4. Juni 2023 – Weitreichende Folgen
Heute hatte ich wieder einen ruhigen Tag hier in Berenzino, während ich mich um unser Lager gekümmert habe. Leider wurde die halbe Tür am Drive-In abgebaut. Vermutlich wollte jemand in den Schuppen einbrechen und schauen, was wir dort für Güter haben. Allerdings wurde nichts von den Dingen genommen, soweit ich das beurteilen kann. Von wirklichem Wert gibt es dort ohnehin nichts, lediglich meine Reservekleidung, Blutkonserven und alles, von dem ich mich nicht trennen kann. Ich bin jedenfalls froh, dass der Drive-In nicht komplett abgebaut wurde und beginne mit der erneuten Absicherung des Tors. Ein altes Wellblech muss herhalten, da ich gerade keine Axt für neue Holzbretter finden konnte. Nach und nach schleppe ich die benötigten Teile wieder heran und baue das Tor wieder auf. Im Drive-In kontrolliere ich alle Kisten. Ja, sieht alles soweit gut aus. Ich möchte gerade das Tor öffnen und nach draußen gehen, da fällt mir ein entscheidender Fehler in meiner Planung auf. Verdammt! Das Tor lässt sich nicht von innen öffnen! Das war ja so nicht vorgesehen, da es sich ja nur um einen Lagerraum handelt. Oh Mann… das bedeutet, ich bin jetzt erst einmal hier im Drive-In eingeschlossen, bis jemand kommt und mich rausholt. Klar, ich könnte alles abbauen, aber die Nägel und die Materialien möchte ich nicht verlieren. Naja, wenigstens habe ich genügend Vorräte und spätestens gegen Abend wird Kanu ja bestimmt kommen und mir aus der misslichen Lage helfen. So beschließe ich, das Beste aus der Situation zu machen und schalte mich per Funk zu den anderen.
Im Laufe des Nachmittags meldet sich Wolfgang und erzählt von einem seltsamen Vorfall bei den "drei Häusern". So nennen wir den Ort westlich von Prigorodki und östlich von Elektrozavodsk. Er trägt tatsächlich keinen Namen und besteht nur aus drei Häusern und ein paar Schuppen und Scheunen, an denen gerne Zombies vorbeilaufen. Wolfgang ist am frühen Morgen dort auf ein schweigsames Bambi gestoßen. Zuerst hatten sie Schwierigkeiten, sich zu verständigen, denn Wolfgangs Gegenüber konnte wohl nicht reden, aber am Ende konnten sie doch irgendwie miteinander kommunizieren. Wolfgang hat dem Bambi erklärt, dass es in Prigorodki in der Nähe ein Bambi-Auffanglager gibt, wo er sich mit Ausrüstung versorgen kann. Toll, dass der sonst so zurückhaltende Wolfgang zunehmend auch auf andere zugeht und ihnen hilft. Und das bei einem schweigenden Bambi. Ich kann es nicht genug betonen, aber jeder Überlebende, der nach Aufforderung schweigt, begibt sich in Todesgefahr. Ich habe es so oft erlebt, dass einfach geschossen wurde. Tja aber zum Glück für den Fremden war Wolfgang nicht auf einen weiteren Tod aus. Vielleicht machen wir ja doch noch einen echten Samariter aus ihm. Wobei… ich glaube das wünsche ich mir für ihn nicht. Der Job ist undankbar und gefährlich und ich bin heilfroh, dass er da lebend wieder rausgekommen ist. Aber ich muss wieder mal anerkennen, dass Wolfgang einfach eine super Ergänzung für jedes Team ist. Jedenfalls soll das schweigsame Bambi daraufhin in Richtung Prigorodki gegangen sein. Eventuell ist dort tatsächlich mehr los, als in Berenzino. Nur gut, dass es überall helfende Hände gibt. Leider gibt es hier in Chernogorsk auch die andere Seite: Tabasko wurde sofort bei seinem Erwachen im Norden kaltblütig von einem Fremden erschossen. Ich bin bestürzt, als ich davon höre. Der Schütze scheint ein Überlebender mit orangefarbenem Armband zu sein. Hatten Max und Kevin nicht ein solches Armband? Nein, das war ja früher. Momentan habe sie soweit ich weiß auch pinkfarbene Armbänder an, auch wenn sie direkt nicht die Basis mit Tabasko und Charly teilen. Das heißt, da gibt es noch eine Gruppe, die Gewalt und Schrecken über unser Chernarus bringen. Wie gerne würde ich jetzt Tabasko mit allem Nötigen unterstützen, aber leider sind mir gewissermaßen die Hände gebunden. Dafür ist jedoch Dani da und versucht, ihm beizustehen. Er holt Tabasko an der Küste ab und lässt ihn dann nach Norden fahren, um seine Ausrüstung zu sichern. Vorher bittet Dani Tabsko noch: „Pass aber ja gut auf meinen Ada auf…“, er hängt wirklich sehr an seinem Auto. Ich ahne Schreckliches. Die Fahrt klappt anfangs reibungslos, aber auf dem Rückweg begegnen sie einem fremden Humvee. Ich kann es mir lebhaft vorstellen. In Tabaskos Kopf muss es mindestens zwei Stimmen geben. Die eine sagt klar: „Lass es Junge, das bringt nichts und ist zu gefährlich.“ Tja und die andere schreit: „Scheiß drauf, das wird geil!