Unbekanntes Datum – Solnichniy
Das große Finale (5) - Wendepunkt
"Light it up, light it up, now I'm burning
Feel the rush, feel the rush of adrenaline
We are young, we are strong, we will rise
Cause I'm back, back, back from the dead tonight."
Eigenartig. Die Schmerzen haben schlagartig nachgelassen. Obwohl Hunger und Durst noch immer an mir nagen, fühle ich mich plötzlich so viel leichter, als hätte mich ein unsichtbares Gewicht verlassen. Die Dunkelheit ist dicht und schwer, doch der silbrige Schein des Mondes durchbricht sie und enthüllt verschwommene Umrisse: Berge, Bäume, und ungeahnte Weiten. Es dauert einen Moment, bis ich es begreife: Die Explosion hat mich erwischt, und nun bin ich – wie es hier in Chernarus üblich ist – an der Küste gestrandet. Gewissermaßen zurück von den Toten. Der Gedanke ist erschreckend, doch auch surreal vertraut in dieser Welt. Ich schiebe ihn hastig beiseite und konzentriere mich auf das Hier und Jetzt. Ich bin ihnen entkommen!
Mein Schicksal liegt wieder in meinen Händen. Keine Zelle, keine Gitter, keine Bewacher, keine Ohnmacht oder Hilflosigkeit – nur ich und die endlose Nacht. Zum ersten Mal seit Tagen bin ich frei. Ich kann selbst bestimmen, wohin ich gehe und was ich tue. Der Gedanke ist berauschend, doch ich weiß auch: Die Entführer werden mich suchen. Sie werden es nicht auf sich beruhen lassen und wenn sie mich finden, dann droht mir ein noch viel schlimmeres Schicksal als der Tod… Noch ist die Nacht mein Freund, und ich muss ihren Schutz nutzen.
Langsam taste ich mich vorwärts und finde in meinem Inventar ein gelbes Knicklicht. Es ist riskant, doch ich brauche Orientierung. Vorsichtig lasse ich das Licht aufleuchten, und die Welt um mich herum nimmt Gestalt an. Mein Blick bleibt an einer kleinen blauen Klinik hängen: Solnichniy! Der Ort, an dem vor Jahren alles begann. Tja und nun bin ich wieder hier. Es ist wie ein Kreis, der sich schließt.
Mit jedem Schritt nimmt meine Entschlossenheit zu und ich weiß, dass ich es schaffen kann. Den Weg nach Prigorodki kenne ich blind, auch wenn ich einige Zeit dafür benötigen werde. Aber wenn ich Essen und Trinken habe, kann ich es schaffen. Ich weiß, wie man hier draußen allein überlebt und nicht auffällt. Mein Ziel ist klar: zurück ins Auffanglager in Prigorodki, zurück zu meinen Freunden. Die Aussicht auf ein Wiedersehen treibt mich voran, doch ich weiß auch, dass ich mich beeilen muss. Die Entführer werden nicht aufgeben. Sie werden mich jagen und vermutlich auch erwarten. Ich muss schneller und vor allem cleverer sein als sie.
Die Klinik bietet mir Zuflucht vor den umherstreifenden Zombies, und ich nutze die Gelegenheit, mich umzusehen. Mein Herz bleibt fast stehen, als ich in einer dunklen Ecke rote Sanitäterkleidung entdecke. Der Anblick lässt mich beinahe weinen. Ich ziehe sie vorsichtig an, der Stoff ist weich und sauber – so anders als die zerschlissene Kleidung, die ich zurücklassen musste. Es fühlt sich an, als würde ich einen Teil von mir zurückgewinnen. In dieser Kleidung bin ich wieder Herz-aus-Gold. Wieder ein Mensch. Ich bin wieder ich.
Doch die Realität holt mich schnell ein. Vor der Klinik lauern Zombies, und ich muss mich lautlos an ihnen vorbeikämpfen. Einer nach dem anderen fällt, bis ich mich zu den Überresten unseres Camps in Solnichniy vortaste. In einem der Zelte finde ich eine Packung Cornflakes, geräucherten Fisch und eine Wasserflasche. Ein kleines Festmahl in dieser Welt. Ich fülle die Wasserflasche am Brunnen auf und entdecke in einer Ecke die Leiche eines anderen Bambis. Freund oder Feind? Ich werde es wohl nie erfahren. Dankbar nehme ich, was ich finden kann – eine Bandage, eine Birne – und ziehe weiter. Jeder Moment zählt.
