Der erste Knall ließ die Lichter flackern.
Dr. Marek Novotny reagierte nicht sofort. Sein Blick blieb auf den Monitor gerichtet, wo sich die Vitaldaten von Subjekt 12 in sauberen, perfekten Linien bewegten. Puls. Sauerstoffsättigung. Reaktion auf den letzten Stimulus.
Stabil.
Der zweite Knall kam näher.
Ein leichtes Zittern ging durch die Glaswand. Irgendwo begann jemand zu schreien. Unkontrolliert. Roh. Störend.
Novotny verzog kaum merklich die Lippen.
Er speicherte die Daten.
Nicht alles, nur das Relevante.
„Evakuierung—“, begann die Lautsprecherstimme.
Ein Schuss schnitt sie ab.
Jetzt erst stand er auf.
Hinter der Scheibe begann der Flur zu zerfallen. Menschen rannten, prallten gegeneinander, verloren jede Struktur. Es erinnerte ihn an misslungene Versuchsreihen, zu viele Variablen, zu wenig Kontrolle.
Die Tür flog auf.
Ein Sicherheitsmann taumelte herein, Blut pumpte aus dessen Brust.
Arterie.
Sekunden.
Der Mann griff nach ihm. Flehend. Sinnlos.
Novotny trat einen halben Schritt zur Seite.
Der Körper sackte vor ihm zusammen.
Er stieg über den Körper herüber, und schaute in den anschließenden Flur.
Menschen flüchteten vorbei, panisch.
Menschen stolperten über Menschen, sie fielen, und versuchten sich schnell wieder hochzuziehen.
Dr. Marek Novotny schritt in den Gang, und bewegte sich langsam richtung Notausgang.
Auf der Hälfte des Weges stoppte er, ging ein paar Schritte zurück und begutachtete eine Gittertür.
Der Raum dahinter war dunkel, und wurde nur von einer kleinen Öffnung in der Wand erleuchtet.
Dr. Marek Novotny entriegelte die Gittertür.
Dahinter saß ein Mann auf einer Stahlpritsche, seine Hände ruhend auf seinen Knien. Narben zierten seinen Körper, in einem unregelmäßigen Muster.
Der Mann starrte an die gegenüber liegende Wand, sein Blick zuckend.
Es handelte sich um einen Versuch, ein Erfolg-versprechendes Projekt.
Schade darum.
Er begutachtete den Mann auf der Stahlpritsche noch kurz, bis er dann anschließend die Gittertür wieder an sich heranzog, aber nicht verschloss.
Dann drehte er sich wieder zu dem langen Flur, und lief weiter zu dem Notausgang.
Dort angekommen erwarteten ihn Sicherheitsmänner, welche mit schnellen Handbewegungen die ganzen Menschen umher befohlen.
„Reihe bilden! Keine Panik!“, rief einer der Männer, während er mit ausgestrecktem Arm den Strom der Menschen in Richtung eines schmalen Treppenabgangs lenkte.
Niemand hörte wirklich zu.
Die Menge drängte.
Ein weiterer Schuss hallte durch den Korridor, näher diesmal. Metallisches Echo. Kurz darauf ein dumpfer Aufprall.
Novotny verlangsamte nicht.
Er passte lediglich seinen Winkel an, wich einem Mann aus, der rückwärts taumelte, mit leerem Blick und blutverschmierten Händen.
Die Treppe führte nach unten, tief in den Bauch der Anlage. Notbeleuchtung tauchte alles in pulsierendes Rot. Ein Rhythmus, der nicht zu den Herzfrequenzen passte, die er eben noch beobachtet hatte.
Interessant.
Unter ihnen hörte man bereits das Meer.
Das Geräusch kam in Intervallen, begleitet vom dumpfen Schlagen gegen Beton. Wind hatte aufgefrischt. Nicht optimal für Evakuierung.
Als sie das untere Niveau erreichten, öffnete sich der Raum zu einem breiten, halb offenen Dock. Kalte Luft schlug ihnen entgegen, salzig, feucht, durchzogen vom Geruch von Treibstoff.
Mehrere Boote lagen bereit, festgezurrt, Motoren bereits laufend. Zu wenige.
„Nur Personal! Nur autorisiertes Personal!“, brüllte ein Offizier, während er versuchte, eine Linie zu halten, die längst nicht mehr existierte.
Einige hörten es.
Die meisten nicht.
Ein Mann stürzte sich nach vorne, wurde brutal zurückgestoßen.
Novotny blieb kurz stehen.
Er beobachtete.
Dann ging er weiter, direkt auf das zweite Boot zu, das gerade beladen wurde.
Ein Sicherheitsmann stellte sich ihm in den Weg. „Ausweis!“
Novotny sah ihn an.
Ein kurzer Moment.
Dann zog er langsam seine Karte hervor.
Der Mann scannte sie, die Anzeige blinkte grün.
„Weiter.“
Keine Emotion. Nur Prozess.
Novotny stieg ein, suchte sich einen Platz am Rand. Von dort hatte er Sicht auf das Dock.
Die Menge wurde dichter.
Zu dicht.
Ein weiterer Knall, diesmal kein Schuss. Etwas Größeres. Die Anlage selbst reagierte. Ein tiefer Riss ging durch die Struktur, irgendwo hinter ihnen.
Menschen schrien wieder.
Die Leinen wurden gelöst.
Der Motor heulte auf.
Langsam setzte sich das Boot in Bewegung, zog sich vom Dock weg, während Hände noch danach griffen, zu spät, immer zu spät.
Novotny beobachtete das Ufer.
Nicht die Menschen.
Die Anlage.
Das Boot entfernte sich weiter von der Insel.
Hinter ihnen fraß sich das Chaos durch die Anlage. Sirenen begannen wieder zu heulen, abgehackt, als würde selbst das System nicht mehr wissen, ob es noch funktionieren sollte.
Die Menschen an Bord waren laut.
Zu laut.
Ein Durcheinander aus Fragen, Schreien, Befehlen. Einige weinten, andere starrten nur noch. Einer lachte, unpassend, vermutlich Schock.
Novotny blendete es aus.
Das Boot drehte weiter ab.
Doch dann - ein Ruck.
Der Motor stotterte.
Ein kurzes, metallisches Aufheulen.
„Was war das?!“, rief jemand.
Antwort kam keine.
Ein Techniker stürzte nach hinten, griff sich an den Hals. Blut sickerte zwischen seinen Fingern hervor.
Hinter ihm stand einer der Evakuierten.
Oder stand dort gerade noch.
Sein Gesicht war verschmiert, Augen glasig, der Unterkiefer leicht ausgerenkt, als hätte er vergessen, wie man ihn korrekt schließt.
Er bewegte sich ruckartig.
Zu nah.
Zu schnell.
Schreie brachen aus.
Jetzt auch hier.
Die Situation kippte in Sekunden.
Ein Sicherheitsmann reagierte, feuerte auf kurze Distanz. Der Körper zuckte, fiel - und bewegte sich weiter.
Krabbelnd.
Greifend.
Das Boot geriet ins Taumeln, als mehrere Passagiere gleichzeitig zur anderen Seite drängten.
Fehler.
Massenschwerpunktverschiebung.
Vorhersehbar.
Unvermeidbar.
Eine Welle traf das Boot schräg.
Dann die nächste.
Jemand stürzte gegen Novotny, riss ihn halb mit. Für einen Moment verlor selbst er das Gleichgewicht.
Das Boot kippte weiter.
Ein letztes Kreischen von Metall.
Dann schlug kaltes Wasser über ihnen zusammen.