Beiträge von Interception

    Das Tagebuch der Scherben 7

    Stahl hat ein Problem Tag 14

    Freitagabend bekam ich mit, dass sich Leute an einer Base zu schaffen machten, deren Besitzer gerade nicht da waren. Über eine Mauer rein, Schlösser runter, Zugang verschafft. Wie man das genau nennen möchte, war mir eigentlich egal. Einem meiner Mitbewohner nicht.

    >> BAUWERK KOMPROMITTIERT
    ZUGANGSSICHERUNG UMGANGEN
    STRUKTUR SCHÜTZEN!

    „Natürlich interessiert dich das.“

    Also hin und erstmal gucken. Irgendwann kam ein Auto mit drei Leuten angefahren. Einer wurde in der Nähe der Base rausgelassen und bewegte sich allein weiter, während die anderen beiden das Auto weiter weg brachten und später zu Fuß zurückkamen. Der Abgesetzte sah für mich verdächtig nach Scout aus, also beobachtete ich ihn eine ganze Weile. Dann fiel ein Schuss. Von ihm? Aus dem Wald? Keine Ahnung.

    „JETZT.“

    Ein Schuss von mir. Der Scout fiel um. Die anderen verschwanden wieder und damit war die Sache für mich erledigt.

    Freitag vorbei.

    4000 Tag 15

    Samstag stand ich erstmal im Palast und hatte absolut keinen Plan, was ich mit mir anfangen sollte. Dann fiel mir Der Bert ein. Dem hatte ich noch fünf Schleifsteine versprochen, also eingepackt und Richtung Solnechny.

    Mit dem Boot machte ich unterwegs noch einen kleinen Abstecher und fand dabei zwei Feuerwerksbatterien.

    „Ei. Die brauch mer.“

    „Wofür?“

    „Des ergibt sich.“

    Über Funk bekam ich mit, dass an der I.K.E.A.-Basis irgendwelche Verhandlungen liefen. Natürlich hielt die Stimme das sofort für den perfekten Ort, um ein bisschen Scheiße mit Feuerwerk zu bauen. Ich war sogar dumm genug, die Idee gut zu finden. Problem: Die Dinger wollten ein Feuerzeug, eine Fackel oder sonst irgendwas Brennendes. Ich hatte Streichhölzer.

    „Ei super.“

    „Ja, danke.“

    Also weiter Richtung Solnechny. Zumindest wollte ich das. Irgendwann wurde das Rauschen stärker.

    „Stopp.“

    „Was?“

    Meine Hände rissen das Boot plötzlich zur Küste. Nicht freiwillig. Ich lenkte dagegen, mein Körper lenkte zurück und kurze Zeit später saß der Kahn im Sand. Karte raus.

    4000.

    Natürlich. Der verdammte Breitengrad.

    „Ich will nach Solnechny.“

    „Nicht weiter.“

    „Ja. Hab ich gemerkt.“

    Also stand ich am Strand und überlegte, wie fünf Schleifsteine nach Solnechny kommen sollen, wenn mein eigener Schädel mich dort nicht hinlässt. Dann hörte ich hinter mir einen Motor. Ein Sarka kam die Küste entlang und hielt bei mir. Herz-Aus-Gold am Steuer.

    Manchmal löst Chernarus Probleme tatsächlich von alleine.

    Ich erklärte ihr kurz die Lage und sie nahm die Schleifsteine dankend mit Richtung Bambi-Camp. Problem gelöst. Für mich ging es wieder nach Süden.

    Einfach mal nichts tun

    Über Elektro zurück Richtung Prigorodki. An der Garage der Schutztruppe hielt ich kurz an und guckte nach dem Rechten. Nach der Scheiße letztens lieber einmal zu viel nachsehen als einmal zu wenig. Im Bambi-Camp hielt .chantal2000 Wache und machte ihren Job ziemlich ordentlich und sah dabei auch noch gut aus. Ich dagegen hatte beschlossen, für den Rest des Tages keinen Scheiß mehr anzufangen. Einfach als Gast da rumhängen, bisschen kochen, Beet bepflanzen, durchs Essenszelt gehen und Scheiße labern. Hat erstaunlich lange funktioniert.

    Blitzo brachte irgendwann Stahlbleche vorbei. Lieferung angenommen, quittiert, fertig. Kurz danach tauchten zwei Bambis auf und erzählten, ihre Base würde gerade von Chaos angegriffen. Davon hatte ich selbst nichts mitbekommen. Ich sah nur zwei Leute, die sich im Camp halbwegs ausrüsteten, Essen in sich reinschoben und wieder Richtung Norden verschwanden.

    Später kam noch ein besser ausgerüsteter Typ vorbei, der sich "Braunes Auge" nannte und mich nach einem Nachtsichtzielfernrohr fragte. Ich besitze seit ungefähr gestern überhaupt erst ein Nachtsichtgerät.

