, jeder gestohlenen Patrone und jedem gestohlenen Hut.
Heute nennen manche uns Händler. Andere Schmuggler. Manche etwas Schlimmeres. Aber die Wahrheit ist einfacher: Ihr habt uns erschaffen. Ihr habt uns erschaffen, als ihr meinen Hut nahmt und unsere Olga.
Früher dachte ich, wir müssten Angst haben. Vor dieser Welt. Vor ihren Räubern. Vor den Männern, die nachts kommen.
Heute weiß ich: das Blatt hat sich gedreht. Der Fremde ist tot, sein Körper verbrannt. Und aus seiner Asche steht Heisenberg auf.
We aren't in danger... We ARE the danger.