“ Und Tabasko hört auf die zweite Stimme. Er gibt Vollgas und rammt den Humvee. Ich höre noch ein Krachen, dann ist es ruhig. „J…Jungs?“, frage ich besorgt, „S..seid ihr okay?“ Es kam offenbar zu einer Kollision. Mist und ausgerechnet jetzt hocke ich hier fest! Es vergehen qualvolle Sekunden des Wartens, aber schließlich meldet sich Dani benommen wieder per Funk. Sie waren nur bewusstlos. Gott sei Dank! „Der andere ist noch uncon!“, ruft Dani. Tabasko hat die dumme Idee, den Fremden fesseln zu wollen, aber das ist leichter gesagt als getan. Ich rate den beiden dringend davon ab. Entweder, sie helfen dem Fremden oder sie erschießen ihn sofort. Das würde ich zwar nie übers Herz bringen, aber ich weiß, welche Art von Überlebenden es nach Norden verschlägt. Die zögern nicht. Immerhin haben die beiden gerade sein Auto gerammt, daher kann man sicherlich nicht davon ausgehen, dass er nach seinem Erwachen freundlich gegenüber ihnen eingestellt sein wird und sie zu Kaffee und Kuchen bei sich einlädt. Es gibt in dieser Situation leider nur eine einzige sichere Möglichkeit, aber die beiden entscheiden sich dagegen. Es ist ironisch. Ausgerechnet ich rate den beiden, entweder schnell zu verduften oder kurzen Prozess zu machen. Das widerspricht mir total, aber ich sehe das Leben der beiden in akuter Gefahr. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Dani versucht den Fremden zu fesseln, aber just in dem Moment wacht dieser auf. Er steigt aus dem Auto, Tabaskos Gewehr auf ihn gerichtet. Der Fremde winkt offenbar und deutet an, dass er kein Deutsch versteht. Zumindest so mein Eindruck aus dem Funkkanal. Tabasko ruft zu Dani: „Lass es, lass es!“ Was genau er meint, weiß ich nicht. Ich bekomme nur mit, wie Dani flucht, dass er den Fremden nicht fesseln kann. Klar, natürlich nicht! Der wird zappeln wie eine Spinne auf Koffein. Da Tabasko noch nicht geschossen hat, ist für den Fremden die Flucht die einzige Option. Sorry Jungs, aber ich habe schon von einigen Überfällen gehört und dieser hier war nun wirklich dilettantisch… Die Rechnung folgt. Der Fremde tut genau das, was ich befürchtet habe. Allerdings zieht er während der Flucht dann wohl auch gleich eine KA-M und schießt Tabasko und Dani über einen Haufen. Buchstäblich. Die Schreie und Schüsse dröhnen in meinen Ohren, während ich in meinem kleinen Drive-In bei meinen Kisten in der Ecke sitze und zittere. Warum nur? Bin ich schuld, weil ich sie davon überzeugen wollte, dass man nicht immer gleich schießen muss? Fakt ist, dass sie noch vor ein paar Monaten sofort geschossen hätten und damit vermutlich am Leben geblieben wären. Warum haben die Jungs ausgerechnet in dieser Situation anders gehandelt? Das Ergebnis ist, dass Dani und Tabasko sich wieder an der Küste finden und der Ada nun weg ist. Kein guter Tag. Das Verrückte an der Sache: Nach dem Vorfall meldet sich überraschenderweise der Fremde bei mir. Er spricht Englisch und fragt nach, ob er mich gerade erschossen habe. Ich bin zunächst verwirrt, ordne dann aber meine Gedanken. Hat er vielleicht ein Funkgerät gefunden? Egal… Der Fremde entschuldigt sich schon fast, denn dieser Überfall kam ihm sehr unprofessionell vor und die beiden hätten keine Chance gehabt. Er stellt sich als Mox vor und wir kommen ins Gespräch. Ich erkläre ihm, was ich eigentlich mache und dass ich die Jungs aus Chernarus kenne. Er erzählt, dass er früher einmal so war wie ich. Er hat anderen Überlebenden geholfen, Krankheiten geheilt und war ein „Guter“. Doch bald lernte er, dass diese Seite des Lebens nur Undank und Frust mit sich bringt. Aus lauter Enttäuschung hat er angefangen, ebenfalls auf Überlebende zu schießen und wurde durch jahrelanges Training wohl sehr gut darin. Manche nannten ihn auch mal den „King of Chernarus.“ Es ist seltsam und bedrückend zugleich, mit jemandem zu sprechen, der so einen Wandel durchgemacht hat. Ich kenne die zwei Stimmen, die jeden Tag und bei jedem Kontakt aufs Neue gegeneinander ankämpfen, aber bisher habe ich es immer geschafft, meiner Linie treu zu bleiben. Man kann sich nur schwer vorstellen, welche Umstände und Erfahrungen dazu geführt haben, dass Mox sich so verändert hat und er tut mir sehr leid. Er benötigt mein Beileid jedoch nicht, denn er sagt seine Art „zu spielen“ sei wesentlich erfüllender. Erfüllender? Anderen zu schaden und sie zu vernichten? Ich weiß nicht.. Aber wer weiß, wo ich in sieben Jahren sein werde? Während Dani und Tabasko sich ihren Weg zurücksuchen, lade ich ihn ein, einmal eines unserer Camps zu besuchen. Beispielsweise in Prigorodki , wo Wolfgang mit Samariter Rot gerade ist.
