12. Juni – Wölfe in Prigorodki!
Heute ist ein großer Tag! Ich hole mit Wolfgang und Kanu das Bambi-Mobil 3.0 ab. Es blieb vor einem Hexenhaus im Wald liegen. Da keiner um das arme Ding darum hat, versorgen wir das arme Auto mit einem Reifen, einer Autobatterie und einer Zündkerze. Kanu besorgt noch eine Motorhaube und einen Kofferraumdeckel und nutzt es von nun an für seine Touren an der Küste, wenn er als ‚Samariter Weiß‘ unterwegs ist. Das Welcome-Team hat also Verstärkung! Wolfgang und ich verstecken noch ein paar Dinge in der Nähe des Camps und füllen alles weiter auf. Am Ende geht es dann für mich nach Prigorodki, um dort nach dem Rechten zu sehen.
Tja und das ist auch bitter nötig. Kaum bin ich dort angekommen, geht auch schon tierisch die Post ab. Aber alles der Reihe nach.
Ravini hat sich nach seiner kurzen Auszeit wieder selbst übertroffen, und in der Nähe der Basis der pinken Armbänder - Sie nennen es irgendwas mit Heiligtum oder Tempel des heiligen Manfreds - Zuchinis angebaut, was das Zeug hält. Nun stapeln sich dort Fässer mit den grünen Köstlichkeiten. Tabasko und Shizo bringen diese freundlicherweise mit dem Auto beim Bambi-Auffanglager vorbei. Sehr zu Shizos Leidwesen, denn er fragt sich vor Fahrtantritt immer, warum er Tabasko fahren lässt und sich das immer wieder antut. Entgegen allen Befürchtungen verläuft die Fahrt jedoch unfallfrei und ohne sonstige Zwischenfälle. Die beiden liefern das Gemüse ab und ich nehme mit unserem Aushilfs-Samariter-Praktikanten Custer alles Gemüse an. Wir braten und räuchern die Zucchinis im Akkord, damit sie sich im blauen Essenszelt besser und länger halten. Das ist bitter nötig, denn das Vorratszelt ist leider leerer als die Kirche in Chernogorsk.
So haben wir am Feuer eine gute Zeit und sind gerade fertig, als ich plötzlich von Osten her ein Wolfsgeheul höre. Das kann doch nicht sein! Täuschen mich meine Sinne? Custer wird leicht panisch, aber ich versuche nach einer anfänglichen Phase ungläubiger Überraschung erneut Ruhe und Sicherheit auszustrahlen und sage entspannt: „In Prigorodki gibt es keine Wölfe.“ Vermutlich spielt einer der Jungs uns gerade einen Streich. Es soll ja solche Gegenstände geben, die Tiergeräusche imitieren. Mir kommt da eine Geschichte von Tabasko und einem Bären in den Sinn. Hmm… wobei, diese Dinger gibt es nicht hier. Wie haben das die Jungs angestellt? Per Funk vielleicht? Aber ich gebe zu, dass ich bei dem Geheule schon kurz Angst bekommen habe. Ich versuche mit den Jungs Kontakt aufzunehmen und sage, dass das mal ein guter Scherz war und möchte wissen, wie sie das angestellt haben. Aber sie treiben das Spiel weiter und sagen, dass sie keine Ahnung haben, wovon ich rede. „Na von dem Wolfsgeheul gerade eben über Funk!“. Und dann kommt der Punkt, an dem alles eine surreale Wendung nimmt. Sogar Kanu bestätigt mir: „Nein, wir haben kein Wolfsgeheul gehört.“ Oookay. Langsam. Mein Verstand arbeitet mal wieder, aber offensichtlich in die falsche Richtung. Lediglich Custer und ich konnte das Geheul hören. Also kann es nicht durch den Funkkanal kommen. Tabasko und Shizo sind aber in ihrem Auto unterwegs, die stecken auch nicht irgendwo in einem Busch und stimmen ein Wolfsgeheul an. Wie kann das angehen? Und dann passiert es. Das Heulen ist erneut zu hören. Tief, bedrohlich und vor allen Dingen lauter und in unmittelbarer Nähe. Ich blicke in Richtung Elektrozavodks über die Wiese. Dann sehe ich sie. „WÖLFE!“ rufe ich. Sie rennen wohl von Richtung Elektrozavodsk aus direkt übers Feld und natürlich auf unser Camp in Prigorodki zu. Sofort ziehe ich meine Waffe und weise Custer an, sich im Koch-Haus einzuschließen. Ha…! Noch vor ein paar Tagen habe ich überlegt, ob ich eine Wolf-Wumme, also eine abgesägte Schrotflinte, wirklich benötige. Aber irgendwie habe ich meiner inneren Stimme gehorcht und mir eine angefertigt und mit Munition versorgt. Sie ist jetzt natürlich meine Rettung, sonst wäre ich wohl verloren. Ich schaue also nach den Wölfen und hoffe, dass Custer sich in Sicherheit bringt. Aber Custer wäre nicht Custer, wenn er sich nicht mutig dem Gegner entgegenstellen würde. Er schießt natürlich laut mit seiner Flinte auf die Tiere. Nett