    „Bruder, das ist weit über meiner Gehaltsklasse.“

    Irgendwann probierte ich eine der Feuerwerksbatterien aus. Tagsüber. Sah scheiße aus. Chantal fand die Idee ebenfalls eher mittelmäßig. Nachts war das schon besser. Das Camp war sowieso mit Lichterketten und Baustrahlern beleuchtet, also Feuerwerk dazu, ein paar Fotos gemacht und plötzlich sah der Laden tatsächlich ziemlich geil aus.

    Danach kontrollierte ich noch ein paar meiner Rücklagen. Waffen da. Munition da. Alles in Ordnung.

    Chaos kommt zum Reden

    Später kamen drei von der Truppe aus Richtung Norden zurück. Inzwischen hieß es, Chaos würde ebenfalls runterkommen. Zum Verhandeln.

    Wenig später rollte ein Humvee ans Camp. Vier Leute von Chaos. Es wurde geredet, irgendwelcher Kram wechselte den Besitzer, irgendwelche Passwörter ebenfalls und am Ende war die Sache tatsächlich erledigt. Ohne Schüsse. Ohne weitere Tote. Fast schon verdächtig vernünftig.

    Chaos wollte gerade wieder los, da meldete sich eine Stimme.

    „Ei. Rot.“

    „Was?“

    „Ambinde.“

    Ich schleppe inzwischen praktisch jede Farbe mit mir rum. Man weiß ja nie, wann irgendein komplett bescheuerter Plan plötzlich eine bestimmte Armbinde braucht. Also rote Armbinde angezogen und zum Humvee gestellt.

    Einer von Chaos guckte mich an. „Warum hast du jetzt eine rote Armbinde an?“

    „Weil ich mitfahren möchte.“

    „Wir haben keinen Platz mehr. Sonst würden wir dich gerne mitnehmen. Wir brauchen sowieso noch einen Testdummy, den wir von irgendeiner Mauer werfen können.“

    „Ja, dann tut’s mir leid. Dann halt nicht.“

    Armbinde wieder aus. Immerhin wurde mir versprochen, dass ich beim nächsten Mal mitdarf, wenn Platz frei ist. Dann kam noch das Alternativangebot: „Außer du möchtest zerstückelt im Kofferraum mit.“

    In meinem Schädel herrschte selten so schnell Einigkeit.

    „NEIN.“

    Das Rauschen drückte ebenfalls sofort dagegen. Selbst der hatte plötzlich keine dumme Idee mehr.

    „Ja. Kofferraum fällt aus.“

    Chaos fuhr ohne mich davon.

    Medizin. Schon wieder.

    Danach wurde es wirklich ruhig. Herz-Aus-Gold verabschiedete sich irgendwann und zog weiter. Am Ende waren nur noch WhiskeyMixer und ich da. Whiskey stellte irgendwann fest, dass meine letzte Multivitaminbehandlung nun auch schon wieder etwas her war. Vor allem, weil die Stimmen wieder da waren.

    Dann zog er die Flasche raus.

    Multivitamine.

    Mein Körper reagierte schneller als ich. Ich rannte einfach los.

    „EY!“

    Whiskey hinterher. Das Rauschen schlug sofort um, die Nägel bissen und mein kompletter Schädel war geschlossen dagegen.

    „NEIN.“

    „Net widder!“

    >> BEKANNTE BEHANDLUNG ERKANNT
    VERBINDUNGSVERLUST BEI LETZTER ANWENDUNG
    WIEDERHOLUNG VERHINDERN

    „ICH würde das eigentlich gerne nochmal ausprobieren!“

    Meine Beine nicht. Die trugen mich bis Richtung Personenbahnhof. Irgendwann bekam ich genug Kontrolle zurück, um stehenzubleiben und Whiskey klarzumachen, dass er jetzt besser nicht versucht, mir das Zeug mit Gewalt zu geben.

    „Ich kann dich ja nicht zwingen.“

    Gut. Die Stimmen waren zufrieden. Ich nicht. Denn ich wusste noch ziemlich genau, wie es ohne sie gewesen war.

    Still. Einfach still.

    Also zurück ins Camp. Nach einer Weile bekam ich meinen eigenen Körper wieder soweit unter Kontrolle, dass ich Whiskey nochmal ansprach.

    „Okay. Mach nochmal.“

    Mein Schädel eskalierte.

    „NEIN.“

    „Du hast es zugelassen!“

    „Ei, bist du völlig bescheuert?“

    „Ist mein Arsch.“

    Damit war die Diskussion für mich beendet. Whiskey sagte, ich solle mich schon mal aufs Bett legen. Er käme sofort wieder. Also lag ich da. Schon wieder. Und fragte mich, warum medizinische Versorgung bei mir eigentlich regelmäßig damit endet, dass ich irgendwo mit runtergelassener Hose herumliege.