In der Tat berichtet mir Samariter Rot, dass der Fremde später dort am Camp auftaucht. Zunächst bewundert er das Auffanglager und sagt, dass er ebenfalls früher etwas in der Art getan habe. Er gibt Wolfgang noch ein paar Tipps zum Absichern der Fahne, dann jedoch zielt er mit einer Pistole auf Samariter Rot. Gekonnt bleibt dieser stehen und gibt auch nicht den Befehl, dass auf ihn geschossen wird. Ich weiß nicht, wie er das schafft, aber er bleibt ruhig und ich habe das Gefühl, er hat sofort erkannt, dass Mox uns so nur auf die Probe stellen möchte. Mox drückt mehrfach ab, aber in der Pistole befindet sich kein Magazin. Puh… Meine Güte, das hätte sowas von schief gehen können! Was sind das für Psychospielchen von dem Typen? Wir nennen Mox nun auch „den Franzosen“, denn er meinte, er käme aus Frankreich. Anschließend bekomme ich noch mit, wie Samariter Rot und Wolfgang versuchen, Mox daran zu hindern, sich selbst umzubringen. Aber er hat wohl genug gesehen und möchte verbluten. Verzweifelt kämpfen die beiden um sein Leben, aber ohne Erfolg. Der Fremde hat ein Zeichen gesetzt und lässt einen irritierten Samariter Rot zurück.
Etwas später wird Samariter Rot noch zu einem Einsatz gerufen. Dani ist wohl in der Nähe der Basis der pinkfarbenen Armbänder, aber es geht ihm sehr schlecht. Er hat sich eine Krankheit eingefangen und weder Medikamente noch Essen und Trinken. Der Arme… nicht nur, dass er sein geliebtes Auto an „den Franzosen“ verloren hat, nun droht ihm erneut Lebensgefahr. So begibt sich Samariter Rot an meiner Stelle auf die beschwerliche Reise. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit und zunächst hat er auch Schwierigkeiten, den Ort wirklich zu finden, aber nach mehreren Stunden kann er Dani in einem Haus ausfindig machen und versorgen. Seine Diagnose: Influenza und Cholera. Aber Gott sei Dank kein Wundbrand. So füttert er den Patienten mit kleinen Portionen und gibt ihm die nötigen Medikamente. Es dauert seine Zeit, aber nach einem langen Kampf sind die Krankheiten besieht und Samariter Rot lässt dem Patienten sein letztes Fleisch da, das er noch schnell am Ofen brät, ehe er sich wieder verabschiedet. Doch noch während Samariter Rot wieder auf dem Heimweg ist, entdeckt Dani einen anderen Überlebenden bei ihrer Basis, der mit ihm kurzen Prozess macht. Zum zweiten Mal an diesem Tag findet sich Dani wieder an der Küste und natürlich ist die Gruppe aufgebracht. Jemand versucht in ihre Basis einzudringen. Tabasko und Charly kümmern sich darum, treffen aber den Angreifer nicht mehr an. Vermutlich hatte er nach dem ersten Tor bereits genug.
Die Gruppe vermutet, dass die Überlebenden mit den orangefarbenen Armbändern dahinterstecken könnten. Ich finde den Schluss voreilig, aber später beratschlagen sie, dass sie eine gefundene Basis als Reaktion „ausräumen“ möchten. Geht das schon wieder los? Das führt doch zu nichts und bringt nur Streit und böses Blut mit sich. Aber wenigstens kommt abends Kanu nach Berenzino und holt mich aus meiner etwas misslichen Lage. Ich war schon lange nicht mehr so froh, ihn zu sehen. Gemeinsam prüfen wir noch alles, ehe er dann auch das Auffanglager verlässt und zur Garage fährt. Ich bekomme noch mit, dass die Jungs auf ihren Raubzug aufbrechen, dann breche ich den Funkkontakt ab und begebe mich zur Nachtruhe.
Die Ereignisse des heutigen Tages haben mich einmal mehr daran erinnert, wie unberechenbar und gefährlich die Welt in der Apokalypse sein kann. Es bleibt zu hoffen, dass wir einen Weg finden, um Frieden und Sicherheit in dieser widrigen Umgebung zu bewahren und vor allem Menschlichkeit in diese kalten Zeiten zu tragen. Es wird definitiv nicht leicht sein und ist gerade um einiges schwerer geworden. So oder so, der heutige Tag wird weitreichende Folgen haben.