gemeint, aber das hat natürlich nun zur Folge, dass die Zombies im Umkreis sofort auf das kleine Bambi-Auffanglager zu rennen. Meinen Plan, aus sicherer Entfernung eines Daches auf Zombies und Wölfe zu schießen kann ich dann wohl getrost vergessen. Okay… also nehme ich nun auch meine Wolf-Wumme und erledige drei weitere Tiere. Somit waren es wohl fünf Wölfe, wenn ich richtig gezählt habe. Doch die Ruhe währt nur kurz, denn die Zombies kommen nun direkt ins Lager gestürmt. Mehrmals versuche ich Custer zu überzeugen, sich im Haus einzuschließen. Je mehr er auf die Zombies schießt, desto größer wird die Gefahr und es drohen immer mehr Zombies aus dem umliegenden Dorf und dem Industriegebiet zu kommen. Ich fühle mich stark an den Vorfall vor einigen Tagen erinnert. Warum nur, warum passiert das immer mir? Ich weiß aus leidiger Erfahrung durch das Ereignis mit dem Feuerwerk in Prigorodki, wie viele Zombies da verstreut sind. Mit ein paar Schüssen ist es nicht getan. Endlich schließt sich Custer ein, versorgt seine Wunden und ich sprinte in einen kleinen Verschlag. Von dort aus kann ich die Zombies bequem mit meinem Speer durch das kleine Fenster erwischen, ohne großen Schaden zu nehmen und noch mehr anzulocken. Endlich ist es geschafft.
Das Bambi-Auffanglager gleicht einem Schlachtfeld, leider habe ich gerade keine Kamera dabei. Aber das glaubt uns bestimmt keiner. Auf dem Boden liegen fünf ausgewachsene Wölfe. Hier in Prigorodki. Als ich das über Funk den anderen melde, halten sie dies ebenfalls für einen Scherz meinerseits. Custer bestätigt jedoch meine Geschichte. Gemeinsam zerlegen wir fachmännisch die Wölfe und schon bald brät und räuchert auf dem Steingrill Wolfsfleisch. Am Ende sind die Zelte und Unterstände durch Ravinis Einsatz und die Wölfe prall gefüllt. Ironie des Schicksals: Hatte sich Samariter Rot nicht über zu wenig Nahrung beschwert? Nun, ‚Lieferando‘ ist nun da. Auf vier Pfoten. Von nun an kursiert der Witz in unserem Funkkanal, dass Wölfe im Prinzip wie ‚Lieferando‘ sind. Wie dieser Lieferservice, den es früher mal gegeben hat. Und beim Heulen kommt von dem einen oder der anderen oft ein Kommentar wie „Hör ich da Lieferando?“. Wenigstens sind wir alle am Leben, haben genügend Nahrung und können über den Vorfall lachen. Allerdings frage ich mich schon, woher die Wölfe gekommen sind. War es ein Scherz anderer Überlebender? Das soll es ja geben, dass jemand Wölfe oder Bären zu anderen Überlebenden lockt, um sie zu ärgern. Tabasko, Shizo, Dani und Charly traue ich so etwas auf alle Fälle zu, auch wenn sie es abstreiten und gerne selbst auf die Idee gekommen wären. Ich glaube, wenn sie es wirklich gewesen wären, hätten sie sich auch dazu bekannt. Aber etwas spricht dagegen, dass sie angelockt worden sind: Die Wölfe wurden erst aggressiv, als sie beim zweiten Mal in unsere Nähe kamen. Wenn ein Überlebender sie angelockt hätte, wären sie schon knurrend ins Lager gestürzt und hätten nicht erst noch in Ruhe durch Heulen kommuniziert. So oder so, es ist ein merkwürdiges Ereignis, das hoffentlich nicht noch einmal vorkommt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn ein Wolf ein hilfsbedürftiges Bambi an der Küste erwischt. Wobei… vielleicht könnte ich mir ja einen Wolf zähmen und ihn auf unseren Sniper hetzen? Das wäre schon was… aber den Gedanken verwerfe ich. Wölfe sind Wölfe und Sniper sind Sniper. Ich muss mich einfach damit abfinden, dass es nun eine potenzielle Gefahr mehr gibt. Na bravo.
Custer freut sich übrigens über seinen improvisierten Rucksack, den er aus gegerbtem Wolfsfell angefertigt hat und legt sich schlafen. Dank seiner tatkräftigen Unterstützung haben wir nun reichlich Fleisch und Gemüse im Lager und eine weitere Gefahr gebann. Ich grille noch das restliche Fleisch, lagere es ein und begebe mich anschließend in meine Schlafhütte. Ich liege aber noch lange wach und frage mich nach wie vor, wie um Himmels Willen Wölfe nach Prigorodki kommen konnten. Wie ich es drehe und wende, ich finde keine Antwort. Ich weiß nicht, was ich glauben soll. War es am Ende eine höhere Macht, die Samariter Rots Flehen nach Essen auf makabre Art und Weise erhört hat oder einfach eine Laune der Natur?