    Dann kam Whiskey zurück. Gasmaske. Kopflampe. Komplettes Arzt-Outfit. Und ein Topf mit warmem Wasser.

    „Oh nein.“

    Fast gleichzeitig tauchte Ersetzbares CrewmitgliedNr. 371 auf. Sie sah Whiskey, sah mich auf dem Bett und beschloss offenbar, dass sie sich diesen Scheiß jetzt ansehen würde. Mit Schrotflinte in der Hand. Zur Sicherheit. Natürlich.

    Noch bevor sie richtig stand, wurde es in meinem Kopf plötzlich warm.

    „Ohhhh.....“

    „Was?“

    „Die Auserwählte.“

    „Verpiss dich, du ekel. Ich hab keine Zeit für deine nutzlosen Einwürfe.“

    Whiskey begann seine medizinische Vorbereitung. Reinigen. Desinfizieren. Warmes Wasser. Lockern. Ich habe aufgehört, Fragen zu stellen. Die Stimmen nicht.

    „STEH AUF.“

    „LAUF.“

    >> ABBRUCH EMPFOHLEN
    ABBRUCH EMPFOHLEN
    ABBRUCH EMPFOHLEN

    371 stand daneben und hielt Wache. Diesmal sah ich genau hin. Whiskey nahm die Flasche, holte eine Multivitamintablette raus und kurze Zeit später war sie da, wo Whiskey der Meinung ist, dass Vitamine am besten aufgenommen werden.

    „Und?“

    „Noch nichts. Vielleicht muss die erst wirken.“

    Weiter kam die wissenschaftliche Auswertung nicht.

    Denn plötzlich wurde gelacht.

    Laut.

    Von einer Frau.

    Whiskey und ich sahen uns an. Dann zu 371. Sie stand immer noch mit der Schrotflinte da.

    Und lachte.

    Dieses Lachen. Das Lachen, bei dem jeder in Chernarus weiß, dass irgendjemand etwas gegessen hat, das früher mal einen Vornamen hatte.

    371 hörte sich selbst lachen.

    „Oh fuck.“

    Die Auserwählte

    Ersetzbares Crewmitglied Nr. 371 fand die Erkenntnis ungefähr genauso beruhigend wie wir. Gar nicht. Sie konnte sich an kein Menschenfleisch erinnern und suchte sofort nach einer Erklärung. Ihr Blick fiel natürlich auf mich.

    Den Typen mit sechs Stimmen im Kopf.

    „DU!“

    „Was ich?“

    Sie wollte wissen, wie ich ihr das untergejubelt hätte und wann das passiert sein soll.

    „GAR NICHT!“

    Ich beteuerte meine Unschuld und bewegte mich dabei ganz nebenbei wieder zu meinem kleinen Haufen Ausrüstung neben dem Bett. Hose richtig an. Weste. Waffen. Reine Vorsichtsmaßnahme. Wenn eine verstörte Frau mit Kuru und Schrotflinte plötzlich überzeugt ist, dass du sie heimlich zum Kannibalen gemacht hast, fühlt man sich vollständig angezogen und bewaffnet einfach wohler.

    Zum Glück blieb es bei Worten. 371 wurde immer verstörter, immer angepisster und rannte irgendwann einfach aus dem Camp. Keine zehn Sekunden später gingen aus ihrer Richtung jede Menge Schüsse los. Als später wieder Ruhe war, lagen dort hauptsächlich sehr viele tote Zombies. 371 sah ich an diesem Abend nicht mehr.

    Verfall dagegen war begeistert.

    „Sie trägt etwas, das bleibt.“

    „Natürlich gefällt dir das.“

    Die Stimme wurde warm. Fast ehrfürchtig.

    „Nicht jeder wird so berührt.“

    „Ach komm.“

    „Sie ist auserwählt.“

    „Das ist Kuru.“

    „Gerade deshalb.“

    „Du hast das vorher gewusst.“

    „Ich habe es erkannt.“

    „Und deshalb ist sie jetzt auserwählt?“

    „Andere Krankheiten kommen und gehen. Diese bleibt. Sie zeichnet. Sie verändert. Kein Verband schließt sie. Keine Tablette nimmt sie fort.“

    „Du machst aus einer Hirnkrankheit gerade ein göttliches Zeichen.“

    Kurze Ruhe.

    „Vielleicht ist sie eines.“

    „Krank!“

    „Auserwählt!“

    „Du bist so unfassbar widerlich.“

    Danach hatte ich genug Medizin, Kannibalismus und göttliche Krankheitszeichen für einen Abend. Wirklich genug.

    -Tim [gdzherz]