Während ich durch das Industriegebiet schleiche, durchbricht plötzlich eine Stimme die Stille: „Heeeerrrrz, Heeeerrrrz aus Gold!“ Mein Herz setzt einen Schlag aus. Freund oder Feind? Panik erfasst mich, war das etwa Trinitys Stimme? Ich werfe das Knicklicht ein Stück weit weg, um mögliche Verfolger in die Irre zu führen. Hinter einem Verschlag kauernd, halte ich den Atem an. „Wer will das wissen?“, frage ich mit einer Spur zu viel gespielter Überlegenheit, als mir eigentlich in solch einer Situation zusteht, mitten in die Dunkelheit.
„Smokey! Smokey Eyes!“ Die Erleichterung trifft mich wie ein Schlag, und Tränen steigen mir in die Augen. „Smokey!“, gebe ich überrascht von mir. Ihre Stimme ist jetzt klar zu erkennen; wie ein Leuchtfeuer in der Dunkelheit; warm und stark. Zitternd und überwältigt renne ich aus meinem Versteck auf sie zu. Lass das keine Falle sein! Aber da steht sie, mitten auf der Straße mit blauem Helm, Knicklicht und Plattenweste. Smokey Eyes !
„Smokey!“, rufe ich und stürze auf sie zu. „Du glaubst nicht, was mir alles passiert ist…“ Die Worte sprudeln aus mir heraus, doch ich besinne mich. Wir dürfen nicht hierbleiben, auf offener Straße und ich muss mich zusammenreißen. Die Mauer steht wieder. „Komm, lass uns abhauen!“, sage ich, doch halte inne, als ich ihren knurrenden Magen höre. „Du hast Hunger?“, frage ich. „Und wie“, nickt sie und ich gebe ihr schnell ein Stück von meinem Fisch ab, während ich selbst die Birne esse. Als hätte ich insgeheim damit gerechnet, den Weg zurück nicht allein antreten zu müssen. „Herrlich!“, bedankt sie sich. Es ist nicht viel, aber im Moment reicht es. Da taucht eine zweite Person neben ihr auf: BloodBlaze "Bloody". Meine Erleichterung ist grenzenlos, als ich Niggos treuen Freund sehe. Er ist also auch hier? „Mann, bin ich froh, euch zu sehen!“, sage ich erleichtert und könnte die beiden glatt umarmen.
Doch wir sind noch nicht in Sicherheit. Prigorodki ist unser Ziel, aber die Entführer könnten überall lauern. „Wir nehmen den Waldweg“, schlage ich vor. „Die Küste ist zu gefährlich.“ Smokey stimmt zu, warnt mich aber, dass sie keine Waffen haben. Keine Waffen? Das macht nichts. Dahin, wo wir gehen, brauchen wir keine Waffen. Wir werden einfach unsichtbar.
Während wir durch den Wald joggen, bemerke ich, wie meine neugewonnene Energie zu immer größeren Leistungen antreibt. Smokey und Bloody sind jedoch mit ihrer schweren Ausrüstung um einiges langsamer. „Nicht so schnell, Herz, wir verlieren dich sonst!“, ruft Smokey. Sie hat vollkommen recht. Ich passe mich an, drossele mein Tempo und fühle mich ein Stück sicherer in ihrer Nähe.
Als ich zurückblicke, bin ich kurz versucht, zu lachen – vor Erleichterung, vor Freude, vor schierer Erschöpfung. Ich bin frei, endlich frei! Mein Schicksal gehört wieder mir, und ich werde es nicht noch einmal aus der Hand geben!
„Danke, das ihr gekommen seid…“, beginne ich eine kurze Unterhaltung im Lauf. „Für dich, immer!“, entgegnet Smokey fürsorglich. Diese Worte sind wie Balsam für meine Seele. Während all der Zeit war ich nicht allein, meine Freunde waren wirklich auf der Suche nach mir und gemeinsam werden wir es nun auch zurück schaffen. Ich plane mit ihnen unsere Fluchtroute und schlage vor, einen großen Bogen zu machen. Wir müssen den Raum um Prigorodki zunächst großflächig umgehen und den Entführer ausweichen, um dann vielleicht einen Vorstoß von hinten her über Hikarus Scheune zu versuchen. Sie werden vermutlich eher die Küste und den Zugang von Elektrozavodsk aus bewachen. Aber haben wir für diesen Umweg genug Zeit?
Der Wald gibt uns Deckung, doch als die Sonne aufgeht, sind wir gezwungen, den Küstenweg nehmen, um den Zombies bei Three Valleys auszuweichen und keine Spuren zu hinterlassen. Ohne Knicklichter bewegen wir uns vorsichtig am Strand weiter, immer auf der Hut. Dann, plötzlich, bleibt mein Blick an einer unheimlich leuchtenden Kürbisfratze hängen, die in der Dunkelheit bei den Gleisen nahe Three Valleys erscheint.
Mein Herz setzt einen Schlag aus. Ist es ein Freund oder ein Feind? Hat die Fratze uns gesehen?


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